Regine Möbius

Regine Möbius, Beauftragte für Kunst und Kultur

Kunst und Kultur haben es immer schwer gehabt. Sicher erinnert Ihr Euch alle noch, liebe Kolleginnen und Kollegen, an die Situation am Dienstag. Damit hatte es wohl zu tun, dass meine Wahl eine Art Sturzgeburt war.  Aber da ich Mutter bin, weiß ich, dass auch aus Sturzgeburten sehr schöne und sehr ansehnliche Kinder werden können. Deshalb bin ich eigentlich ohne Sorge. (Beifall)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, da das Amt ein Novum ist, lasst mich etwas ausführlicher auf Gründe und Notwendigkeiten zurückgreifen. Heinrich Böll hat auf dem Gründungskongress des VS, des Verbandes deutscher Schriftsteller, 1969 im Kölner Gürzenich das Ende der Bescheidenheit verkündet. Er ist uns allen bekannt als ein Schriftsteller, der in seiner Literatur zunehmend moralisch-kritischer Wächter gegenüber den gesellschaftlichen Entwicklungen der Bundesrepublik war. 1972 bekam er den Literatur-Nobelpreis.

Es ging ihm bei der VS-Gründung vorrangig darum, dass Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch gegenüber Verlagen und Medienunternehmen aller Art ihre berechtigten Forderungen erheben und durchsetzen. In seiner Rede stellte er fest: „Wir verdanken diesem Staat nichts. Er verdankt uns eine Menge. Mag er also darauf gefasst sein, dass er uns nicht länger auf dem Umweg über einen Pseudogeniekult oder auch nur auf dem Umweg über einen Pseudoindividualitätskult zerspaltet und zersplittert halten und einzeln abfertigen kann.“

Bereits mit der Gründungsrede gab Böll das Stichwort für den Weg in die Gewerkschaft. Damit erreichten die etwa 2.000 organisierten Schriftsteller eine Bündelung ihrer Kräfte und eine vielfache Möglichkeit, ihre Forderungen durchzusetzen. Partner war die IG Druck und Papier, die gut 15 Jahre später mit der Gewerkschaft Kunst die IG Medien bildete, eine der Quellorganisationen von ver.di. Dieser Weg war und ist für mich als gewerkschaftlich organisierte Schriftstellerin ein signalgebender, den ich gemeinsam mit vielen auf neue Weise fortführen möchte. Deshalb kandidierte ich für das Amt der Kunst- und Kulturbeauftragten.

Von besonderer Bedeutung ist dabei für mich, dass der ver.di-Bundeskongress in meiner Heimatstadt Leipzig stattfindet. Der Stadt, in der ich mich vor 18 Jahren an jedem Montag mit meiner Familie in den Zug der Demonstranten einreihte, um eine gewaltlose Revolution mit Kopf, Herz und Füßen zu erstreiten. Der Leipziger Oberbürgermeister Jung hat in seiner Begrüßungsrede - Ihr werdet Euch erinnern - bereits auf die Bedeutung Leipzigs für die grundlegenden Veränderungen in der DDR hingewiesen.

Unbedingt unterstreichen will ich auch seine Aussage zum Neonazismus und dessen erfolgreicher Bekämpfung in unserer Stadt. Auch ich habe an den Demonstrationen teilgenommen. Offensiv müssen wir die Auseinandersetzung mit Rassismus und Rechtsextremismus führen. (Beifall) In dieser Auseinandersetzung, auch hier in Leipzig, haben gesellschaftsbewusste Künstlerinnen und Künstler als Einzelne und mit ihrer Gewerkschaft sich zu Wort gemeldet und sich solidarisch verhalten.

Nun ein bisschen etwas zu meiner Person. Ausgangspunkt waren zwei abgeschlossene Studien. Das erste Studium an der Ingenieurschule für Chemie, Köthen, und das zweite 15 Jahre später, ein Hochschulstudium am Institut für Literatur Johannes R. Becher. Das heißt, mit Chemie und Literatur bin ich im Fachbereich 8 doch eigentlich sehr gut vertreten. Obwohl als Einzelne schreibend, ausgestattet selbstverständlich mit Stift und Papier, Nachschlagewerken und einem PC, empfinde ich mich nicht als Einzelne, sondern viel mehr als eine auf vielfache Weise Eingebundene. Eingebunden in eine Zeit, eingebunden in das von meiner Generation Erlebte, Gesehene, Gehörte und Verschwiegene. Ich habe Verrat erlebt, die Mitläuferschaft der Hoffnungsvollen, der Ahnungslosen und der Wissenden erfahren, den eigenen Mut gespürt, aber auch die Angst. Nach dem Fall der Mauer habe ich wieder Bündnisse gesucht. Sie waren nicht leicht zu finden. Ich meine nicht nur Bündnisse mit Gleichgesinnten. Sie hatten sich erhalten.

Aber für eine, die sich im öffentlichen Kulturleben bewegen will, sind Verbündete wichtig, die so öffentlich agieren wie man selbst. Das ist eine schwierige Position. Aber sie hat mir geholfen - und das kann ich natürlich nur für mich ganz persönlich sagen -, über die eigenen Interessen hinaus die Allgemeininteressen zu formulieren und zu positionieren.

Ich bin in den VS, den Verband deutscher Schriftsteller und damit in die Gewerkschaft eingetreten, habe für organisierte Schriftsteller den sächsischen Landesverband aufgebaut und 13 Jahre geleitet. Ich bin seit zehn Jahren stellvertretende VS-Bundesvorsitzende, übernehme Verantwortung in Gewerkschaftsgremien, in regionalen und in überregionalen Einrichtungen. Dort diskutiere und streite ich für die Interessen der Künstlerinnen und Autoren. Sie haben, abgesehen von kulturpolitischen Höhepunkten, einen schweren Stand in der Gesellschaft. Man sah es in diesen Tagen wieder. Das Jahresdurchschnittseinkommen von Schriftstellern beträgt nach offiziellen Statistiken der Künstlersozialkasse 11.000 Euro im Jahr. Ein gesichertes Leben auch mit ausreichender Rente ist für fast alle Autoren und Künstlerinnen ein Fernziel, ein Skandal in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik.
Die Bundesregierung hat vor vier Jahren eine Enquetekommission zur Zukunft der Kultur in Deutschland eingerichtet. Wir haben uns in deren Arbeit eingemischt und unsere Forderungen im Interesse der Künstlerinnen und Künstler bei zahlreichen Gelegenheiten vorgetragen und eingefordert. In diesem Monat sollen die Ergebnisse mit politischen Handlungsorientierungen vorgelegt werden. Wir werden diese begutachten und bewerten. Was förderungswürdig ist, werden wir unterstützen, aber wo Kritik und Korrektur notwendig sind auch das unüberhörbar vortragen. Ich bin sicher, dass wir dabei auch ver.di als Gesamtorganisation an unserer Seite haben werden. (Beifall)

Ausgestattet mit dem Mandat dieses Kongresses bin ich zuversichtlich, dass wir als Künstlerinnen und Künstler in ver.di zukünftig mehr Gehör finden werden. Wir alle haben genug Worte, um uns verständlich zu machen. Wir als Schriftstellerinnen und Schriftsteller aber haben sie human und sozial einzubinden. Wir sind einer Ästhetik verpflichtet, die jenseits des Vokabulars der Machtergreifung und Machtbehauptung, des Rechthabens und Rechthabenwollens steht.

Wenn die Gewerkschaft ver.di das Mandat vergibt, das heißt eine Person beauftragt, in ihrem Namen Kunst- und Kulturpolitik zu artikulieren, zu bündeln und ins Land zu tragen, ist das meines Erachtens ein unüberhörbares und außerordentliches Signal. (Beifall)

Ich danke an dieser Stelle den Kolleginnen und Kollegen aller vier Kunstfachgruppen, dass sie mich für diese Aufgabe nominiert haben. Damit das Amt einen Sinn hat, muss es neue Proportionen schaffen. Das bedeutet, Organisationsphantasie und vorhandene Potenziale der Gewerkschaft müssen genutzt werden, um neuen Denkmodellen Raum zu geben, die nicht nur als Erklärungsmuster dienen, sondern emanzipatorische Anstöße sind. Es geht dabei um einen inhaltlich erweiterten Interessenbegriff, der den gesamten Lebenszusammenhang aller Tätigkeitsformen berücksichtigen sollte, ist doch für viele der Begriff „Arbeit“ auch ein kultureller,  über den sich Identität bildet, über den der eigene Erfolg wahrgenommen wird.

Vor diesem Hintergrund ist die These der Philosophin Hannah Arendt bedenkenswert für uns. Sie schreibt: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht.“

Um so notwendiger ist es, den Arbeitsbegriff neu zu betrachten, zu erweitern und zu vervielfältigen, damit unterschiedlichste Formen von Tätigkeiten einen für uns annehmbaren Rang beziehungsweise Wert bekommen. Wir sind als Gesellschaft, egal ob wir damit umgehen können oder nicht, durch die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse aufgefordert, ja geradezu genötigt, unseren Mitgliedern und denen, die wir für uns gewinnen wollen, dorthin zu folgen, wohin sie gehen. Das sind wechselnde Arbeitsplätze, Freiberuflichkeit, Arbeitslosigkeit und eine sich zunehmend verändernde Freizeitgestaltung. In der Praxis bedeutet das: Statt zu beklagen, dass sich die Falschen der Kultur bemächtigen, den eigenen Kulturauftrag klar zu definieren, auf der Strecke Gebliebenes zu ermitteln und nicht bedachte Konsequenzen in der hinter uns liegenden Arbeit zu benennen.

Kulturpolitik in ver.di muss nach meiner Auffassung im Wesentlichen dreierlei zu bewirken:

Erstens: Sie muss Räume, auch Freiräume schaffen, sichern und ausbauen, in denen Kunst existieren und öffentlich werden kann - und das im wörtlichen materiellen Sinn wie im übertragenen.

Zweitens: Sie muss die Voraussetzungen schaffen und sichern für die Begegnung mit den Künsten, muss helfen, kulturelle Demokratie zu entwickeln, und zwar durch die Verbreitung der Zugangsmöglichkeiten, durch Erweiterung der Teilhabe, durch Ermutigung der Kreativität anstelle passiven Konsums.
Drittens: Sie muss die aktive kritische Auseinandersetzung fördern und Streitkultur ermöglichen.

Die Kunst und Kultur eines Landes sind nicht nur notwendige Ergänzungen zu einem Bild, das in Diskussionen, in Ministerreden in diplomatischem Stil, in Export- und Importziffern als werbewirksam erwähnt wird. Kunst und Kultur sind auch nicht das - in An- und Ausführungsstriche - in voller Übereinstimmung gebündelte Lächeln von Staatsmännern nach getaner Arbeit. Kunst und Kultur eines Landes sind - ich sage das noch einmal - nicht nur notwendige Ergänzungen. Ihre Mitteilungen sind ganz anderer Art als die der Politik.

Das Deutschland der Nachkriegsjahre wäre längst entschwunden, hätte es nicht in der zeitgenössischen Literatur oder der Malerei Ausdruck gefunden. Wo wäre der geschichtliche Augenblick 1945 ohne Günter Eich oder Wolfgang Borchert? Wenn wir als Künstler in ver.di neu definieren, in welcher Weise die Organisation ihre Aufmerksamkeit auf die Lebenszusammenhänge der Menschen richten kann, sollten wir uns Folgendes vor Augen führen:

Der Titanensohn Prometheus - das bedeutet der Vorausdenkende - hat nicht das Feuer vom Himmel geholt, damit noble Restaurants ihre Eisbomben flambieren können. Er hat es geholt, damit wir Licht und Wärme haben, damit wir für etwas brennen.

Und wenn sich das alles in diesem Land in Richtung der Restaurantbetriebsamkeit verschiebt, muss die Kunst nicht etwa bescheiden zurückstecken - oh nein! Sie muss eine Möglichkeit finden, ihr Feuer anders zu entfachen. Ich denke, auf anderen Wegen - auf Wegen aus der Gewerkschaft heraus und selbstverständlich mit ihr zusammen. (Beifall)

Mit diesem neuen Amt sollte es gelingen, Emanzipationsbedürfnisse in der Gesellschaft zu stärken. Gefragt sind intellektuelle Neugier, Gedankenlust und Sachverstand, um neue Konzepte Praxis werden zu lassen. Bereits beginnend bei Kindern und Jugendlichen müssen in Projekten, Workshops und anderen Veranstaltungsformen so wichtige Kompetenzen wie Kreativität, Teamfähigkeit, Offenheit und Toleranz vermittelt und eingeübt werden. (Beifall)

Die Stärkung durch künstlerische Erziehung und Bildung kann in vielen Regionen durch die in ver.di organisierten Künstler initiiert werden. Unsere Erfahrungen in lokalen Projekten zeigen: Es lohnt sich, über künstlerisch inspirierte Handlungsformen im Interesse der Emanzipation der Arbeit nachzudenken. Wir Künstlerinnen und Schriftsteller in ver.di sind dazu bereit, diesen Weg gemeinsam mit Euch zu gehen, wenn Ihr es wollt. (Beifall)

Mit diesem Weg sendet ver.di ein neues Signal kulturpolitischer Kommunikation. Uns allen wünsche ich dazu gutes, gemeinsames Gelingen. - Herzlichen Dank für Eure Aufmerksamkeit. (Beifall) Und an dieser Stelle kann ich auch sagen: Und herzlichen Dank für Euer Votum an mich am Dienstagabend. (Beifall)