Vierter Kongresstag

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Beginn: 10.11 Uhr


Klaus Böhme, Kongressleitung

Kolleginnen und Kollegen, ich hatte eigentlich vor, zu einem späteren Zeitpunkt heute Morgen für mich ein persönliches Resümee dieses Kongresses bis zum heutigen Morgen zu ziehen. Aufgrund dieser Panne ziehe ich es jetzt: Mein Leben wäre ohne ver.di vielleicht einfacher, nur wäre es nicht mein Leben. (Starker Beifall)

Besonders herzlich begrüße ich in unserer Mitte einige Gäste: Ich begrüße Andrea Nahles, Mitglied des Präsidiums der SPD. Sei uns herzlich willkommen! (Starker Beifall)

Ich begrüße Berthold Huber, den Zweiten Vorsitzenden der IG Metall (Starker Beifall) Berthold, wir wünschen Dir für den anstehenden Gewerkschaftstag der IG Metall, der ja auch in diesem Haus stattfinden wird, einen guten Verlauf. Wir freuen uns auf eine gute Zusammenarbeit - voraussichtlich mit Dir. (Beifall)

Wir begrüßen Werner Dreibus, den gewerkschaftspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion Die Linke. Sei auch Du uns willkommen. (Beifall)

Und last but not least: Wir begrüßen den Generalsekretär der Europäischen Transportarbeiterföderation, Eduardo Chagas. Sei uns willkommen! (Starker Beifall)

Natürlich haben wir auch heute ein Geburtstagskind. Aber bevor wir zur Gratulationscour kommen, lasst mich einige organisatorische Hinweise loswerden.

Erstens noch einmal der Hinweis: Wir brauchen heute anstelle der Stimmkarte mal wieder unsere Fernbedienung, mit der wir vorgestern so gut haben arbeiten können. Wer also seinen Handsender noch nicht abgeholt hat, schnappe sich bitte seine Stimmkarte und eile in die Glashalle, um sich dort mit einem Handsender zu bewaffnen.

Zweiter Hinweis: Es ist eine Sonnenbrille bei uns abgegeben worden (Heiterkeit) - am Morgen nach einer feucht-fröhlichen Nacht unter Umständen ein sehr wertvolles Utensil. (Heiterkeit - Beifall)

Die Kollegin Petra Sprigode vermisste ihre Stimmkarte, sie kann sie hier vorn bei uns abholen.

Und letzter organisatorischer Hinweis: Der Kollege Wolfgang Keller sucht seinen Unterlagenkoffer, hellgrau mit rotem Kreuz. Das ist kein Verbandskoffer, sondern er hat seine Unterlagen darin. Er ist gestern Abend offensichtlich von ein paar Kolleginnen sozusagen sichergestellt worden. Es wäre schön, der Kollege erhielte seine Unterlagen zurück. (Zuruf: Diesen Koffer haben wir gestern gefunden und an die Security übergeben! - Heiterkeit) - Also, Kollege Keller, Dein Koffer ist auf Sprengstoff geprüft worden. (Heiterkeit - Beifall) Nun mögen unsere Unterlagen ja einigen Sprengstoff enthalten, aber ich denke, Du wirst den Koffer trotzdem zurückbekommen. (Heiterkeit - Beifall)

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, Geburtstag hat heute die Kollegin Jutta Strehl aus Uelzen. Dir die herzlichsten Glückwünsche des Kongresses. Komm bitte nach vorn. (Beifall - Geburtstagsmusik - Jutta Strehl begibt sich auf die Bühne und nimmt ein Präsent entgegen)

Bevor wir unsere Tagesordnung offiziell fortsetzen, möchte zunächst unser Kongressleitungskollege Bernt Kamin-Seggewies Euch ein wenig auf den heutigen Nachmittag einstimmen.

Bernt Kamin-Seggewies, Kongressleitung

Wie Ihr wisst, haben wir heute Nachmittag drei prominente politische Gäste, und ich möchte diese Hinweise ungern in Anwesenheit dieser Gäste geben. Deswegen erlaubt mir, jetzt etwas dazu zu sagen.

Wir haben als Berufsorganisation den Anspruch, massiven Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger in diesem Lande zu haben. Deswegen laden wir sie hier ein - zumindest die Parteien, die in den Parlamenten vertreten sind -, hier zu uns zu sprechen. Das ist eine gute Tradition, auch wenn manchmal der Umfang für einige etwas zu groß ist. Nun ist es gleichwohl so, dass natürlich bei den Positionen, die dort vertreten werden, vielen von uns die Zornesröte ins Gesicht steigt. Dabei ist es relativ egal, ob sie als Minister verantwortlich sind für das Schleifen der Mitbestimmung, wie in NRW, ob sie als Sozialdemokraten Verantwortung tragen für die Agendapolitik oder ob sie als Linke, wo sie in Koalition sind, mitbeschlossen haben, Sozialabbau zu betreiben, bis hin zu den Beschlüssen der Grünen zu Bundeswehreinsätzen in der ganzen Welt. Gleichwohl laden wir sie ein, hier zu reden, und ich denke, es ist auch richtig, sie reden zu lassen.

Nun haben wir ja bei der Eröffnungsveranstaltung mit Müntefering gesehen, dass es das verbreitete Bedürfnis gibt, zu einzelnen Positionen, die vorgetragen werden, auch den Unmut hier deutlich werden zu lassen. Deswegen ist es auch völlig in Ordnung, wenn wir denen das deutlich machen, ob mit Plakaten oder Transparenten. Schwierig wird es nur dann, wenn wir die Transparente so positionieren, dass die Kameras hier vorn nichts mehr sehen und damit drei Viertel des Kongresses keine Gelegenheit mehr haben, dem, was hier vorne passiert, visuell zu folgen. Deswegen möchte ich Euch, die so etwas vorhaben, bitten, dies so zu tun, dass sie nicht den Kameras im Wege stehen und übrigens auch nicht den manchmal 200, 300 Kolleginnen und Kollegen, die hinter dem Transparent sitzen. Sie sehen dann auch nichts mehr. (Beifall)

Ein zweiter Punkt. Es gibt ein paar Sicherheitsvorgaben, die wir einhalten müssen. Bei allem Verständnis dafür, dass der eine oder die andere es für wichtig hält, mit einer politischen Aussage sozusagen ins Bild zu kommen: Die Personen, die hier sprechen, haben zum Teil sehr hohe Sicherheitsstufen. Deswegen ist es nicht möglich, dass, wie beim letzten Kongress, versucht wird, hier auf die Bühne zu kommen, um sich im Hintergrund zu positionieren. Wir würden unsere Kolleginnen und Kollegen Ordner in eine fürchterliche Situation bringen, wenn es in aller Öffentlichkeit ein Gerangel gäbe, um zu verhindern, dass jemand auf die Bühne geht. Da bin ich ganz eigennützig, ich habe diesen Teil nämlich heute Nachmittag an der Backe.

Auf dem letzten Kongress hatte der Kollege in der Kongressleitung, der zuständig war, als derjenige, der in diesem Moment das Hausrecht ausübte, die Aufgabe, sozusagen mäßigend einzuwirken. Das haben ihm sehr viele krummgenommen, mit der Folge, dass er aufgefordert worden ist, aus der Kongressleitung zurückzutreten. Ich möchte, dass wir uns das ersparen, insbesondere mir. - Vielen Dank. (Beifall)

Klaus Böhme, Kongressleitung

Bernt, Dir vielen Dank für diese frühzeitigen Hinweise auf den heutigen Nachmittag. Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, bevor wir offiziell in der Tagesordnung fortfahren, wird zunächst Frank Bsirske zu Euch sprechen und anschließend auch Monika Brandl, um noch einmal auf die Situation, in der wir uns befinden, auf die eingetretenen Irritationen, die mit zu meinem persönlichen Fazit bis zum heutigen Morgen geführt haben, einzugehen. Frank, Du hast das Wort.

Frank Bsirske, ver.di-Vorsitzender

Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst mich kurz etwas zum gestrigen Tag sagen. Unser Kongress hat sich gestern auch nach dem, was am Dienstag gelaufen ist, in einer schwierigen Situation befunden. So, wie es aussieht, spricht sehr vieles dafür, dass es uns gelingen kann, diese Schwierigkeiten gut zu bewältigen. Dass wir in einer schwierigen Situation gewesen sind, daran kann es keinen Zweifel geben.

Das hat insbesondere mit zwei Punkten zu tun, und zwar erstens mit der, wie ich sagen möchte, Spannweite zwischen 11 und 14 Bundesvorstandsmitgliedern, zweitens mit Personenvorschlägen und den damit verbundenen politischen Wirkungen. Auch wenn sich jetzt abzeichnet, dass wir diese Schwierigkeiten werden bewältigen können, will ich doch noch einmal unterstreichen: Es ist deutlich geworden, dass dieser Kongress die Elf als Zielzahl ernst genommen sehen will und möchte, dass darauf hingewirkt wird, sie zu erreichen. (Beifall) Wir werden das ernst nehmen und ernsthaft auf diesen Schritt hinarbeiten. Das ist eine klare Aussage, die ich als Ergebnis der letzten beiden Tage an dieser Stelle machen möchte. Ich finde, es dient der Verständigung untereinander, das hier in dieser Deutlichkeit noch einmal zum Ausdruck zu bringen. (Beifall)

Was die Personenvorschläge und ihre politische Wirkung angeht, haben wir dazu in den landesbezirklichen Delegiertenrunden gestern diskutiert. Das ist manchmal auch in einer relativ überschaubaren Delegation von 30 oder 40 Mitgliedern nicht immer ganz einfach. Aber es wird in einer Delegation mit 250 Mitgliedern sicher nicht einfacher, sondern es spricht einiges dafür, dass es in so großen Runden noch komplizierter werden kann.

Unser Interesse, das Interesse des Bundesvorstands, das Interesse des Gewerkschaftsrats, das Interesse der Gesamtorganisation war, eine möglichst breit getragene Lösung für die personellen Perspektiven der Gesamtorganisation finden zu können. Deshalb hatten wir ein Interesse daran, dass in den Delegiertenrunden gründlich und für möglichst viele auf befriedigende Weise diskutiert werden kann. Vor diesem Hintergrund haben sich unsere Kolleginnen und Kollegen aus Nordrhein-Westfalen nachmittags noch einmal zusammengefunden und ausführlich miteinander diskutiert und dabei insbesondere vor dem Hintergrund der nordrhein-westfälischen Entwicklungen der letzten Zeit - ich sage gleich, worum es dabei ging - auch noch einmal die Kandidatinnenfrage für den Bundesvorstand Schwerpunkt Sozialpolitik in den Blick genommen. Sie haben sich dabei mit einem sehr einvernehmlichen Ergebnis hinter einen Vorschlag gestellt, der uns gleich noch beschäftigen wird, und dabei auch zurückgeschaut auf die Kontroversen, die es im Zusammenhang mit der NRW-Bezirkskonferenz des DGB in personeller Hinsicht gegeben hat, wo ver.di einen anderen Vorschlag vertrat und es mit unseren Bruder- und Schwestergewerkschaften im DGB zu tun hatte, die ihre eigenen personellen Vorstellungen auf die Bühne gebracht und dann auch durchgesetzt haben, und zwar in Gestalt der jetzigen stellvertretenden DGB-Bezirksvorsitzenden.

Diese Kontroverse hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir die Kollegin stellvertretende Bezirksvorsitzende, als wir uns Gedanken darüber gemacht haben, wer die Nachfolge von Christian Zahn, wer den Zusammenhang, den Kurt Martin im Bundesvorstand abgebildet hat, künftig abdecken könnte, zunächst nicht im Blickpunkt hatten, sondern die Kollegin außen vor blieb. Das wäre - Ihr werdet ja Gelegenheit haben, zu erleben, wie da auch aufzutreten verstanden wird - im Nachhinein betrachtet im Grunde durchaus zusätzliche Überlegungen wert gewesen. Das könnt Ihr Euch gleich selbst zu eigen und nachvollziehbar machen.

Ich habe das angesprochen, weil dabei zugleich deutlich wird, warum es diesen Vorlauf bei der Kandidatinnensuche für den Schwerpunkt Sozialpolitik gegeben hat und warum unsere nordrhein-westfälischen Kolleginnen und Kollegen gestern länger zusammengesessen haben, als das bei anderen Delegationen der Fall war.

Am Ende hat es dann doch eine sehr einvernehmliche Diskussion gegeben. Es hat darüber hinaus auch noch kurz Überlegungen gegeben, wen man auch vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen für eine weitere Position vorschlagen könnte. Ich bin denen, die sich gestern dazu Gedanken gemacht haben - das gilt für unsere hessischen Kolleginnen und Kollegen, und das gilt für unsere nordrhein-westfälischen Kolleginnen und Kollegen -, dankbar dafür, dass sie an dieser Stelle initiativ geworden sind. Wir haben uns mit denen, die dabei in die Diskussion gebracht worden sind, gestern im Gewerkschaftsrat sehr intensiv auseinandergesetzt. Zu den Ergebnissen und zum Stand nach der gestrigen Gewerkschaftsratsberatung wird jetzt Monika Brandl berichten. Mir kam es darauf an, an die Situation von gestern anzuknüpfen und deutlich zu machen: Es ist aufgenommen worden, was dieser Kongress signalisiert hat. Wir bedanken uns dafür, dass es intensive Diskussionen und auch Initiativen zu Vorschlägen gegeben hat.

Soweit von meiner Seite einleitend. Jetzt, denke ich, solltest Du, Monika, übernehmen. - Ich bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit. (Beifall)

Monika Brandl, Vorsitzende des Gewerkschaftsrats

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,  ich mache gleich weiter. Frank hat es gesagt. Wir hatten gestern eine außerordentliche Gewerkschaftsratssitzung. Wir haben getagt und können Euch den Beschluss mitteilen. Der Gewerkschaftsrat hat sich gestern einstimmig für Elke Hannack ausgesprochen. Wir wollen sie Euch heute für die Wahl empfehlen, und zwar, wie schon gesagt, der Gewerkschaftsrat einstimmig. Für das 14. Mandat werden wir uns weiter bemühen. Wir hoffen, dass wir Euch vielleicht, ich kann es aber nicht versprechen, heute oder morgen früh einen Vorschlag unterbreiten können. Elke, ich wünsche Dir jetzt ganz viel Glück. (Beifall)

Klaus Böhme, Kongressleitung

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, wir setzen den Kongress jetzt mit dem Tagesordnungspunkt 11.3, den wir wieder aufnehmen, fort. Ihr erinnert Euch, Wahl der weiteren Mitglieder des Bundesvorstandes. Ich möchte an dieser Stelle bereits einmal den neuerlichen Hinweis an die Presse geben, das Wahlgeheimnis der Delegierten zu respektieren und sich, während der Wahlvorgang gleich läuft, nicht im Bereich der Delegierten, sondern im hinteren Bereich des Saales, im Bereich der Gäste aufzuhalten.

In Nordrhein-Westfalen wird wieder ein bestimmter Block geröstet, weil man bei diesem Scheinwerferlicht doch sehr leicht ins Schwitzen gerät.
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, wir kommen zur Wahl eines weiteren Bundesvorstandsmitgliedes. Nominiert hierfür, Ihr habt es gerade gehört, ist die Kollegin Elke Hannack. Der Vollständigkeit halber frage ich: Wird dazu das Wort gewünscht? - Das ist nicht der Fall. Elke, Du hast jetzt das Wort. (Beifall)

Elke Hannack

Guten Morgen, liebe Kolleginnen, liebe Kollegen! Ganz kurz vorweg. Gestern Mittag lag ich noch relativ krank in meinem Fernsehsessel und habe den Feiertag genossen, als mich der Ruf ereilte. Der Schock hat mich ziemlich schnell gesunden lassen. (Heiterkeit, Beifall) Deshalb bin ich auch gestern Abend nach Leipzig geflogen.

Für Euch hat das einen Vorteil. Ich hatte aufgrund der Kurzfristigkeit nicht viel Zeit, mir Gedanken zu machen zu dieser Vorstellung heute Morgen. Deshalb halte ich es kurz.

Mein Name ist Elke Hannack, ich bin 46 Jahre jung, bin seit 25 Jahren Gewerkschaftsmitglied, genauso lang übrigens auch Mitglied in der CDU und CDA-Mitglied.

Gewerkschaftspolitisch habe ich meine ersten Schritte mit meiner Basisgewerkschaft, der HBV, Handel, Banken und Versicherungen, gemacht, falls die noch jemand hier kennt. (Heiterkeit, Beifall)

Mit der HBV habe ich mit zehn anderen mutigen Kolleginnen und Kollegen vor 25 Jahren bei einem hundertprozentigen Tochterunternehmen der Rewe Dortmund den ersten Betriebsrat gegründet, habe diesem Betriebsrat zehn Jahre vorgesessen, auch dem Gesamtbetriebsrat und - ich erzähle es immer wieder, weil ich darauf sehr stolz bin - wir hatten diesen Betrieb in einigen Jahren zu hundert Prozent organisiert. (Beifall) Deshalb ist auch Mitgliederwerbung einer meiner Schwerpunkte. (Beifall)

Dieser Hintergrund war auch der Grund dafür, dass wir in Nordrhein-Westfalen der erste Betrieb waren, der in einen Streik wegen der Ladenöffnungszeiten gegangen ist, seinerzeit - Ihr erinnert Euch -, um den langen Donnerstag zu verhindern. Lang, lang ist’s her. (Beifall)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ehrenamtlich habe ich in diesen zehn Jahren sehr viele Funktionen belegt. Ich war Fachgruppenvorsitzende Einzelhandel, Mitglied der Großen Tarifkommission, Landesbezirksfrauenausschussvorsitzende der HBV in Nordrhein-Westfalen und einiges mehr. Mit 30 Jahren habe ich mich entschlossen, hauptamtlich zu werden. Ihr wisst, die ehrenamtliche Arbeit ist manchmal so viel, da kann man auch direkt hauptamtlich werden, um das dann entsprechend bezahlt zu bekommen. (Beifall)

Ich habe beim Deutschen Gewerkschaftsbund zwei Ausbildungen gemacht. Eine Ausbildung zur Organisationssekretärin, später eine Ausbildung zur Rechtsschutzsekretärin. Das war mir am Ende zu langweilig. Ich bin zurück in den politischen Bereich gegangen und war zehn Jahre Kreisvorsitzende in der DGB-Region Oberberg-Rheinberg, einer ländlich strukturierten Region. Ich kenne also auch die hauptamtliche Arbeit auf der unteren Ebene beim DGB.
Vor eineinhalb Jahren habe ich mich zur Wahl gestellt in NRW zur stellvertretenden Bezirksvorsitzenden des DGB und bin dort auch in einer Kampfabstimmung gewählt worden. - Frank hat da gerade ein bisschen herumgeeiert (Heiterkeit, Beifall). Ich sage das nur, denn es gibt überhaupt keinen Grund, da herumzueiern.

Die Themenbereiche, die ich bis heute bearbeite, sind die Bereiche Jugend, Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Öffentlicher Dienst, Beamte, Frauenpolitik, Migration, interregionale Gewerkschaftsarbeit und Personal. Das ist eine ganze Menge an Themen. Die inhaltlichen Themen in der Sozialpolitik, die ich gerne weitergestalten möchte bei ver.di, sind im Grunde gesetzt.

Wir haben drei Schwerpunkte bis zur Bundestagswahl zu bearbeiten. Der erste Schwerpunkt ist die Durchsetzung des Mindestlohns von 7,50 Euro. (Lebhafter Beifall) Ich sage das hier mal ganz deutlich, auch an die Politiker: Sie müssen wissen, dass 7,50 Euro erst der Anfang sind. Das ist nicht das Ende der Diskussion. Wir kämpfen für einen menschenwürdigen Lohn. (Lebhafter Beifall)
Das zweite große Schwerpunktthema wird sein die Leiharbeit, sprich prekäre Beschäftigung. Auch Leiharbeit ist im Grunde eine Form der prekären Beschäftigung. Hier müssen wir alles daransetzen, um wieder mehr sozialversicherungspflichtige feste Arbeitsplätze zu schaffen und prekäre Arbeit zurückzudrängen. (Beifall)

Der dritte Schwerpunkt liegt mir besonders am Herzen, das ist der Schwerpunkt Altersarmut, Rente mit 67. Hier müssen wir bis Ende 2009 noch einmal eine richtige Durchsetzungsfähigkeit, die richtige Strategie entwickeln, um diese Rente mit 67 wegzubekommen, Kolleginnen und Kollegen. (Lebhafter Beifall)
Ein ganz persönliches Anliegen ist mir in dem Zusammenhang auch - Stichwort Hartz IV -, noch einmal die Kinderarmut zum Schwerpunkt zu machen im Bereich der Sozialpolitik, weil immer mehr Kinder betroffen sind von der Arbeitslosigkeit, von den kleinen 145 Euro, den 348 Euro Hartz IV, die die Eltern bekommen. Da sind wir gefordert, auch gesellschaftspolitisch etwas zu tun. Das werden meine großen Schwerpunkte sein in der Sozialpolitik, neben all den anderen Themen. Ihr kennt sie alle, ich muss sie nicht auflisten.

Deshalb will ich es hierbei belassen. Ich stehe Euch für Fragen zur Verfügung. Ich hoffe, Ihr gebt mir heute ein deutliches Signal durch die Wahl. Dafür wäre ich sehr dankbar. - Ich danke für Eure Aufmerksamkeit. (Lebhafter Beifall)

Klaus Böhme, Kongressleitung

Vielen Dank, Elke. Uns liegt eine Wortmeldung vor. Die Kollegin Kersten Artus mit der Delegiertennummer 480.

Kersten Artus, 480

Liebe Delegierte, einen schönen guten Morgen! Vielen Dank für Deine Rede. Sie hat mir persönlich gut gefallen. Ich möchte den Kongress trotzdem bitten, den Tagesordnungspunkt Wahlen zu verschieben. Es ist mein Wunsch, sicherlich auch der Wunsch vieler anderer, dass wir auch die Empfehlung der Findungskommission und des Gewerkschaftsrates noch abwarten, wer denn die andere Position im Bundesvorstand einnehmen soll. (Unruhe) Ich fände es gut, wenn wir die Wahlen dann auch gemeinsam durchführen würden. (Vereinzelt Pfiffe)

Klaus Böhme, Kongressleitung

Kollegin, vielen Dank für diese Meinungsäußerung. Wir haben uns hier oben auf der Bühne kurz verständigt. Die Kongressleitung möchte dabei bleiben, diesen Wahlgang jetzt durchzuführen, (Starker Beifall) dies auch vor dem Hintergrund Eurer Reaktion auf die Vorstellung von Elke. Der Applaus jetzt macht mir deutlich, dass die breite Mehrheit des Kongresses unsere Entscheidung stützt. (Beifall)

Weitere Wortmeldungen liegen uns nicht vor. - Doch, dort läuft gerade jemand mit seinem Stimmzettel in der Hand zum Wortmeldetisch. Ich bitte um ein klein wenig Geduld.

Ilona Herrmann, 750

Die Kandidatin hat gerade einige Punkte aufgezählt. Aber mich würde noch interessieren, was Du, Elke, zu der Gefahr sagst - Du hast sie zwar nicht erwähnt, aber wir wollen ja die Abschaffung der Ein-Euro-Jobs und deshalb besteht in den Konzepten, die im Moment in der Gewerkschaft diskutiert werden, diese Gefahr -, dass wir eigene Kombilohnmodelle entwickeln. Wie können wir die also abschaffen, ohne einen dritten Arbeitsmarkt zu fordern beziehungsweise den zweiten Arbeitsmarkt zu entfremden? Mit „entfremden“ meine ich, dass der Betreffende auf einmal gar nicht mehr im ersten Arbeitsmarkt landen soll, um es ganz einfach zu sagen.

Klaus Böhme, Kongressleitung

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, wenn es weitere Fragen gibt, dann schlagen wir vor, diese jetzt zu stellen, damit Elke dann auch en bloc auf diese Fragen eingehen kann. (Leichter Beifall) - Ich sehe nirgendwo jemanden aufspringen und sich hastig zur Wortmeldestelle zu bewegen. Somit liegen also keine weiteren Wortmeldungen mehr vor. Bitte, Elke.

Elke Hannack

Liebe Ilona, ich gebe Dir Recht. Die Einführung der Ein-Euro-Jobs war sozialpolitisch das Schlimmste, was man hat machen können. (Beifall) Inzwischen sehen wir in manchen Bereichen, zum Beispiel im Pflegebereich, in der Altenhilfe, aber auch in anderen Bereichen Pflegerinnen, die über Ein-Euro-Jobs angeblich qualifiziert werden, um dann in den Alten- und Pflegeheimen eingesetzt zu werden. Das ist eine Katastrophe.

Von daher ist die Forderung richtig zu sagen, wir müssen diese Ein-Euro-Jobs abschaffen. Sie müssen weg. Um dieses zu erreichen, bin ich 16 Jahre im DGB. Der DGB vertritt die Auffassung, wir brauchen einen ehrlichen zweiten Arbeitsmarkt. Was allerdings mit „ehrlich“ gemeint ist, habe ich bis heute noch nicht ganz verstanden. (Beifall) Auf jeden Fall brauchen wir einen ersten Arbeitsmarkt, der allen Menschen, die arbeiten wollen, auch eine Chance gibt. (Beifall) Dafür müssen wir Strategien entwickeln. (Beifall) Das wird meine Aufgabe sein.

Wie genau und mit welchen Konzepten ich das ausschmücken werde, muss ich auch mit den einzelnen Fachbereichen bereden. Das ist nämlich fachbereichsübergreifend, da muss man genau gucken und die Fachbereiche einbeziehen, um dazu auch Strategien zu entwickeln, die durchsetzungsfähig sind. Von daher kann ich Dir jetzt kein Rezept nennen. Aber ich werde das sicherlich in einigen Monaten tun können. (Beifall)

Klaus Böhme, Kongressleitung

Vielen Dank, Elke.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, bevor wir in den Wahlgang einsteigen, lasst mich noch einen Hinweis geben. Denkt bitte daran, dass Ihr gleich jeweils die „C“-Taste an den Handsendern drückt, den Handsender für Euch persönlich freizugeben.

Ich eröffne den Wahlgang. Das System ist freigeschaltet. Ich bitte Euch, jetzt mit Eurem Handsender abzustimmen. (Übertragung der Stimmsignale). - Ich schließe den Wahlgang und bin auf das Ergebnis genauso gespannt wie Ihr. - Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, die Spannung hat ein Ende. Ich gebe das Wahlergebnis bekannt: Abgegebene Stimmsignale 871, gewertete gültige Stimmen 857. Mit Ja haben gestimmt 795. (Starker Beifall) Es gab 62 Nein-Stimmen und 14 Enthaltungen. Elke, ich frage Dich: Nimmst Du die Wahl an?

Elke Hannack

Ja. Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, herzlichen Dank für dieses Ergebnis. Ich nehme die Wahl an und hoffe, dass ich mich diesem Vertrauen auch würdig zeigen werde. - Vielen Dank. (Starker Beifall)

Klaus Böhme, Kongressleitung

Liebe Elke, herzlichen Glückwunsch!
Wir unterbrechen den Kongress für drei Minuten.

(Unterbrechung des Kongresses: 10.50 Uhr)