(Fortsetzung des Kongresses: 13.51 Uhr)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben in der Tagungsleitung die Sprecherfunktion gewechselt. Anja hatte es angekündigt. Wir hoffen, Ihr hattet eine angenehme Mittagspause und seid gestärkt wieder hier im Saal zurück, damit wir gemeinsam unseren Kongress fortsetzen können.
Ich darf darum bitten, dass die Unterschriftenlisten für die Initiativanträge, für die heute um 18 Uhr Antragsschluss ist, soweit sie voll sind, bitte hier an der Wortmeldestelle oder unten am Counter, an der Schreibstelle abgegeben werden. Wenn noch Platz besteht, möchte ich darum bitten, dass die Unterschriftenlisten auch jetzt nach der Mittagspause weitergegeben werden.

Wir fahren dann mit dem Tagesordnungspunkt 4.2, nämlich mit dem ergänzenden mündlichen Geschäftsbericht des Bundesvorstands fort. Dazu hat jetzt das Wort der Kollege Gerd Herzberg, der den Finanzbericht des Bundesvorstands mündlich ergänzen wird.

Gerd Herzberg


Gerd Herzberg, stellvertretender ver.di-Vorsitzender

(hier gesondert dieser Finanzbericht mit den Schaubildern)

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, den ergänzenden Finanzbericht des Bundesvorstands möchte ich unter die Überschrift stellen „Finanzkraft ist Kampfkraft“. ver.di ist es in den vergangenen Jahren gelungen, immer wieder bei der Durchsetzung der Mitgliederinteressen Kampfkraft zu entwickeln. Das war möglich, weil wir einerseits das Engagement und den Einsatz unserer Mitglieder bei den Auseinandersetzungen oder bei den Arbeitskampfmaßnahmen hatten - und beides war riesig - und weil andererseits ver.di die Finanzkraft hatte und hat, die Auseinandersetzung zu führen, um die Mitglieder bei den Arbeitskämpfen zu unterstützen.
Das gilt auch für die Zukunft. Ich will in aller Deutlichkeit das Signal den Arbeitgebern und ihren Verbänden geben: Wir suchen die Lösungen am Verhandlungstisch, wir sind aber auch bereit und in der Lage, wenn die Verhandlungen zu keinem Ergebnis führen, erforderlichenfalls Arbeitskampfmaßnahmen durchzuführen. Neben der Bereitschaft unserer Kolleginnen und Kollegen, sich für ihre Interessen einzusetzen, hat ver.di die finanzielle Basis, die Auseinandersetzung zu führen und auch durchzuhalten. (Beifall) Insoweit steht fest: Unsere auf diesen beiden Säulen beruhende Kampfkraft ist groß. Darüber sollte sich niemand falschen Vorstellungen hingeben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich will Euch dazu aufzeigen, welche Streikaufwendungen wir in den vergangenen Jahren tatsächlich hatten. (Schaubild - siehe Anhang Seiten 000-000) Ihr erkennt an diesen Zahlen, dass wir uns bei den Tarifauseinandersetzungen zunehmend mehr gezwungen sehen, zu Warnstreiks und Streiks zu kommen. Die Zahlen zu den Streikkosten und Streiknebenkosten, die Ihr hier seht, zeigen auch, welchen finanziellen Einsatz wir für die Durchsetzung unserer Interessen gezeigt haben.

Das belegt auch die nächste Übersicht. (Schaubild) Die Zahl der Streiktage, die wir aus der Streikkasse finanziert haben, ist erheblich angestiegen. Von rund 58.000 Streiktagen in 2004 über 172.000 Tagen in 2005 erreichten wir 1,2 Millionen Streiktage in 2006 und bis dato in 2007 rund 630.000 Streiktage. Schwerpunkte in 2006 und 2007 waren natürlich die Auseinandersetzungen im öffentlichen Dienst und bei der Telekom.
Ich finde, dass sich unser Einsatz gelohnt hat; wir haben gute Ergebnisse erzielt. Es steht fest: Wir mussten auch gegenhalten, denn den Arbeitgebern ging es um massive Angriffe auf unsere Besitzstände und Rechte. Die Auseinandersetzungen haben gezeigt: Wir waren und sind in der Lage, die Auseinandersetzungen zu führen und die finanziellen Grundlagen dafür bereitzustellen. Insoweit gilt nochmals: Finanzkraft ist Kampfkraft.

Kolleginnen und Kollegen, ich habe diese Hinweise auf den Einsatz unserer Kampfkraft bewusst an den Anfang des Finanzberichts gestellt. Denn eines muss klar sein: Wir sind keine Sparkasse, wir sind der Zusammenschluss von Kolleginnen und Kollegen, die solidarisch ihre Interessen gemeinsam vertreten und durchsetzen wollen. Daran - und nur daran - hat sich der Finanzbereich zu orientieren und diese Zielsetzung zu unterstützen. (Leichter Beifall)

Kolleginnen und Kollegen, die finanzielle Basis als eine der Grundlagen für unsere Kampfkraft zu erhalten bedingt einen sorgsamen, verantwortungsvollen und planerischen Umgang mit den Beiträgen, die die Mitglieder der Organisation als solidarische Leistung zur Verfügung stellen. Dazu gehören im Finanzwesen die Grundsätze „Wahrheit und Klarheit“, die Schaffung von Transparenz gegenüber den Entscheidungs- und Kontrollgremien der Organisation und das Unterlassen eines jeglichen regelwidrigen Finanzmitteleinsatzes. Nach diesen Grundsätzen verfahren wir in ver.di.

Die Zusammenarbeit auf dieser Grundlage mit dem Gewerkschaftsrat, dem Haushalts- und Finanzausschuss des Gewerkschaftsrats und dem Aufsichtsrat der Vermögensverwaltung ist gut und vertrauensvoll in allen Finanz- und Vermögensfragen der Organisation. Über die genannten Gremien sind alle erforderlichen Beschlüsse zur Sicherung der finanziellen Basis, zur Entwicklung unserer Organisation und zur Sicherung unserer Zukunftsfähigkeit mit großer Einmütigkeit herbeigeführt worden. Ich bin stolz darauf, dass wir in den Finanzfragen eine gute Zusammenarbeit in der Organisation haben.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die entscheidende Größe für unsere Finanzkraft sind die Beitragseinnahmen. (Schaubild) Wie Ihr dem Schaubild entnehmen könnt, haben wir im vergangenen Jahr rund 414 Millionen Euro an Beiträgen eingenommen. In diesem Jahr erwarten wir Einnahmen aus den Beiträgen in Höhe von rund 404 bis 406 Millionen Euro. Wie Ihr allerdings der Übersicht seit 2004 entnehmen könnt, haben sich unsere Beitragseinnahmen leider kontinuierlich reduziert. Grund für die zurückgehenden Beitragseinnahmen ist die Mitgliederentwicklung. (Schaubild)

Das Schaubild zeigt die Abnahme unseres Mitgliederbestandes von 2004 bis 2006 um rund 189.000 Mitglieder. Auch im Vergleich der Jahre 2006 und 2007 werden wir in diesem Jahr wieder Mitglieder verlieren, wahrscheinlich in einer Größenordnung von mehr als drei Prozent. Die Gründe für die Verluste sind uns bekannt: eine weiter anhaltende Massenarbeitslosigkeit, Branchenumstrukturierungen mit massenhaftem Arbeitsplatzabbau, Ausgliederungen mit Arbeitsplatzvernichtung. Weitere Gründe kommen hinzu.

Von den Mitgliederverlusten sind die Landesbezirke und Fachbereiche jeweils unterschiedlich betroffen. Hier spiegeln sich die Vorgehensweisen der Arbeitgeber in den Regionen unseres Landes beziehungsweise die differenzierten Vorgehensweisen in den unterschiedlichen Branchen wider.

Für mich steht fest, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass die Mitgliederentwicklung und der damit einhergehende Beitragseinnahmerückgang uns zum Handeln zwingt. Wenn Finanzkraft gleich Kampfkraft ist, sind wir für den Erhalt der Kampfkraft gezwungen, unsere Strukturen - und damit meine ich auch die Finanzströme - so weiterzuentwickeln, dass wir in der Lage sind, bei der Betreuungsarbeit vor Ort, bei den Tarifbewegungen, unseren Aktionen und Maßnahmen das Thema Mitgliederentwicklung stets mit zu bedenken und mit zu berücksichtigen.

Kolleginnen und Kollegen, bei dem Thema Mitgliederentwicklung müssen wir schlicht und einfach besser werden; und das bedeutet, dass wir diesem Thema ein deutlich stärkeres Gewicht in unserer Arbeit geben. (Beifall)

Trotz der Mitgliederverluste ist es uns in den zurückliegenden Jahren gelungen, doch in erheblichem Umfang Menschen für einen Eintritt in unsere Organisation zu gewinnen. (Schaubild) Wie Ihr dem Schaubild entnehmen könnt, sind seit 2004 ver.di bis zum heutigen Tage insgesamt 373.035 Menschen beigetreten. Seit ver.di-Gründung sind es 700.000. Damit liegen wir an der Spitze der DGB-Gewerkschaften bei den Eintritten.
Auch gute Eintrittszahlen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir per saldo Mitglieder seit ver.di-Bestehen verloren haben und dass sich die Verluste natürlich bei den Beitragseinnahmen niedergeschlagen haben. In den zurückliegenden Jahren ist es zwar mit erheblichen Anstrengungen gelungen, durch besondere und, wie ich sage, notwendige Beitragsanpassungsmaßnahmen die Beitragseinnahmeentwicklung besser als die Mitgliederentwicklung zu gestalten. So lagen wir in den zurückliegenden beiden Jahren jeweils beim Jahresabschluss deutlich über dem Plan. Diese besonderen Anpassungsmaßnahmen lassen sich jedoch nicht beliebig wiederholen, sodass wir heute die Mitgliederentwicklung bei der Entwicklung der Beitragseinnahmen deutlicher in diesem Jahre spüren.

Erfreulich, Kolleginnen und Kollegen, ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung der Durchschnittsbeiträge. (Schaubild) Wie Ihr dem Schaubild entnehmen könnt, haben sich die Beiträge bis zum heutigen Tage auf 15,34 Euro, über alle Mitglieder gerechnet, entwickelt. (Schaubild) Wie Ihr dem weiteren Schaubild entnehmen könnt, liegen wir bei den erwerbstätigen Mitgliedern, die in Vollzeit arbeiten, bei einem Durchschnittsbeitrag heute von 22,09 Euro.

Ebenfalls erfreulich ist die Entwicklung bei den Beitragsrückständen. (Schaubild) Das Schaubild zeigt Euch, dass wir im Jahre 2004 noch knapp 20 Millionen Euro Beitragsrückstände hatten. Diese Zahl ist kontinuierlich auf einen durchschnittlichen Rückstand von heute 7,7 Millionen Euro zurückgearbeitet worden. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass wir beim Start von ver.di Beitragsrückstände hatten, die noch deutlich höher lagen. Insoweit gab es doch einige Lasten, die auf ver.di übertragen wurden.
Durch den guten Einsatz unserer Bezirke ist es gelungen, von diesen hohen Zahlen herunterzukommen. Ich möchte an dieser Stelle den Bezirken, insbesondere den vielen ungenannten engagierten Verwaltungsangestellten in den Bezirken, sehr herzlich für ihren Einsatz und für ihre Arbeit danken. (Starker Beifall)

Wir wussten, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass wir das Thema der Beitragsrückstandsbearbeitung sehr schnell in den Griff bekommen mussten. Werden Beiträge lange nicht abgerufen, sind sie verloren und nicht mehr rückholbar. Zur Stärkung unserer Finanzkraft mussten wir dieses Thema einschließlich der Entwicklung eines vernünftigen - das heißt für eine Gewerkschaft angemessenen - Mahnwesens angehen und zu einem guten Ergebnis führen.

Das Kassieren der Beiträge verursacht Kosten: 2,9 Millionen Euro per anno. Wir haben lange darüber diskutiert, wer die Kosten zu tragen hat. Durch einen wohlüberlegten Beschluss des Gewerkschaftsrates sind durch die Verlagerung der Beitragskassierkosten auf alle Budgets die Bezirke in einem erheblichen Umfang entlastet worden. Das haben die Bezirke auch ausdrücklich begrüßt.

Erfreulich, Kolleginnen und Kollegen, ist auch die Entwicklung der sogenannten Kassierquote. Sie beschreibt den Anteil der Mitglieder, die ihren Beitrag korrekt gezahlt haben. Die Kassierquote für die Lastschriftverfahren - das betrifft 80 Prozent unserer Mitglieder - liegt über 99 Prozent. Das ist deutlich besser als bei den ver.di-Gründungsorganisationen. Über alle Zahlungsarten, also einschließlich der Lohn- und Gehaltsabzugsverfahren und der Barzahler, die wir auch noch haben, beträgt die Quote knapp 97 Prozent. Das ist aus Sicht eines Finanzverantwortlichen sehr erfreulich.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Beitragseinnahmen stellen die Grundlage für die Haushalte auf den drei Ebenen und in den Fachbereichen dar. Die Aufteilung der für die Haushalte auf den drei Ebenen zur Verfügung stehenden Mittel kann dem folgenden Schaubild entnommen werden. (Schaubild) Nach dieser Übersicht erkennt ihr, dass wir gut 20 Prozent für Gemeinschaftsaufgaben aufwenden. Dazu gehören die Beiträge an den DGB und internationale Organisationen, die Bedienung des Streikfonds, des Innovationsfonds und des Kampagnenfonds, die Spitzenfinanzierung der Bildungsstätten und weitere übergreifende Gemeinschaftsaufgaben. 19,5 Prozent werden für die Aufgaben des Bundes, wie zum Beispiel Personalkosten, Sachaufwendungen der Ebenen und der Fachbereiche sowie Serviceleistungen für die Gesamtorganisation, zur Verfügung gestellt. Die Landesbezirke und Bezirke haben für Sachaufgaben und Personalaufwendungen den Anteil von 60,3 Prozent.

Die Regeln für die Verteilung der Mittel finden wir in unserer Budgetierungsrichtlinie. Die Budgetierungsrichtlinie war - daran will ich erinnern - für einige Gründungsorganisationen zwingende Voraussetzung für die Zustimmung zu ver.di. Es ist ein kompliziertes Regelwerk geworden. Über die Richtlinie regeln wir die Finanzströme in unserer Organisation. Die Budgetsätze in dieser Richtlinie regeln die Höhe der jeweiligen Zuweisung von Mitteln für die einzelnen Budgets der Ebenen und Fachbereiche auf der Grundlage der erzielten Beitragseinnahmen.
Die Budgetierungsrichtlinie ist auf Vorschlag der Strukturkommission im Jahre 2004 durch Beschlussfassung des Gewerkschaftsrates in Teilen neu gefasst worden. Ziel der Überarbeitung war es, eine aufgabengerechtere Finanzverteilung herzustellen.
Nach meinem persönlichen Eindruck ist dieses Ziel erreicht worden.

Andererseits erlebe ich immer wieder Diskussionen in unserer Organisation, die sich mit weiteren, möglicherweise erforderlichen Veränderungen der Budgetierungsrichtlinie befassen.

Dazu folgender Hinweis und folgende Erinnerung: Der Gewerkschaftsrat hat in seinem Beschluss vom Oktober 2004 festgelegt, dass die wesentlichen Regelungen einer Veränderungssperre von vier Jahren unterliegen und danach einer Überprüfung unterzogen werden. Angesichts einer Vielzahl von vorliegenden Anträgen zu diesem Kongress begrüße ich ausdrücklich diese Überprüfung und denke, dass es ein guter Weg wäre, die vorliegenden Anträge zur Veränderung der Budgetierungsrichtlinie in diese Überprüfung einzugeziehen.
Die nach den Vorgaben der Budgetierungsrichtlinie auf die einzelnen Budgets zu verteilenden Beitragseinnahmen werden über Haushaltspläne den verschiedenen Aufwandspositionen der Organisation zugeordnet. Über die Haushaltspläne beschließen die ehrenamtlichen Gremien. Ebenso beschließen die ehrenamtlichen Gremien über die Haushalts- und Jahresabschlüsse.

Die Haushaltsabschlüsse auf Bundesebene stellen unter Beweis, dass wir bei der Haushaltskonsolidierung entscheidend vorangekommen sind. (Schaubild) Ihr erkennt bei diesem Schaubild, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass wir nach erheblichen Haushaltsdefiziten in den ersten Jahren nunmehr auf Bundesebene seit 2005 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Wir haben erhebliche nicht verbrauchte Mittel in Millionenhöhe - 2005 waren es 7,7 Millionen, 2006 waren es 4,9 Millionen -, die dem Vermögen zugeführt werden konnten. Auch in 2007 planen wir einen ausgeglichenen Haushalt.
Die ausgeglichenen Haushalte sind insbesondere vor dem Hintergrund positiv zu bewerten, dass wir dazu übergehen konnten, gemäß Budgetierungsrichtlinie auf Bundesebene bei den Fachbereichen für Projekte und Aktionen und auf der Ebene für Investitionen Rücklagen zu bilden.

Die Haushaltskonsolidierung konnte nur durch umfangreiche Einsparungen und ein hohes Maß an Ausgabendisziplin auf der Grundlage von Beschlüssen des Gewerkschaftsrats und des Bundesvorstands gelingen. Die sogenannten Haushalts- und Personalkostenkonsolidierungsbeschlüsse des Gewerkschaftsrats waren für die Organisation Grundlage der Konsolidierungsarbeit. Vereinbarungen mit dem Gesamtbetriebsrat ergänzten die Arbeit zur Beseitigung der Haushaltsdefizite.

Die größten Probleme bereiteten und bereiten die Personalüberhangkosten. Dadurch, dass aus den Gründungsorganisationen mehr Personal in ver.di übertragen wurde, als Personalmittel zur Verfügung standen, gab es erhebliche Überhangkosten. Betroffen waren dadurch, in unterschiedlicher Intensität, alle Ebenen und Fachbereiche. Durch den Abbau von circa 1.400 Stellen in der Organisation konnte das Problem im Hinblick auf die Gesamtzahlen bundesweit gelöst werden. Wir haben heute in den Personalbudgets nicht verbrauchte Mittel.

Gleichzeitig aber stellen wir eine Schieflage in der Organisation fest. Wir haben Landesbezirke mit erheblichen nicht verbrauchten Mitteln - das heißt: auch erhebliche freie Stellen -, andererseits haben wir Landesbezirke mit weiterhin erheblichen Personalkostenüberhängen - das heißt: mit Personalüberhangkosten, die zu Haushaltsdefiziten führen.
An der Lösung dieser Probleme arbeiten wir gemeinsam mit den Landesbezirken. Das von uns in den letzten Jahren entwickelte Berichtswesen und die vorliegenden entwickelten Controllingverfahren ermöglichen uns, auf der Grundlage genauer Analysen über die Haushalte für die Landesbezirke und Bezirke gemeinsame Strategien zur Lösung der Probleme zu entwickeln.

Der Bundesvorstand ist mit den Landesbezirken in Beratungsgesprächen und hat die erforderliche Unterstützung nicht nur zugesagt, sondern setzt sie auch tatsächlich um. So sind wir zum Beispiel mit dem neuen Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen in Analyse- und Strategiegesprächen. Wir haben das Ziel, den neuen Landesbezirk auf solide finanzielle Füße zu stellen und ihm damit eine nachhaltige Entwicklungsmöglichkeit zu geben. Wir werden spätestens im ersten Quartal 2008 gemeinsam mit dem Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen eine Lösung erarbeitet haben.

An dieser Stelle ein Hinweis auf die Entwicklung in den Landesbezirken und Bezirken. (Schaubild) Ihr könnt auf dem Schaubild erkennen: Wenn man die Höhe der Rücklagen für 2002 mit 100 Prozent ansetzt, zeigt sich, dass die besonderen Belastungen, insbesondere durch die Personalüberhangkosten, zu einem Abbau der dezentralen Vermögen geführt haben; in 2005 waren es noch 86,6 Prozent. In der Zwischenzeit haben wir erreicht, dass wir insgesamt betrachtet die Rücklagen - und das ist das Vermögen - wieder aufbauen; allerdings stellt sich diese Entwicklung nach Landesbezirken differenziert dar.
Uns ist die Haushaltskonsolidierung mit dem Ergebnis ausgeglichener Haushalte auf Bundesebene gelungen. Dieses erfreuliche Ergebnis hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Handlungsfähigkeit der Organisation gesichert werden konnte. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir den weiteren Weg der Haushaltskonsolidierung konsequent fortsetzen müssen.

Eine Darstellung auf der Grundlage von Wahrheit und Klarheit darf nicht unerwähnt lassen, dass es die Position „Sozialplankosten“ gibt. Nach Beschlussfassung des Gewerkschaftsrats werden die Sozialplankosten aus den Vermögenserträgen finanziert. Dieser Weg ist nach meiner festen Überzeugung richtig; denn er sichert für die Haushalte die erforderlichen Handlungsspielräume, die wir für unsere Arbeit dringend brauchen. Die Sozialplanabrechnung im Jahresabschluss 2006 weist in den Kosten einen Aufwand von circa 29,2 Millionen aus, von denen 10,7 Millionen intern gegenfinanziert werden. Also ist unser Vermögen mit 18,5 Millionen belastet. Die Finanzierung der Sozialplankosten aus den Vermögenserträgen ist möglich. Wir verfügen über ein ausreichendes Bundesvermögen, um die entsprechenden Erträge zu erzielen und besondere Belastungen tragen zu können.

Zum Stichwort ver.di-Vermögen: An dieser Stelle möchte ich, meine sehr geehrten Damen und Herren, ihnen eine Hoffnung nehmen. Auch wenn einige schon mit gezücktem Kugelschreiber und bereit gelegtem Schreibblock auf die Zahlen zum ver.di-Vermögen warten, muss ich Sie leider enttäuschen. Unser Vermögen ist unsere Streikkasse, und die werde ich angesichts laufender Tarifauseinandersetzungen und im Hinblick auf mögliche größere Auseinandersetzungen in den nächsten Jahren nicht offenlegen. (Beifall) Ich hoffe, meine Damen und Herren, Sie haben dafür Verständnis.

Das ver.di-Bundesvermögen besteht aus den Segmenten Immobilien, Finanzanlagen und Beteiligungen. Im Einzelnen möchte ich dazu folgende Ausführungen machen: Zum Immobilienvermögen gehören 48 Objekte, davon 34 Gewerbeimmobilien und 14 Bildungsstätten. Zum größten Teil werden die Immobilien von ver.di selbst genutzt, ein Teil ist fremd vermietet. Der Immobilienbestand befindet sich ganz überwiegend in einem guten Zustand, sodass wir in diesem Segment des Vermögens eine gute Wertanlage haben.

Auf folgende Problemlagen möchte ich hinweisen: Es konnten noch nicht alle von ver.di aufgegebenen Bildungsstätten veräußert werden. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum Teil war die Lage nicht attraktiv, oder es gab, wie zum Beispiel bei Kochel am See, rechtliche Auseinandersetzungen mit der Gemeinde über zukünftige Nutzungsmöglichkeiten. Auch die weitere Nutzung der ehemaligen Hauptverwaltungen der Gründungsorganisationen gestaltete sich schwierig: Die Vermietung der ehemaligen ÖTV-Zentrale dauerte deutlich länger als geplant, die ehemalige DAG-Zentrale musste umgebaut werden, steht allerdings jetzt vor der Fertigstellung und der Vermietung, eine Verwertung der ehemaligen DPG-Hauptverwaltung in Frankfurt in der Rhonestraße steht noch aus. Trotz einzelner Problemlagen bleibt es bei der Aussage, dass wir einen guten, nach Portfolio-Gesichtspunkten vielleicht etwas zu großen Immobilienanteil haben.
Bei unseren Finanzanlagen gehen wir nach den von uns selbst gesetzten Regeln sehr vorsichtig vor. Wir betreiben keine Spekulationen und gehen nur in sichere Papiere. Insoweit sind wir aktuell auch nicht betroffen. (Beifall)

Mit der Entwicklung der Finanzanlagen können wir insgesamt sehr zufrieden sein. Unsere Kollegen von der Vermögensverwaltung hatten ein gutes Händchen bei der Anlage, sodass wir in den zurückliegenden Jahren gute Erträge erzielt haben.
Bei unseren Beteiligungen gibt es zwei wesentliche Nachrichten: Bezüglich der Beteiligung in der BGAG - der Beteilungsgesellschaft der Gewerkschaften - gab es Entwicklungen im DGB, die Auswirkungen auf unseren Anteil an der BGAG hatten. Im Aufsichtsrat der BGAG wurde bereits in den 90er-Jahren, also deutlich vor der ver.di-Gründung, eine Strategie beschlossen, sich von den Unternehmens- und Finanzbeteiligungen zu trennen. Der Prozess wurde mit der Veräußerung der Anteile an der BfG-Bank begonnen und in 2002 mit dem Verkauf der Anteile an der DiBa fortgesetzt. Mit dem Verkauf des BGAG-Anteils am BHW-Konzern, dem Verkauf der BauBeCon und der Hypothekenbank AHBR wurde der Umstrukturierungsprozess im Wesentlichen zu Ende gebracht.

Ich möchte zu dieser Angelegenheit eines festhalten: Die Veräußerung unternehmerischer Beteiligungen erfolgte nicht zu Lasten Dritter, sondern so, dass die Verbindlichkeiten der BGAG abgebaut werden konnten und unsere Interessen als Gesellschafter gewahrt blieben.

Die zweite wesentliche Beteiligung ist die Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft DAWAG. Die DAWAG hat seit der ver.di-Gründung eine sehr gute Entwicklung genommen. Die DAWAG hat einen Wohnungsbestand von rund 6.000 Wohnungen, und es sind, historisch bedingt, in der DAWAG erhebliche Finanzanlagen. Die DAWAG trägt erfreulicherweise erheblich zu unseren Vermögenserträgen bei.
Die DAWAG steuern wir über den Aufsichtsrat, in dem Mitglieder des Bundesvorstands und des Gewerkschaftsrats neben Arbeitnehmervertreterinnen- und -vertretern der DAWAG vertreten sind. Wir verfolgen das Ziel, den Wert der Gesellschaft nicht nur zu erhalten, sondern auch auszubauen. Auf diesem Weg sind wir ein großes Stück vorangekommen. Ich betone: Wir machen das nicht, um uns als Wohnungsbaugesellschaft zu betätigen, sondern um die finanziellen Grundlagen unserer Kampfkraft zu stärken.

So weit, liebe Kolleginnen und Kollegen, die Hinweise auf die Vermögens- und Immobilienverwaltung. Seid versichert: Die Verwaltungsgesellschaften sind so ausgerichtet, dass unsere Arbeit bei der Vertretung der Mitgliederinteressen zu hundert Prozent als Zielsetzung unterstützt wird.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, gestattet mir am Schluss folgendes Resümee:

Erstens. Die von mir aufgezeigte Lage im Finanzbereich und die Entwicklungen stellen unter Beweis, dass unsere Organisation eine ausreichende Finanzkraft hat. Über unser Vermögen sind wir in der Lage, die Interessen unserer Mitglieder jederzeit zu vertreten und für sie, wenn es sein muss, auch zu kämpfen.

Zweitens. Durch ein gutes Berichtswesen im Finanzbereich ist unsere Planungsfähigkeit stark verbessert. Das bedeutet, dass wir deutlich bessere Grundlagen für unsere Arbeit haben. Dadurch konnten wir unsere Unterstützungs- und Beratungsleistungen für die ver.di-Gliederungen erheblich ausbauen.

Drittens. Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, dass wir weiterhin vor der Herausforderung stehen, die Beitragseinnahmeentwicklung zu stabilisieren. Das ist eine der zentralen Aufgaben der gesamten Organisation für die Zukunft. Es ist, wie Frank in seinem Rechenschaftsbericht ausgeführt hat, die politischste Aufgabe.
Viertens. Wir haben durch eine gelungene Haushaltskonsolidierung unsere Handlungsfähigkeit gesichert. Diesen Weg werden wir weitergehen. Wir sind damit nachhaltig dafür ausgestattet, die Interessen unserer Mitglieder, also von Euch, Kolleginnen und Kollegen, nicht nur zu vertreten, sondern auch mit der notwendigen Unterstützung zu versehen.

Kolleginnen und Kollegen, ich danke für Eure Aufmerksamkeit. (Starker Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Gerd, für Deine mündlichen Ergänzungen zum Finanzbericht, mit dem wir dann auch den Tagesordnungspunkt 4.2 abschließen.
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 4.3 Ergänzender mündlicher Bericht des Kontroll- und Beschwerdeausschusses auf. Hierzu erhält der Vorsitzende des Kontroll- und Beschwerdeausschusses, der Kollege Mahrholz, das Wort.

Ernst-Wilhelm Mahrholz, Kontroll- und Beschwerdeausschuss

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wie die anderen Organe, so berichtet auch der Kontroll- und Beschwerdeausschuss erstmals über eine volle Amtsperiode. Unser schriftlicher Bericht ist im gedruckten Geschäftsbericht enthalten, der Euch in dem dicken Band vorliegt.
Neben den 233 Beschwerdefällen, die den Kontroll- und Beschwerdeausschuss bis zum Abgabetermin für den schriftlichen Geschäftsbericht im Februar 2007 erreicht hatten, sind bis zum Kongressbeginn weitere 66 Beschwerden hinzugekommen. Insgesamt haben somit 299 Beschwerden den Kontroll- und Beschwerdeausschuss erreicht, von denen bis jetzt 291 abschließend bearbeitet werden konnten.

Als Ergänzung zum schriftlichen Bericht habt Ihr in einer Sammlung von Leitsätzen unsere Beschlüsse zu Beschwerden von Mitgliedern und zu Prüfanträgen von Organen und Gremien erhalten, soweit sie von grundsätzlicher Bedeutung sind, in Form einer Broschüre. Die Broschüre ist fortgeschrieben und enthält auch die Beschlüsse des Ausschusses aus der vorherigen Amtsperiode. Der Kontroll- und Beschwerdeausschuss hat die Entscheidungssammlung inzwischen auch als Link auf unsere Seite im Intranet eingestellt.

Zum Verständnis unserer Arbeit ist wichtig zu wissen, dass der Kontroll- und Beschwerdeausschuss zwar eine vereinsinterne Kontrollfunktion hat, diese aber nur auf Anrufung hin wahrnehmen kann. Im Unterschied zum Gewerkschaftsrat überwacht er nicht von Amts wegen die Satzung und Eure Beschlüsse sowie die Geschäftsführung des Bundesvorstands, sondern erst dann, wenn ihn ein Mitglied, Organ oder Gremium dazu auffordert, weil es sich in seinen Rechten beschwert fühlt.

Die Eckpunkte für die Gründung der ver.di hatten dies anders vorgesehen und auch eine Kontrollfunktion von Amts wegen enthalten. Dieser Eckpunkt wurde aber nicht in die Satzung übernommen. Die vom Kontroll- und Beschwerdeausschuss gefassten Beschlüsse wirken nicht unmittelbar, wie bei Vereinsgerichten, wie zum Beispiel in Sportvereinen, er ist auch keines. Der Kontroll- und Beschwerdeausschuss hat keine Sanktionsmöglichkeiten. Diese Rolle kommt sowohl dem Gewerkschaftsrat als auch dem Bundesvorstand zu. Der Kontroll- und Beschwerdeausschuss stellt fest und teilt diese Feststellungen den Beteiligten und dem Bundesvorstand in Form von Bescheiden mit. Sind Rechte von Mitgliedern, Organen oder Gremien verletzt worden, ist die Abhilfe Sache der dafür zuständigen Organe. Die Feststellungsbefugnis des KuB ist auch nicht umfassend, sondern begrenzt auf vereinsinterne Rechtsverletzungen ausschließlich gegen die Satzung und andere ver.di-interne Regelungen und Beschlüsse.

Der KuB hat selbst im Zuge der Gewaltenteilung in der Organisation keine formalen Antragsrechte. Wir haben aber Vorschlagsrechte, die wir bei Bedarf in der vergangenen Wahlperiode auch des Öfteren wahrgenommen haben. Ich erwähnte dies nicht, um diese Begrenzungen zu beklagen oder zu kritisieren, sondern um den Rahmen unserer Arbeit deutlich zu machen. Wir haben versucht, mit diesen Möglichkeiten zur Rechtssicherheit und zur wohlfühlenden Befindlichkeit der Mitglieder, aber auch zur Stabilisierung der ver.di beizutragen. Maßstab war dabei immer, das von Euch oder vom Gewerkschaftsrat als Vertreter der Mitglieder gesetzte vereinsinterne Recht auch tatsächlich durchzusetzen und alle Mitglieder so weit wie möglich gerecht und gleich zu behandeln.

Es hat dem Ausschuss und den Ergebnissen seiner Arbeit gutgetan, dass sich alle seine Mitglieder dieser nicht immer leichten Pflicht ohne Wenn und Aber unterworfen haben und Unparteilichkeit unsere oberste Maxime war. Der KuB hat auch sehr darauf geachtet, dass er nicht in den Verdacht kommt, Politik machen zu wollen. Wir haben uns aber auch nicht gescheut, unbequeme oder unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Wir selbst sind davon überzeugt, dass unsere Entscheidungen in jedem Einzelfall rein sachbezogen getroffen wurden und persönliche Bindungen genauso wie irgendwelche Gruppen- oder Regionalinteressen ohne jeden Einfluss waren. Das ist nicht immer selbstverständlich in einer politischen Organisation.

In vielen Fällen kann einer Beschwerde bereits im Bearbeitungsstadium abgeholfen werden. Zur Entscheidung durch den KuB kommt es nur dann, wenn der Bundesvorstand die mit der Beschwerde des Mitglieds oder mit dem Prüfantrag des Organs oder Gremiums kritisierte Entscheidung oder Behandlung nicht zurücknimmt oder anderweitig abhilft und es folglich unterschiedliche Auffassungen gibt.

Bei komplizierten Sachverhalten haben wir uns durch eine interne Erarbeitung der Themen vor den Entscheidungen über die Beschwerden oder über die Prüfanzeige die Regelungszusammenhänge in Positionspapieren erarbeitet und auch den Rat von Sachverständigen eingeholt, beispielsweise zu Betriebsgruppen, Fachbereichen und Fachgruppen, zur ehrenamtlichen Mitwirkung bei personellen Entscheidungen, zur Budgetierung. Dies hat mit dazu beigetragen, dass wir aus sicherer Position und auch selbstbewusst entschieden haben.
Das ist den Inhalten und auch dem Organ Kontroll- und Beschwerdeausschuss gut bekommen und damit, wie wir glauben, letztlich auch ver.di.

Aus der nicht unbeträchtlichen Zahl der verschiedenen Sachverhalte möchte ich angesichts der gebotenen Kürze des Berichts beispielhaft auf einige wenige kurz eingehen.

Es war strittig, wer über die Bildung einer Betriebsgruppe entscheidet. Der KuB hat dazu entschieden, dass die Satzung diese Kompetenz eindeutig den Mitgliedern im Betrieb zuweist. Im Zusammenhang damit hat der KuB dann auch angeregt, die aus der Tradition der Gründungsgewerkschaften übernommene Bezeichnung „Ortsverein“ für drei unterschiedliche Organisationseinheiten zu entwirren.
Unterschiedliche Auffassungen und Konkurrenz zwischen Bezirksfachbereichen und Landesfachbereichen waren Gegenstand mehrerer Entscheidungen, darunter auch zur Budgetierung. Der KuB hat dazu klargestellt, dass eine strukturelle Überlegenheit der Landesfachbereiche im Landesbezirksvorstand nicht dazu führen kann, dass die in der Budgetierungsrichtlinie enthaltenen Rechte der Bezirke beim Zustandekommen des Budgets und der Personalplanung nicht wahrgenommen werden können.

Diese und andere Entscheidungen zur Budgetierung haben einzelne Funktionärinnen und Funktionäre zu dem Bekenntnis veranlasst, dass die Budgetierungsrichtlinie anscheinend doch besser ist als ihr Ruf. Auch hierzu hat der KuB für seine interne Erarbeitung der Entscheidungsposition in einem Positionspapier die gesamten Regelungszusammenhänge erarbeitet, bevor er über die Beschwerden und Prüfanträge entschieden hat.

Schwierigstes Thema bei den Beschwerden und Prüfanträgen zu den jetzigen Organisationswahlen war die Einschränkung der Wahlrechte durch Quotierungen bei einer ohnehin sehr differenzierten Organisationsstruktur und bis in letzte Verästelungen gehenden Vorstandsrechten. Hinzu kommt, dass bei der Frauenquote die Satzungsbestimmung auch noch unter der Schwäche leidet, dass die beschlossenen Ziele in der Satzung nicht ausreichend mit rechtsfesten Handlungsgrundlagen unterlegt worden sind. Dem stand die Tatsache gegenüber, dass die Frauenanteile erkennbar realisiert werden konnten. Die Erreichung dieses Ziels hat auch für den KuB große Bedeutung. Er sah sich dennoch zur Feststellung der Regelungsdefizite verpflichtet und hat empfohlen, die Rechtssicherheit insgesamt zu verbessern.

Der KuB selbst ist mit den inneren Abläufen in der Zusammenarbeit mit den anderen Organen, deren Mitwirkung wir für unsere Arbeit brauchen, im Wesentlichen zufrieden, mit einigen Ausnahmen. Es war manchmal mühsam, die für unsere Prüfung notwendigen Stellungnahmen des Bundesvorstands überhaupt oder in einer angemessenen Zeit zu erhalten. Aber das lag vor allem an einzelnen Personen, zum Beispiel daran, dass einzelne Bundesvorstandsmitglieder ihre Aufklärungsrechte und -pflichten nicht ernst nahmen und, weil unangenehm, nicht anwenden wollten.

Unser Satzungsauftrag ist bei der Beschwerdedefinition nicht sehr präzise. Er sagt nichts darüber aus, ob wir nur Beschwerden zu bearbeiten haben, die an uns gerichtet, also an uns adressiert sind. Für die übrigen Beschwerden in der Organisation war und ist unklar, von wem und wie sie bearbeitet werden. Wir hatten Vorgänge, in denen auf eine Beschwerde überhaupt nicht reagiert wurde, Fälle, in denen das Mitglied mit seiner Beschwerde immer wieder beim Verursacher der Beschwerde aufgelaufen ist, und angebliche Beschwerdeprüfungen, in denen nachweislich nichts geprüft worden ist, sondern nur die falsche Vorentscheidung bestätigt wurde.
Daneben gibt es allerdings auch viele richtige und ordentliche Bearbeitungen. Das war die Mehrheit.

Der Kontroll- und Beschwerdeausschuss hat bereits im Jahr eins der ver.di, im Jahr 2001, den Bundesvorstand aufgefordert, ein Beschwerdemanagement einzurichten. Nach damals erfolgter Zusage haben wir immer wieder die Praktizierung eines Beschwerdemanagements reklamiert. Mein Vorgänger im Amt hat schon vor vier Jahren darüber berichtet. Nach wiederholter Beschlussfassung des Bundesvorstands über das Ob gibt es jetzt deutliche Anzeichen dafür, dass die Einrichtung eines Beschwerdemanagements tatsächlich anläuft. Danke, Frank Werneke. (Beifall)

Das Wie ist jedoch noch weitgehend unklar. Immerhin sind aber Erprobungsversuche angelaufen. Auch wir fordern wie schon vor vier Jahren vom Bundesvorstand die Einrichtung eines funktionierenden Beschwerdemanagements. Wir halten neben der Hilfe im berechtigten Einzelfall allein die Tatsache, dass es einen Kontroll- und Beschwerdeausschuss gibt, schon für eine Maßnahme der Qualitätssicherung. Wir haben uns bemüht, dieser Aufgabe im Sinne der Mitglieder gerecht zu werden. In einem Geschäftsbericht sehen wir vor allem den Zweck, Euch als Vertreter der Mitglieder jeweils neu vor die Entscheidung zu stellen, ob die Aufgabenstellung notwendig und die dafür geschaffene Gliederung sinnvoll ist, ob ihre Legitimation und ihr Regelwerk stimmig und zeitgemäß sind, ob der Ausschuss in Eurem Sinne gearbeitet hat und was er besser machen kann. Diese Aufgabe stellen wir auch Euch.

Zum Schluss will ich noch ein paar Worte zu internen Vorgängen des KuB sagen. Wie im schriftlichen Geschäftsbericht bereits erwähnt, sind während der Legislaturperiode zwei Mitglieder des Ausschusses ausgeschieden. Weitere Mitglieder werden in diesem Kongress ausscheiden. Ich möchte mich bei allen Kolleginnen und Kollegen, die nun ausscheiden beziehungsweise ausgeschieden sind, nochmals herzlich für die kollegiale Zusammenarbeit bedanken. (Beifall)

Neben dem Wechsel bei den ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen hat es auch in unserer Geschäftsstelle im Juni 2005 einen Wechsel gegeben. Unser Kollege Herbert Gutekunst, der als Geschäftsführer den Kontroll- und Beschwerdeausschuss auf der hauptamtlichen Seite betreute, schied aus Altersgründen aus. Er war für uns eine verlässliche Größe, auf die wir immer zählen konnten. Wir haben mit ihm so manchen Strauß ausgefochten, besonders zum Beginn und zum Ende seiner aktiven Zeit in der ver.di. Durch ihn habe ich auch viel gelernt, vor allem, Ziele in der Organisation durch Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit und vor allem mit einem guten Know-how durchzusetzen. Dafür danke ich ihm im Namen aller Mitglieder des Kontroll- und Beschwerdeausschusses. (Beifall)

Mit der Neubesetzung der Stelle Geschäftsführung hat der Kontroll- und Beschwerdeausschuss nunmehr eine Geschäftsführerin. Eine Kollegin, die zunächst lange Jahre ehrenamtlich in der Gewerkschaft tätig war, um sich dann erste Sporen als hauptamtliche ver.di-Sekretärin im Bezirk zu erwerben, unsere Kollegin Roswitha Kaldewey-Nothmann. Obwohl keine Juristin, was für diese Stelle unbedingt ist, wie aus einigen Kreisen zu hören war, hat sie die durch den Kollegen Gutekunst begonnene Ausrichtung des Kontroll- und Beschwerdeausschusses durch Sachverstand, Einfühlungsvermögen, Fleiß und Kollegialität erheblich vorangebracht.

Tatkräftig wird sie von unserer Verwaltungsangestellten Claudia Anschütz unterstützt. Im Namen des Kontroll- und Beschwerdeausschusses danke ich sowohl unserer Geschäftsführerin, Rosi, als auch unserer Verwaltungsangestellten Claudia für die gute Arbeit. Danke. (Beifall)
Der Ausschuss und Ihr, wir sind ein gutes Team. Wir wollen weiter so arbeiten. - Ich danke für Eure Aufmerksamkeit. (Beifall)

Thomas Koczelnick, Kongressleitung

Recht herzlichen Dank, Ernst-Wilhelm, für Deine mündlichen Ergänzungen zum Bericht des Kontroll- und Beschwerdeausschusses. Ich schließe damit den Tagesordnungspunkt 4.3 und rufe auf Tagesordnungspunkt 4.4 Ergänzender mündlicher Bericht der Revisionskommission für die Bundesebene. Dieser wird durch den Vorsitzenden Jochen Apel gegeben.


Jochen Apel, Vorsitzender der Revisionskommission

Kolleginnen und Kollegen, zum Abschluss der Berichte nun noch einige zusammenfassende Bemerkungen der ehrenamtlichen Revisionskommission zu den Feststellungen aus den letzten vier Haushaltsjahren, verbunden mit einigen Ansichten zur notwendigen weiteren finanzpolitischen Entwicklung von ver.di.
Gestattet mir aber zunächst noch den Hinweis auf unseren Prüfauftrag nach der Satzung. Danach beschäftigt sich die ehrenamtliche Revisionskommission mit der Haushaltsführung und dem Rechnungswesen unserer Organisation für die Bundesebene. Dies schließt auch Fragen der wirtschaftlichen Verwendung der Haushaltsmittel mit ein. Das war uns auch immer in unserer Tätigkeit wichtig.
Wir bemühen uns, diesen Auftrag nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen, wenngleich dies beileibe kein einfaches Unterfangen ist. Jeder von uns bringt dazu einen gewissen Sachverstand mit. Wir sind aber keine Wirtschaftsprüfer und ihnen auch nicht annähernd vergleichbar. Diesen Sach- und Fachverstand kauft ver.di wie alle großen Organisationen ein. Deren Votum hat, bezogen auf den jeweiligen Jahresabschluss, die Ergebnisse immer testiert. Diesen eingeschränkten Möglichkeiten eines im Übrigen erneut geschrumpften ehrenamtlichen Gremiums entsprechend kann es im Wesentlichen immer nur um ein stichprobenweises Abarbeiten der jeweiligen Fragestellung gehen.
Dem sind wir nachgekommen mit im Schnitt vier Prüfungsterminen im Jahr und einer Stellungnahme zu dem jeweiligen Jahresabschluss, die wir gegenüber dem Gewerkschaftsrat abgegeben haben. Inhaltlich fängt das an mit der Prüfung von Ausgaben für einen Bundeskongress wie diesen, setzt sich fort mit der Prüfung unterschiedlichster ehrenamtlicher Gremien und widmet sich im besonderen Maße den Fachbereichen und Querschnittressorts in der Bundesverwaltung, insbesondere deren Ausgabenverhalten.

Unsere Berichte werden dem Vorsitzenden der Organisation und dem Präsidium des Gewerkschaftsrats zugänglich gemacht. Wir halten die Prüfungsergebnisse nach und hinterfragen, ob die aufgezeigten Mängel abgestellt wurden. Wir betreiben das mit einer gewissen Hartnäckigkeit und werden deshalb sicher mitunter auch als nervend empfunden. Gleichwohl ist unser Verhältnis zum Bundesvorstand, insbesondere dem Finanzbereich, geprägt von Fairness und Sachlichkeit. Ich möchte an dieser Stelle vor allem Gerd Herzberg und dem Ressort 3 der Bundesverwaltung für die ausgesprochen konstruktive, aus unserer Sicht angenehme Zusammenarbeit danken. (Beifall) Wir hatten zu jeder Zeit Zugang zu allen notwendigen Informationen und können berichten, dass unseren Prüfungshinweisen regelmäßig auch gefolgt wurde.

Nun zu den sogenannten zusammengefassten Ergebnissen und Anmerkungen. Kolleginnen und Kollegen, ich möchte mir und Euch ersparen, das Zahlenwerk hier nochmals darzustellen. Gerd Herzberg hat das ausreichend getan. Als positives Ergebnis ist zunächst festzustellen, dass wir bei der Lösung der funktionsbedingten Probleme unserer Organisation sozusagen im Plan liegen. Das ist offenkundig und unbestreitbar. Die Personal- und Sachkosten konnten signifikant gesenkt werden. Buchführung und Rechnungswesen befinden sich im hochprofessionellen Zustand, wie es sich für eine Organisation unserer Größenordnung aber auch gehört. Unter anderem nicht zuletzt durch die ver.di-eigene Buchhaltungs-Servicegesellschaft. Es wäre wünschenswert, dass sich dort alle Gliederungen von ver.di anschließen, was diese Unternehmung nicht nur wirtschaftlicher machen, sondern vor allen Dingen ein weitaus besseres Controlling für die Gesamtorganisation ermöglichen würde.

Alle Maßnahmen der Kostenreduzierung wurden zwischen dem Bundesvorstand, dem Gewerkschaftsrat und dem Betriebsrat abgestimmt und sukzessiv im Rahmen der realen Möglichkeiten umgesetzt. Dass der Bundesvorstand allerdings einer Forderung des Betriebsrats nachgekommen ist, wonach ein Junktim zwischen den Einsparergebnissen im Personal- und Sachkostenbereich hergestellt wurde, ist doch sehr verwunderlich. Es kann und darf nicht sein, dass die Beschäftigten der Organisation zumindest in der Wirkung festlegen, in welchem Umfang Haushaltsmittel für haupt- und ehrenamtliche Arbeit zur Verfügung stehen. (Beifall) Solche Vereinbarungen stellen die Verantwortung für die Organisation, die allein den dafür gewählten Gremien zukommt, von den Füßen auf den Kopf. (Beifall)

Eine weitere Anmerkung gilt dem, was Gerd Herzberg zu den Kosten der Beitragskassierung gesagt hat. Diese wurden auf alle Budgets umgelegt. So weit ist das auch in Ordnung. Zu den Budgets zählt aber auch die Zuführung zur Streikrücklage, und die wurde auch mit den Kosten der Beitragskassierung belastet. Das, Kolleginnen und Kollegen, ist nicht in Ordnung. Der Streikfonds ist kein Budget wie jedes andere. Mit diesen Mitteln wird die Kampffähigkeit der Organisation gesichert. Die Streikkasse darf nicht zur Disposition gestellt werden, um Verteilungskämpfe zwischen Budgetierungseinheiten zu befrieden. (Beifall)

Den Mitgliedern der Strukturkommission, die mit ihrem Auftrag einen steinigen Weg zu beschreiten hatten, sei von dieser Stelle noch einmal gedankt. Sie haben der Diskussion die richtige Richtung gegeben. Über Anzahl und Umfang der gewerkschaftlichen Gremien wird intensiv diskutiert. Auch hier auf dem Kongress. Die Debatte ist noch lange nicht am Ende. Aber das ist die eine Seite der Medaille. Bei Betrachtung der anderen ist nicht zu übersehen, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.

Zentrale Aufgabe aller Akteure der Organisation - das wurde heute schon mehrfach gesagt - muss die Mitgliedergewinnung sein, auch wenn das seit Jahren eine Binsenweisheit ist. Das Problem löst sich nicht von allein. Diese Frage ist für die Zukunft von ver.di existenziell. Gerd Herzberg hat die Mitgliederverluste der letzten Wahlperiode dargestellt. Wir gewinnen neue Mitglieder sogar in beachtlicher Größenordnung. Aber das reicht nicht.

Solange wir unsere Einnahmen nicht dramatisch verbessern können, muss sich ver.di weiter verschlanken und damit die Personal- und Sachkosten den finanziellen Möglichkeiten anpassen. Gerade im Personalbereich liegen einigen zusätzliche dicke Brocken vor uns. Es gilt, die Alterssicherungssysteme bezahlbar zu halten, das heißt: Es sind Einschnitte unabdingbar. Ich füge hinzu: Ich weiß, wie schmerzhaft das ist. Ich habe die Einschnitte in der Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes selber erlebt. Dennoch: Die Begrenzung der Kostenentwicklung in der Altersvorsorge ist für die dauerhafte Handlungsfähigkeit der Organisation ebenfalls von existenzieller Bedeutung.
Der Sozialplan läuft aus, die Personalkosten werden wieder anziehen wegen der Arbeitszeitmodelle, bei denen wir ja jetzt zur Normalität zurückkehren müssen. Hinzu kommt das vereinbarte neue Vergütungssystem, das die Wirkung einer ver.di-internen Tarifrunde entfaltet und mit gedeckelten 10 Millionen Euro zu Buche schlägt. Ein möglicherweise weiterer Sozialplan darf den alten nicht einfach fortschreiben; denn das wird nicht zu finanzieren sein, Kolleginnen und Kollegen. (Leichter Beifall)

Im Sachkostenbereich muss der allgemeinen Lebensweisheit stärkere Beachtung geschenkt werden, dass einiges zwar wünschenswert, aber nicht alles finanzierbar ist, insbesondere nicht mit der Begründung, es sei fusionsbedingt und müsse, um hier unseren Terminus zu verwenden, gegen das Vermögen finanziert werden. Die noch guten Vermögenserträge dienen in erster Linie der Stärkung der Kampfkraft der Organisation. Und da sind wir uns sowohl mit Frank als auch mit Gerd und sicherlich unter uns allen einig. Das muss auch so bleiben. (Beifall)
Unsere Finanzverfassung, die Budgetierungsrichtlinie, bedarf einer Überarbeitung; auch das wurde hier schon mehrfach gesagt. Die Finanzverteilung muss den Bedürfnissen der Organisation besser angepasst werden. Dazu gehört aber auch eine Regelung, wonach ungeplante Mehreinnahmen zumindest dann, wenn der Haushalt defizitär ist, nicht wie bisher wie ein Füllhorn über alle ausgeschüttet werden, sondern diese müssen das Jahresdefizit vermindern, wie das ja auch sonst im richtigen Leben ist. Alles andere, Kolleginnen und Kollegen, kann man niemandem plausibel machen.

Zum Schluss, Kolleginnen und Kollegen, noch ein Wort sozusagen in eigener Sache. Unsere Organisation mit einem - zumindest im vergangenen Jahr war das so - Jahresumsatz von zirka 414 Millionen Euro leistet sich eine Innenrevision einschließlich Leitung von zweidreiviertel Stellen. Ist es realistisch, mit dieser Personalausstattung über 80 Bezirksverwaltungen, elf Landesbezirke, elf Bundesschulen, die Bundesverwaltung mit ihren 14 Ressorts sowie eine Reihe von Tochtergesellschaften so zu prüfen, dass zumindest die bedeutenden Risiken rechtzeitig erkannt werden können? Wer das glaubt, benötigt viel Gottvertrauen. (Heiterkeit und Beifall) Diese marginale Personalausstattung ist gefährlich niedrig. Wir haben anderenorts mehrfach darauf hingewiesen. Ich sage es hier noch einmal ausdrücklich auch zu unserer Absicherung.

Kolleginnen und Kollegen, ich komme zum Ende. ver.di ist bei allen Problemen eine hocherfolgreiche Veranstaltung. Wir müssen uns den veränderten Bedingungen anpassen, auch wenn es schmerzt. Aber ich bin sicher, dass wir die Zukunft in den Griff bekommen, wenn nur viele ernsthaft daran mitarbeiten.
Jetzt noch ein kleiner formaler Antrag: Gemäß Paragraf 45 Absatz 4 der ver.di-Satzung empfiehlt die Revisionskommission dem Bundeskongress die Entlastung von Gewerkschaftsrat und Bundesvorstand. - Ich danke für das Zuhören. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Recht herzlichen Dank, Jochen, für Deinen ergänzenden mündlichen Bericht der Revisionskommission, womit ich auch den Tagesordnungspunkt 4.4 abschließen darf.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind derzeit noch nicht in der Lage, Euch den Bericht der Mandatsprüfungs- und Wahlkommission zukommen zu lassen. Die Kolleginnen und Kollegen sind noch in der Prüfphase, weshalb wir diesen Punkt verschieben möchten. Wir wollen ihn dann einfach zu dem Zeitpunkt in die Aussprache einbauen, zu dem die Kolleginnen und Kollegen uns den Bericht geben können.
Bevor wir nun in die Aussprache eintreten, möchten wir Euch noch ein Video zeigen, welches wichtige politische Stationen der vergangenen vier Jahre unserer ver.di aufgreift. Ich bitte die Technik, das Video nun abzufahren.
(Video mit Stationen der vergangenen vier ver.di-Jahre - Beifall)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das war ein weiterer Teil unseres Berichtes, diesmal in Bildform.

Wir kommen nun zum Tagesordnungspunkt 5, nämlich zur Aussprache über die Berichte. Uns liegen derzeit 36 Wortmeldungen vor. Wir dürfen an dieser Stelle noch einmal auf die Redezeitbegrenzung und auch auf die Ziffer 6.4 unserer beschlossenen Geschäftsordnung hinweisen. Dort ist festgelegt, dass Mitglieder des Präsidiums, des Gewerkschaftsrates und des Bundesvorstandes auch außerhalb der Reihenfolge das Wort erhalten können; dies insbesondere dann, wenn es um Klarstellungen oder um eine unmittelbare Beantwortung geht.

Insofern wollen wir nunmehr in die Aussprache eintreten. Wir hatten schon - genau genommen Anja - heute Morgen angekündigt, dass wir immer den aktuellen Redner bzw. die aktuelle Rednerin aufrufen und schon den nächsten Kollegen bzw. die nächste Kollegin bitten, sich bereitzumachen. Dies würde, wenn Ihr dem folgt, zu einem Zeitgewinn für uns führen.

Ich darf zuallererst dem Kollegen Klaus Hebert-Okon das Wort geben, Delegiertennummer 781. Klaus, Du hast das Wort.

Klaus Hebert-Okon, 781

Ich möchte zu den Berichten Stellung nehmen. Ich finde, dass die letzte Periode der ver.di vor diesem Bundeskongress immer noch von der Verschmelzung der fünf Gewerkschaften geprägt war, aber auch von der Integration der DAG in den DGB, was ich für einen erheblichen Schritt auf dem Weg der Einheitsgewerkschaft halte.

Diese Verschmelzung ist auch geprägt von einer komplizierten Struktur von Fachbereichen und Ebenen. Gewerkschaftsquoten waren einzuhalten, auch die Quotierung im Sinne von Gender Mainstreaming. All dies führte zu einer erheblichen Arbeit vor Ort. Manchmal hatte man den Eindruck, dass man sich zu sehr mit sich selbst als mit dem beschäftigte, was eigentlich Gewerkschaft ausmacht, nämlich Arbeitnehmerinteressen zu vertreten und sich um die Betreuung der Mitglieder zu kümmern.
Ein Teil davon ist erledigt. Aber ich denke, wir sind immer noch in den Integrationsprozessen, wir haben es bei den Orga-Wahlen gemerkt. Zur Verschlankung der Strukturen: Das ist gelungen vor Ort in den Bezirken und auch in den Landesbezirken. Es ärgert mich ein wenig an dieser Stelle, dass das auf Bundesebene nun nicht erreicht werden soll. Das ist ein schlechtes Signal an die Mitglieder, finde ich. (Beifall)

Ich möchte mich an dieser Stelle weigern, mich als Delegierter mit vermeintlichen Sachzwängen zufriedenzugeben. Ich habe die Erwartung an den neu zu wählenden Bundesvorstand und an den Gewerkschaftsrat, dass ein klares Konzept entwickelt wird, wie dieses Ziel denn künftig erreicht werden soll. Dabei sage ich ausdrücklich, dass ver.di von der Vielfalt lebt, nämlich der Organisation in den Dienstleistungsbereichen, im Öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft. Dies möchte ich in Zukunft stärker zur Geltung kommen sehen.

Wenn es „Deregulierung im Öffentlichen Dienst“ heißt, finde ich, muss das zu einer Sache der gesamten Organisation werden. Das heißt, wenn Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes hiergegen auf die Straße gehen, wenn sie streiken und kämpfen, dann meine ich ausdrücklich, dass die Mitglieder aus der Privatwirtschaft mitgehen müssen. Ich meine umgekehrt, wenn es um Druckereien geht, wo dereguliert werden soll, wenn es um den Einzelhandel geht, muss dies auch Sache der gesamten Organisation sein. Ich erwarte genauso, dass die Mitglieder des Öffentlichen Dienstes mitmachen. (Beifall)

Ich halte es für erforderlich, dass die Möglichkeiten der Bezirksvorstände vor Ort deutlich gestärkt werden; denn nur die sind in der Lage, vor Ort dafür die Klammerfunktion auszuüben.
Genauso bin ich der Meinung, dass wir als ver.di gut daran täten, klare Positionen zu beziehen.

Zur Debatte von Mindestlöhnen gehört meiner Ansicht nach auch die Frage, wer für Löhne aufkommt. Ich meine, dass die Arbeitgeber im Öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft die Löhne für die Leistung zahlen müssen, die sie angefordert haben - und weg von der Diskussion, dass andere diese Löhne oder deren Bestandteile zahlen sollten.
Ich finde auch, dass zu der Debatte um die längere Arbeitszeit die Frage der gerechten Verteilung gehört. Ich möchte mich nicht mit dem Sachzwang anfreunden, dass es bei Verlängerung von Arbeitszeit um Wettbewerbsfähigkeit geht. Es ist für mich ein Hohn, dass so viele Leute arbeitslos sind und dass diejenigen, die in Arbeit sind, noch länger zu dem gleichen Preis arbeiten sollen. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Klaus, kommst Du bitte langsam zum Ende.

Klaus Hebert-Okon, 781

Ich wünsche mir, dass dieser Kongress hier mutige Entscheidungen trifft; mutige Entscheidungen auf dem Weg der Arbeitnehmervertretung für eine Stärkung der Struktur und für klare Positionen. Ich sehe das nicht immer vorgezeichnet in den Empfehlungen der Antragskommission und werbe hier um mutige Entscheidungen. - Danke schön. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Danke, Klaus. - Als Nächster hat das Wort der Kollege Jürgen Senge mit der Delegiertennummer 683.

Jürgen Senge, 683

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Maggi, lieber Frank, lieber Gerd, Ihr habt uns einen schönen Rechenschaftsbericht gegeben. Schönen Dank dafür. Ich finde das sehr nett. Ihr seid uns gegenüber rechenschaftspflichtig, und wir sind rechenschaftspflichtig gegenüber den Kolleginnen und Kollegen an der Basis, die uns hierhin delegiert haben. Mehrere von uns kommen mit mehreren Fragen hierhin. Ich persönlich habe mehrere Fragen, auf die ich noch keine Antwort bekommen habe, auf die ich aber eine Antwort möchte. Ich denke, Ihr werdet mir die Antworten geben können.

Franz Müntefering hat nichts zur Rente mit 67 gesagt. Er ist dem Problem ausgewichen. (Beifall) Im Rechenschaftsbericht vermissen die Kolleginnen und Kollegen und vermisse auch ich eine Stellungnahme, wie wir weitergehen, warum wir uns nicht zu weiterer Arbeitszeitverkürzung positionieren. (Vereinzelt Beifall)

Es kommt von den Kolleginnen und Kollegen auch die Frage auf: Was haben der Gewerkschaftsrat und der Bundesvorstand in den letzten vier Jahren gemacht in Sachen Programmentwicklung? Wie will ich eine Kollegin oder einen Kollegen überzeugen, Mitglied dieser Organisation zu werden, wenn ich ihnen gar nicht sagen kann, wofür ver.di steht? (Vereinzelt Beifall)

Kritisch angemerkt werden an der Basis natürlich auch die Versäumnisse in der Tarifrunde. Wie konnten wir in den Tarifverhandlungen für den Öffentlichen Dienst so etwas wie eine Meistbegünstigungsklausel abschließen? (Vereinzelt Beifall) Und wie können wir es zulassen, dass immer mehr Kosten von oben auf die unteren Ebenen verlagert werden? Ich nenne nur ein Beispiel: In meinem Betrieb sparen wir unten an der Basis durch die Verteilung der „ver.di-Publik“ vor Ort Gelder ein. Wir verteilen im Betrieb 700 Exemplare, sparen Kosten ein, während - so empfinden es die Kolleginnen und Kollegen - die Gelder an anderer Stelle zum Fenster hinausgeworfen werden.

Ich will nicht auf alles eingehen, aber eine wesentliche Sache umtreibt mich und wird bestimmt viele von uns umtreiben. Das ist die nicht reduzierte Größe des Bundesvorstands. (Leichter Beifall) Natürlich wissen wir alle, dass wir nicht beschlossen haben, der Bundesvorstand solle aus elf Mitgliedern bestehen. Das ist eine Zielvorgabe. Wir wollten den Bundesvorstand von 19 Mitgliedern auf elf Mitgliedern verkleinern, wir wollten in Richtung elf. Im Geschäftsbericht ist erwähnt, dass ein strategisches Personalmanagement erforderlich ist. Wenn wir Personalräte in unseren Betrieben sind, fragen wir die Personalchefs: „Was habt Ihr für ein Personalentwicklungskonzept?“ Ich frage nun ver.di: „Was haben wir für ein Personalentwicklungskonzept? Was für ein Konzept haben wir für die Verkleinerung des Bundesvorstands?“ Im Geschäftsbericht steht auf Seite 261 zur Vergütung der Bundesvorstandsmitglieder: „Eine abschließende Regelung wurde jedoch nicht getroffen. … Da das neue Vergütungssystem noch nicht vereinbart ist, wird dieser Auftrag erst in der nächsten Wahlperiode abgeschlossen werden können.“ Man könnte ja auf die Idee kommen, dass sich zum Beispiel die 14 neuen Bundesvorstandsmitglieder den Betrag teilen, den die elf jetzigen Mitglieder bekommen. (Beifall) Das wäre eine Möglichkeit zur Lösung des Problems. Mit diesem Vorschlag können sich der Gewerkschaftsrat und natürlich auch der Bundesvorstand ja einmal beschäftigen.

Man muss sich natürlich auch fragen: Was hat den Gewerkschaftsrat - entschuldigt den Ausdruck - eigentlich geritten, einen Strukturvorschlag zu machen, der so aussieht, dass fünf Stellvertreter gewählt werden sollen? Warum kann man das nicht verkleinern? Warum hat man nicht von vornherein gesagt, dass es weniger sein sollten?

Das alles sind Fragen, die die Kolleginnen und Kollegen an der Basis berühren, denen das alles nur schwer zu vermitteln ist. Ich habe bis jetzt noch keine Antwort, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass ich am Ende der Woche Antworten auf meine Fragen habe, damit ich den Kolleginnen und Kollegen sagen kann: Wir werden auch weiterhin einsparen zum Wohle des Ganzen, weil wir unserer Führung vertrauen und auch keinen Zweifel daran haben, dass diese Kolleginnen und Kollegen uns einen guten Strukturvorschlag dazu machen, sodass wir weiter unten vor Ort Einsparungen vornehmen können bei Fahrtkosten und Reisekosten, indem wir auf Fahrtkosten verzichten oder bestimmte Gelder, die uns nach der Satzung zustehen, gar nicht beanspruchen, damit wir oben eine straffe und gut organisierte Führung haben. Ich hoffe, dass ich, falls ich in vier Jahren noch Delegierter bin - das weiß man ja nie -, dann auch hier sagen kann: Auch der Bundesvorstand geht mit gutem Beispiel voran und spart. Ich würde mich freuen, wenn ich eine entsprechende Antwort bekäme. - Danke schön. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Jürgen. - Es folgt Bernt Kamin-Seggewies, der jetzt als Delegierter sprechen wird, mit der Delegiertennummer 883.

Bernt Kamin-Seggewies, 883

Kolleginnen und Kollegen, es freut mich natürlich, wenn ich im Geschäftsbericht lese und hier von Frank höre, dass wir als Hafenarbeiter in Deutschland und Europa es ganz toll hingekriegt haben mit diesen grenzübergreifenden politischen Arbeitskämpfen und dass wir letztendlich einen Deregulierungsversuch der Europäischen Kommission haben verhindern können. Lob und Anerkennung fühlen sich gut an, und man kann sich mächtig stolz vorkommen. Aber bei fast allen Gesprächen, die ich hinterher geführt habe, gab es eine Reaktion, die ich bedenklich finde. Diese Reaktion lautet: „Ihr habt das ganz toll gemacht, super Sache, aber bei uns ist gar nicht daran zu denken. Wir haben ganz andere Rahmenbedingungen.“ Und, was viel schlimmer ist: „Die Mitglieder wollen das gar nicht.“

Diese Reaktion ärgert mich aus zweierlei Gründen. Einmal, weil sie den Erfolg von uns Hafenarbeitern relativiert, und zum Zweiten, weil sie die Möglichkeiten der jeweils anderen negiert. Wenn ich mir anschaue, wie wir unsere Erfolge eigentlich erreicht haben, dann waren das drei wesentliche Ele-mente: Einmal war es eine sehr intensive, aber klassische Lobbyarbeit, das Zweite waren zentrale und dezentrale Demonstrationen, und der dritte Teil waren diese grenzübergreifenden Arbeitskämpfe politischer Art. Die Frage ist aber: Wie kommt es, dass das funktioniert? Ich habe mir auch 20 Jahre lang angehört, dass das nicht geht, dass man das nicht darf, dass das nicht möglich ist und dass die Mitglieder das nicht wollen.

Im Grunde kann ich, wenn ich es zusammenfasse, sagen: Wir haben mit sehr einfachen Botschaften gearbeitet. Wir haben die Zauderer in den eigenen Reihen gefragt: „Habt Ihr eigentlich keinen Arsch in der Hose - bei diesem Logo ‚Proud to be a docker‘?“ Wir haben versucht, an ihr Bauchgefühl zu appellieren. Außerdem haben wir eine sehr einfache, aber klare Botschaft gegenüber der Politik formuliert. Wir haben ihr nämlich schlichtweg das Recht abgesprochen, in unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen einzugreifen. Wir haben gesagt: „Ihr habt kein Recht dazu, ein gut funktionierendes System, in dem die Menschen verlässlich wissen, wie sie zukünftig arbeiten, zu zerstören.“ (Beifall) Das ist ungefähr so intelligent, als würde man in eine gut laufende Party, auf der die Leute mit ihren Drinks zusammenstehen, eine Handgranate werfen, damit ein bisschen Bewegung hereinkommt; denn Wettbewerb schafft ja Bewegung. Dann würden auch alle sagen: „Ihr seid bekloppt.“ - Stimmt. Wettbewerb hat grundsätzlich ja auch seine Vorteile, aber auf der sozialen Ebene - und das war der Ansatz dieser Deregulierungsrichtlinie - hat er nun gar nichts zu suchen.

Wir sind als Hafenarbeiter nicht nur stolz unter diesem Logo „Proud to be a docker“ gelaufen, sondern wir waren auch stinksauer. So ist es dann zu leichten Kollateralschäden in Straßburg gekommen. Die Glaserinnung hat sich gefreut. (Leichter Beifall - Heiterkeit) Wenn dann ein Berichterstatter des Europäischen Parlaments, der Abgeordnete Jarzembowski, der nun zufällig CDU-Abgeordneter aus Hamburg ist, mit betretener Miene vor die Presse tritt und beklagt, dass sich nun eine unheilige Allianz von Besitzstandswahrern und Steineschmeißern durchgesetzt hätte, dann finde ich das zum einen ärgerlich und zum Zweiten amüsant - amüsant deshalb, weil ich es schon komisch finde, dass Konservative mittlerweile „Besitzstand“ als Schimpfwort benutzen. Und es ärgert mich, weil ich mich frage: Was ist denn verkehrt daran, wenn Menschen, die regelmäßig, gut qualifiziert und zuverlässig ihrer Arbeit nachgehen, ein Interesse daran haben, dass sie das auch zukünftig tun können. Wettbewerb hat auf der Sozialebene nichts zu suchen. (Beifall) Dieser Deregulierungsunsinn muss ein Ende haben, zumindest auf dieser Ebene. (Starker Beifall)
Ich finde, das Beispiel von uns Hafenarbeiten macht deutlich, wie wichtig der Kampf um das Recht auf politischen Arbeitskampf ist. Wenn es denn so ist, dass immer mehr politische Entscheidungen direkt auf Unternehmen und Arbeitsbedingungen einwirken, dann müssen wir uns in dem Maße, wie das der Fall ist, uns das Recht nehmen, uns in Betrieben politisch dafür einzusetzen, auch wenn viele meinen, das sei verboten. (Beifall)

Ich finde übrigens, die Europäische Sozialcharta drückt etwas völlig anderes aus. Andere Staaten sehen das als völlig selbstverständliches Recht an, in Deutschland wird uns das abgesprochen. Ich rede aber nicht von Generalstreik, ich rede davon, dass es auch daneben, bis wir dieses Ziel erreicht haben, eine Fülle von intelligenten Möglichkeiten gibt, die bei der hohen Produktivität der Betriebe dazu führen, dass wir einen ähnlichen Erfolg wie bei einem Streik haben. Schließlich haben wir als Hafenarbeiter auch nicht gestreikt; das durften wir schließlich nicht. Wir haben aufgehört zu arbeiten. - Danke schön. (Große Heiterkeit - Starker Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Bernd. - Es folgt jetzt der Kollege Bernd Losch mit der Delegiertennummer 901. Danach werden wir den Tagesordnungspunkt 5 unterbrechen, um uns den Bericht der Mandatprüfungskommission, der unter dem Tagesordnungspunkt 4.5 vorgesehen ist, anzuhören.

Bernd Losch, 901

Liebe Kolleginnen und Kollegen, einen Hinweis auch noch von unserer Seite: Ich bin nicht nur Delegierter, sondern ich bin auch der Sprecher der Fachgruppe Schifffahrt in ver.di.
Wir führen seit vielen, vielen Jahren einen Kampf gegen Billigflaggenschiffe, das heißt, Schiffe, die im Besitz deutscher Reeder sind, die aber eine Flagge führen, bei der in der Regel kein Mensch weiß, wo sie herkommt, und wo in der Regel auch kein Schiff fahren kann.
Wir haben uns vor vielen, vielen Jahren in der Internationalen Transportarbeiter-Gewerkschaft zusammengeschlossen. Wir haben dort Absprachen getroffen. In dieser Gewerkschaft sind Hafenarbeiter organisiert, es sind Seeleute organisiert und auch andere Transportarbeiter. Es gibt eine Absprache auf weltweiter Ebene, wie Tarifverträge für Schiffe, bei denen die Besitzerschaft in dieser Richtung liegt, wo also hier das Kapital gestellt wird, die Tarifverträge auszusehen haben. Es ist natürlich unerhört schwierig, das auch umzusetzen.
An dieser Stelle mal mein ausdrücklicher Dank an die Hafenarbeiter. Wir haben nämlich folgendes Prinzip entwickelt: Wir kontrollieren die Schiffe hier in einem deutschen Hafen, und wenn wir feststellen, dass dieses Schiff keinen gültigen Tarifvertrag hat, bitten wir die Hafenarbeiter, die Arbeit niederzulegen und dieses Schiff zu boykottieren. (Starker Beifall) Dieser Boykott ist zulässig. Und wie Bernd eben schon sagte: Die Hafenarbeiter haben ja nun was in der Hose, und deswegen funktioniert dieses System auch. Und spätestens dann, wenn bei den großen Containerschiffen die Brücken wegfahren, unterschreibt der Reeder einen Tarifvertrag. (Heiterkeit)

Wir haben zurzeit in deutscher Besitzerschaft zirka 3.000 Schiffe, davon fahren zirka 550 unter deutscher Flagge und 2.452 Schiffe fahren unter Billigflagge. 90 Prozent der Welt-Containerflotte ist in der Besitzerschaft deutschen Kapitals.
Durch die Kampagne der ITF, gemeinsam mit den Hafenarbeitern, ist es uns gelungen - und das ist absoluter Rekord in der ITF, 1.600 Schiffe unter ITF-Verträge zu bringen. (Starker Beifall) Ich denke, das ist ein großer Erfolg. Und ich bitte Euch, auch zukünftig unsere Kampagne - wir sind ja eine sehr kleine Fachgruppe - weiter zu unterstützen. - Danke schön. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Bernd.
Wie angekündigt, unterbrechen wir den Tagesordnungspunkt 5, um nunmehr den noch ausstehenden Bericht der Mandatsprüfungskommission zu hören. Ich darf die Sprecherin oder den Sprecher aufrufen. - Ihr kommt zusammen: Ich darf also die beiden Sprecher, das gegenderte Sprecherteam (Heiterkeit - Beifall) der Mandatsprüfungs- und Wahlkommission ans Mikrofon bitten.

Gabriela Schmidt, Mandatsprüfungs- und Wahlkommission

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es folgt der mündliche Bericht der Mandatsprüfungskommission. Die Mandatsprüfungskommission hat eine Sprecherin und einen Sprecher gleichberechtigt gewählt. Insofern stehen wir beide für Euch hier und möchten Euch beide den Bericht vortragen.
Erstens Einberufung des Bundeskongresses: Dieser Bundeskongress wurde ordnungsgemäß einberufen.

Zweitens Prüfung der Delegiertenmandate: Die Prüfung der Delegiertenmandate hat ergeben, dass - mit einer Ausnahme - alle Delegierten die satzungsgemäßen Voraussetzungen erfüllen. Die mindestens sechsmonatige Mitgliedschaft gemäß Paragraf 38 Absatz 6 der Satzung, die Zahlung des satzungsgemäßen Beitrages gemäß Paragraf 21 Absatz 3 der Satzung ohne Beitragsrückstände liegen nach unseren Erkenntnissen vor.

Das gilt auch für die Abführung von Vergütungen aus Aufsichtsrats- oder Verwaltungsratsmandaten und aus Nebentätigkeiten nach den vom Gewerkschaftsrat beschlossenen Richtlinien gemäß Paragraf 21 Absatz 2 der Satzung. Hierbei gibt es nur eine Ausnahme, auf die wir noch eingehen werden.

Wir sind davon ausgegangen, dass in allen Konferenzen, in denen Delegierte gewählt wurden, eine Mandatsprüfungskommission tätig war und die Voraussetzungen für die Wählbarkeit geprüft hat. Beanstandungen bezüglich der gewählten Delegierten sind dabei nicht bekannt geworden.

Die genannten Voraussetzungen sind anhand der von den Wahlbeauftragten gemeldeten Delegiertendaten stichprobenartig geprüft worden. Dabei sind keine Beanstandungen aufgetreten. Ferner gehen wir davon aus, dass bei den Delegiertenmeldungen der Landesbezirke und Fachbereiche vor Ort jeweils die korrekte Beitragszahlung und die sonstigen Voraussetzungen geprüft worden sind.

Zur Abführung von Vergütungen aus Aufsichtsratsmandaten oder ähnlichen Tätigkeiten haben wir alle Delegiertendaten mit der beim Bundesvorstand geführten Datenbank der ver.di-Mitglieder in Aufsichtsräten abgeglichen.

Bei sieben Delegierten haben wir festgestellt, dass sie ihrer Abführungsverpflichtung aus Aufsichtsratsmandaten nicht oder nicht in vollem Umfang nachgekommen waren. (Pfui-Rufe - Pfiffe) Mit allen Betroffenen wurde gesprochen, (Heiterkeit) in der Regel durch einen Hauptamtlichen des Fachbereichs, wobei ein Mitglied daraufhin seine Rückstände ausgeglichen hat, damit also die Wählbarkeit als Delegierter gegeben war. Fünf Mitglieder haben auf die Wahrnehmung des Delegiertenmandats verzichtet. (Pfiffe) Dafür wurden Ersatzdelegierte eingeladen.

Ein Mitglied ist nicht bereit gewesen, das Delegiertenmandat niederzulegen, und ist zum Kongress angereist. Diese Person war spätestens seit August 2007 darüber informiert, dass sie nicht als Delegierte wählbar ist. Wir beide, der Karl-Heinz und ich, haben mit ihr, mit dem Menschen, (Heiterkeit) gestern noch ein ausgiebiges Gespräch geführt (Beifall) und die Gründe erläutert. Denn diese Person hat, übrigens unstreitig, ihre Abführungsverpflichtung nicht erfüllt. Es geht hier um eine Summe von gut 15.000 Euro. (Unruhe) Die Person ist damit nach Paragraf 21 der Satzung nicht wählbar. Ihr Mandat ist daher ungültig. Nach Ziffer 4 der Wahl- und Geschäftsordnung dieses Kongresses entscheidet in Zweifelsfällen der Bundeskongress über die Gültigkeit eines Mandats. Hier liegt aber kein Zweifelsfall vor, denn die Person ist eindeutig und zweifelsfrei nicht wählbar. Daher hat die Mandatsprüfungskommission durch einstimmigen Beschluss die Ungültigkeit dieses Mandats festgestellt. (Beifall)

Wir haben auch bei allen eingeladenen Ersatzdelegierten die Prüfung vorgenommen und haben festgestellt, dass alle Ersatzdelegierten, die ein Aufsichtsratsmandat haben, die Richtlinie zur Abführungsverpflichtung beachtet haben.

In einigen Fällen gab es sogenannte „Doppelmandate“, weil Mitglieder sowohl im Fachbereich als auch im Bezirk oder Landesbezirk als Delegierte oder Ersatzdelegierte gewählt worden waren. Natürlich kann ein Mitglied beim Bundeskongress nur ein einziges Delegiertenmandat innehaben. In diesen Fällen wurde durch die zuständigen Hauptamtlichen mit den Betroffenen Rücksprache gehalten, wobei in allen Fällen die betroffenen Mitglieder eines der beiden Mandate niedergelegt haben. Für dieses Mandat wurde dann ein Ersatzdelegierter oder eine Ersatzdelegierte - soweit vorhanden - eingeladen.

Wir sind somit zu dem Ergebnis gelangt, dass die Delegiertenmandate mit einer Ausnahme, die wir erwähnt haben, nicht zu beanstanden sind.
Angaben zu den Delegierten: Nach der Satzung kann es 1.008 Delegierte geben, darunter je 500 Delegierte der Ebenen und Fachbereiche, zwei Delegierte der Jugend sowie ein Delegierter oder eine Delegierte der Gruppen nach Paragraf 22 Absatz 4 der Satzung, also Seniorinnen/Senioren, Arbeiter/Arbeiterinnen, Beamtinnen/Beamte, Meister/Meisterinnen, Techniker/Technikerinnen, Ingenieure/Ingenieurinnen, Erwerbslose sowie freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und sonstige nicht betriebsgebundene Mitglieder.
Es gibt zwei unbesetzte Mandate. Das sind Mandate, für die keine Wahl von Delegierten erfolgte. Ein Mandat kommt aus dem Landesbezirk Rheinland-Pfalz, das andere Mandat aus dem Fachbereich Handel. Das heißt, es wurden 1.006 Delegierte für diesen Kongress gewählt. Ferner gibt es zwei erloschene Mandate. Das sind Mandate, für die durch Mandatsniederlegung, Austritt oder Tod keine Delegierten beziehungsweise Ersatzdelegierten mehr vorhanden sind.
Verhindert sind heute 85 Delegierte. Es sind damit 919 stimmberechtigte Delegierte anwesend. (Beifall)

Karl-Heinz Richard, Mandatsprüfungs- und Wahlkommission

Liebe Kolleginnen und Kollegen, aus den eben genannten Zahlen ergibt sich, dass der Kongress beschlussfähig ist, da weit mehr als die Hälfte der Delegierten anwesend sind. Bei 1.006 gewählten Delegierten ist die Beschlussfähigkeit mit 504 Delegierten gegeben.
Für Abstimmungen gibt es zwei verschiedene Mehrheitserfordernisse, wobei nach der Satzung in allen Fällen Enthaltungen als nicht abgegebene Stimmen gelten: Im Regelfall werden Kongressbeschlüsse mit der Mehrheit der abgegebenen Stimmen gefasst, das heißt eine Jastimme mehr als Neinstimmen; Paragraf 39 Absatz 5 der Satzung. Für Beschlüsse über Satzungsänderungen ist eine Mehrheit von zwei Drittel der abgegebenen Stimmen erforderlich.

Nun einige Angaben über die Zusammensetzung des Kongresses, Paragraf 38 Absatz 1 der Satzung. Zunächst zur Frauenquote, Paragraf 20 Absatz 3 der Satzung: Der Anteil der Frauen unter den Delegierten muss mindestens dem unserer Mitgliedschaft entsprechen. Maßgebender Stichtag ist - wie bei der Verteilung der Delegiertenmandate - der 31.12.2005. Damals waren 49,68 Prozent der Mitglieder Frauen. Weibliche Delegierte: 512; das sind 55,71 Prozent. (Beifall) Männliche Delegierte: 407; das sind 44,29 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich auf die heute anwesenden 919 Delegierten. Auch bezogen auf die 1.006 gewählten Delegierten ist die Frauenquote erfüllt.

Zum Anteil der Jugendlichen: Jugendliche sollen grundsätzlich entsprechend ihrem jeweiligen Anteil unter den Delegierten vertreten sein, mindestens jedoch mit zwei Mandaten. Paragraf 38 Absatz 1 der Satzung bestimmt für den Kongress, dass eine „angemessene Vertretung der Jugend“ vorzusehen ist. Der Gewerkschaftsrat hat auf der Grundlage von Paragraf 20 Absatz 4 der Satzung den Gliederungen der Ebene und der Fachbereiche mindestens 50 Mandate der Jugend vorgegeben, und zwar je zur Hälfte als Ebenenmandate und als Fachbereichsmandate. Zum 31.12.2005 waren circa 5,01 Prozent der ver.di-Mitglieder Jugendliche im Sinne der Satzung, also bis zum vollendeten 28. Lebensjahr. Unter den 1.006 gewählten Delegierten sind 63 Jugendliche. Das entspricht einem Anteil von 6,26 Prozent. (Beifall) Der Anteil der Jugend unter den Delegierten ist also höher als der Anteil an der Mitgliedschaft. Dies ist sehr erfreulich. (Beifall)

Besondere Mandate der Seniorinnen und Senioren: Diese sind ebenfalls nach Paragraf 38 der Satzung vorzusehen, allerdings ohne nähere Festlegung eines bestimmten Anteils. Der Gewerkschaftsrat hat festgelegt, dass mindestens 80 besondere Mandate den Organisationsgliederungen zugewiesen werden, davon zwei Drittel der Ebene und ein Drittel den Fachbereichen. Unter den gewählten Delegierten sind nach unserer Prüfung insgesamt 82 Seniorinnen und Senioren. Diese Gruppe stellt circa 16,4 Prozent unserer Mitglieder. Unter den Delegierten ist auch der nach der Satzung zwingend zu wählende Vertreter der Seniorinnen und Senioren.
Die Vorgaben der Satzung und des Gewerkschaftsrats sind also auch insoweit eingehalten.

Zur gleichen Zahl von Delegierten der Ebenen und der Fachbereiche, Paragraf 38 Absatz 1 Satz 1 der Satzung: Gewählt wurden satzungsgemäß je 499 Delegierte der Fachbereiche und der Ebenen. Dass es nicht jeweils 500 sind, wie es an sich vorgesehen ist, liegt daran, dass, wie schon gesagt, in einem Fachbereich und in einem Landesbezirk je ein Delegiertenmandat unbesetzt blieb.

Dann zu den Altersangaben bei den Delegierten: Ich glaube, bei der jüngsten und der ältesten Delegierten darf man das Alter noch nennen. Die jüngste Delegierte ist Julia Nowey aus dem Landesbezirk Hessen. Sie ist 20 Jahre jung. (Beifall) Die älteste Delegierte ist Brünhilde Erbstößer aus dem Landesbezirk Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen mit 83 Jahren. (Beifall) Das Durchschnittsalter der Delegierten beträgt 51 Jahre.
Der durchschnittliche Mitgliedsbeitrag der Delegierten beträgt 26,59 Euro.
Wir haben alle Prüfungen entsprechend der Satzung und der Geschäftsordnung des Kongresses - zum Teil gestützt auf umfangreiche Vorarbeiten und Vorprüfungen hauptamtlicher Kolleginnen und Kollegen - durchgeführt. Dabei haben sich keine Beanstandungen ergeben. Oder besser positiv formuliert: Die Prüfungen haben - mit der einen erwähnten Ausnahme - zu positiven Ergebnissen geführt.

Die wichtigsten Zahlen unseres Berichts werdet Ihr noch schriftlich erhalten. - Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Gabriela, vielen Dank, Karl-Heinz. Wie gesagt: Die Daten werdet Ihr in der nächsten Verteilaktion auf Euren Plätzen vorfinden.
Ich darf damit den Punkt 4 komplett abschließen. Wir kehren zurück zum Tagesordnungspunkt 5, zur Aussprache über die Berichte. Hierzu hat nun das Wort die Kollegin Annika Wahlen mit der Delegiertennummer 249.

Annika Wahlen, 249

Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Geschäftsbericht heißt es zur Einkommensentwicklung, was ja ein Kernfeld der klassischen Gewerkschaftsarbeit ist, dass die Einkommenssteigerungen der Beschäftigten 2006 erneut und noch stärker als in den Jahren zuvor hinter den ökonomischen Möglichkeiten zurückgeblieben sind. Die tariflichen Einkommenserhöhungen haben den durch Produktivitätssteigerungen plus Preiserhöhungen gegebenen Spielraum bei Weitem nicht ausgeschöpft. Die effektiven durchschnittlichen Einkommen entwickeln sich noch schwächer als die Tarifentgelte und die Kaufkraft der einzelnen Beschäftigten sank.“ Weiter heißt es: „Diese Entwicklungen sind im hohen Maße Resultat einer verfehlten Politik.“
Wer, liebe Kolleginnen und Kollegen, würde dem widersprechen wollen. Aber die Frage ist: Fällt eine solche Politik vom Himmel oder ist sie nicht vielmehr auf knallharte Interessen zurückzuführen. Deshalb müssen wir uns die grundsätzlichen Erkenntnisse in Erinnerung rufen, dass gewerkschaftliche Kämpfe immer gesamtgesellschaftliche Auswirkungen haben. Als Beispiel ist hier der vielfach analysierte und diskutierte Telekom-Streik zu nennen, der äußerst lehrreich und beispielhaft in diesem Zusammenhang ist. An der Stelle möchte ich aber nicht näher auf den Streik eingehen, weil das andere hier im Saal mit Sicherheit besser können als ich.

Fest steht, dass das Streikrecht ein Grundrecht ist, welches bezeichnenderweise nicht im Grundgesetz steht. Hierzulande gibt es aber kein verbrieftes politisches Streikrecht, wie es in anderen westeuropäischen Ländern selbstverständlich ist. Meiner Meinung nach ist dieses Recht nicht durch unser Kreuz auf irgendwelchen Stimmzetteln zu erreichen. Dieses Recht müssen wir uns auf der Straße und vor allem in den Betrieben durch verschiedene Aktionen erkämpfen. (Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, besonders freut es mich, dass ich mich in den nächsten Tagen mit Euch über politische Fragen wie Krieg und Frieden, Sozial- und Demokratieabbau sowie Rechtsentwicklung auseinandersetzen kann. Allerdings gibt es in diesem Zusammenhang in Sachen Mobilisierung noch einiges zu tun. So wurde ich beispielsweise in und um Heiligendamm oft gefragt, warum fast nur Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus dem Jugendbereich vor Ort waren. Um zukünftig besser zu mobilisieren, können und müssen wir mit Bündnispartnern, wie zum Beispiel der Friedensbewegung und anderen sozialen Bewegungen, zusammenarbeiten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Gewerkschaft gibt es jetzt ja schon einige Jahre. Die Gründungsphase ist abgeschlossen, aber noch ist nicht das zusammengewachsen, was eigentlich zusammengehört. Das müssen wir uns eingestehen.

Vor knapp drei Jahren konnte man Folgendes von dem ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten Rogowski hören: „Am 9. November 1989 haben wir mit der Maueröffnung auch die Abrissbirne gegen den Sozialstaat in Stellung gebracht. Hartz V bis Hartz VIII werden demnächst folgen. Es ist ein Klassenkampf, und es ist gut so, dass der Gegner auf der anderen Seite kaum noch wahrzunehmen ist.“ An dieser Stelle möchte ich Euch sagen, liebe Kolleginnen und Kollegen: Sorgen wir doch dafür, dass wir viel stärker wahrzunehmen sind und dass wir diese Abrissbirne stoppen. Wir als Gewerkschaft können das. Es ist gut zu wissen, das macht mir Mut, in diesem Sinne mit Euch zu kämpfen. - Danke schön. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Annika. Es folgt Annemarie Hehl mit der Delegiertennummer 461.

Annemarie Hehl, 461

Liebe Kolleginnen und Kollegen, gestern waren wir, ich und viele Delegierte, enttäuscht, dass Du, lieber Frank, in Gegenwart von Müntefering kein Wort zum Thema Rente mit 67 gesagt hast. (Beifall)
Auch wenn wir vom Regierungspartner SPD offiziell Unterstützung beim Thema Mindestlohn erfahren, dürfen wir die soziale Ungerechtigkeit, die auch die Rente mit 67 bedeutet, nicht verschweigen. Auch nicht verschweigen aus Höflichkeit bei einer Eröffnungsfeier. (Beifall) Ich wünsche mir, dass ver.di in Zukunft jede Gelegenheit nutzt, auch in Anwesenheit der verantwortlichen Politiker diese Rentenkürzung anzuprangern und ihre Rücknahme zu fordern. - Danke. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Annemarie. Jetzt hat das Wort der Kollege Uwe Januszewski mit der Delegiertennummer 115.

Uwe Januszewski, 115

Ich komme aus Berlin. Lieber Frank, vielen Dank für Deine klaren Worte hinsichtlich der Beamtinnen und Beamten, insbesondere auch der politischen Aussagen; denn immerhin organisieren wir 275.000 Kolleginnen und Kollegen in ver.di, die sich im Beamtenstatus befinden, einschließlich der bei dem Post-Nachfolgeunternehmen beurlaubten Kolleginnen und Kollegen, die dort als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten.

Die Beamtinnen und Beamten in ver.di stehen für ein einheitliches Personalrecht, und damit unterscheiden wir uns von den Kolleginnen und Kollegen im Deutschen Beamtenbund. Wir, liebe Kolleginnen und Kollegen, stehen für das Streikrecht uneingeschränkt auch für die Beamtinnen und Beamten. (Beifall)

Die Situation nach der Föderalismus-Reform ist derart, dass die Länder-Regierungen mittlerweile versuchen, die Beamtinnen und Beamten noch weiter gegen die Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellten auszuspielen. Lebensarbeitszeitverlängerung, Kürzung des Gehalts, Verlängerung der Arbeitszeit stehen auf der Tagesordnung und werden als Druckmittel genutzt, um anschließend Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte vor vollendete Tatsachen zu stellen und ihnen zu sagen, dass sie nun aus Solidarität genauso schlecht behandelt werden müssen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Beamtenarbeit in ver.di ist wichtig und sie muss gestärkt werden. Gerade die Föderalismus-Reform zeigt, dass wir Schwächen haben im Landesbeamtenbereich. Deswegen fordere ich diesen Kongress auf, insbesondere auch den neuen Gewerkschaftsrat, sich Gedanken zu machen, wie man die Beamtenarbeit stärken kann. Wir müssen insbesondere in den Landesbezirken entsprechende Sekretariate mit hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen einrichten. Es reicht nicht aus, wenn man ein Türschild hat. Wir brauchen starke, hauptamtliche Sekretärinnen und Sekretäre, die sich für die Belange der Beamtinnen und Beamten einsetzen. Auch in den Post-Nachfolgeunternehmen arbeiten Beamtinnen und Beamte. Hier ist es Aufgabe von ver.di, deren Rechte durchzusetzen. Sie haben ein Recht darauf, dass ihre Arbeitsbedingungen geschützt werden und dass sie nicht als sogenannte Bundesbeamte hintanstehen müssen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Beamten in ver.di stehen zu ihrer Gewerkschaft. Mit eigenständigen Beamten-Veranstaltungen kämpfen wir Seite an Seite mit den Kolleginnen und Kollegen im öffentlichen Dienst. Wir fordern von ver.di eine eigenständige Beamtenarbeit. Als Vorsitzender unseres Bundesausschusses für Beamtinnen und Beamte bin ich bereit, diese eigenständige Beamtenarbeit auch in den nächsten vier Jahren weiterzuentwickeln. Deshalb gucken viele Beamtinnen und Beamte kritisch auf das Zueinandergehen mit dem Beamtenbund. Hier werden wir sehr genau darauf achten, wie weit sich die Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Beamtenbundes bewegen. Wir werden auch darauf achten, dass unsere Positionen in diesem Aufeinanderzugehen nicht untergehen. (Beifall)

Wir erwarten, dass in der Tarifrunde des Öffentlichen Dienstes, wenn es dann schon eine gemeinsame Tarifrunde gibt mit den Kollegen des Deutschen Beamtenbundes, ver.di auch für die Beamtinnen und Beamten spricht und verhandelt sowie deutlich macht, dass Tarifpolitik und Beamtenpolitik nicht trennbar sind. Für uns, den Beamten in ver.di, hat das Tarifrecht Vorrang. Wir haben selbstverständlich Positionen, die wir in unsere Gewerkschaft mit einbringen. Damit die Beamten auch aktiv sein können, werden wir über den Bundesbeamtenbereich auch zur Tarifrunde 2008 entsprechend mobil machen. Wir werden kraftvoll zeigen, dass wir Seite an Seite mit Arbeiterinnen und Arbeitern und Angestellten stehen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, viele Tarifauseinandersetzungen sind nur möglich, weil beamtete Kolleginnen und Kollegen in den Dienststellen mithelfen, sie zu organisieren. Ein Dank an dieser Stelle an unsere Pensionäre. Ohne unsere Kolleginnen und Kollegen im Seniorenalter würde manche gewerkschaftliche Aktion nicht funktionieren. (Beifall)
Deshalb haben es unsere Seniorinnen und Senioren verdient, dass auch sie endlich eine Erhöhung ihrer Versorgungsbezüge erhalten. Hierfür müssen wir uns einsetzen, genauso wie wir uns einsetzen müssen gegen die Lebensarbeitszeitverlängerung, insbesondere bei den Kolleginnen und Kollegen der Feuerwehr, denn die sollen uns nicht mit 62 oder 67 noch retten müssen. Sie haben es verdient, früher in den Ruhestand gehen zu können. - Ich bedanke mich. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Uwe. Es erhält jetzt das Wort der Kollege Matthias Wunsch mit der Delegiertennummer 311.

Matthias Wunsch, 311

Kolleginnen und Kollegen, über zehn Wochen Arbeitskampf um die Ausgliederung von 50.000 Beschäftigten bei der Telekom haben gezeigt, die Mitglieder sind bereit, ohne jede Einschränkung für ihre berechtigten Forderungen zu kämpfen. Sie sind bereit, mit ihrer Gewerkschaft gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.
Ja, wichtige materielle Regelungen wurden gesichert. Ich nenne insbesondere den Rationalisierungsschutz, die Verlängerung des Kündigungsschutzes und die befristeten Ausgleichszahlungen für Lohnsenkungen. Aber, Kolleginnen und Kollegen, die Ausgliederung, die Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingen wurden damit nicht verhindert. Der Arbeitgeber hat sich massiv durchgesetzt. Ich nenne beispielhaft die Arbeitszeitverlängerung von 34 auf 38 Wochenstunden ohne jeden Lohnausgleich, die Absenkung des Tabellenlohnes um 6,5 Prozent und die Verrechnung von Ausgleichszahlung mit den nächsten Lohnrunden.

Die eingangs beschriebene Kampfbereitschaft wurde nicht für die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Betriebsübergänge genutzt. Mein Eindruck: Unsere Gewerkschaft selbst glaubt nicht so recht an die gestaltende politische Kraft einer Gewerkschaft. Damit stand schon zu Beginn der Auseinandersetzung fest, dass die Beschäftigten Verschlechterungen hinnehmen müssen. Es ging nur noch um den Umfang.

Es war meines Erachtens falsch, den Streik auf die unmittelbar von der Ausgliederung betroffenen Tarifkräfte zu begrenzen. Es war meines Erachtens falsch, die Beamten, die von der Ausgliederung ebenfalls betroffen sind, nicht in den Arbeitskampf einzubeziehen und sich damit von vornherein um rund 50 Prozent seiner Kampfkraft zu berauben. Es war meines Erachtens falsch, die übrigen Beschäftigten der Telekom AG und die Auszubildenden nicht mit einzubeziehen. Dies erschwerte unsere Streikziele, aber ermöglichte es dem Arbeitgeber, Streikfolgen teilweise auszugleichen. Es fehlte meines Erachtens eine Strategie für die Fortsetzung des Streiks nach dem Betriebsübergang.
Kolleginnen und Kollegen, einen Streik beende ich dann, wenn ich mich durchgesetzt habe oder wenn der Arbeitskampf nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Beides war eindeutig nicht der Fall. Auseinandersetzungen, die - aus welchen Gründen auch immer - mit Lohnverzicht und Arbeitszeitverlängerung enden, sind ein Beleg dafür, dass die Gewerkschaft ganz offensichtlich nicht oder nur eingeschränkt in der Lage ist, ihre Kampfbereitschaft in gesellschaftliche Aktionen umzusetzen.

Aus den Streikerfahrungen bei der Telekom müssen wir deshalb Konsequenzen ziehen. Solche grundlegenden Auseinandersetzungen dürfen meines Erachtens nicht auf unmittelbar Betroffene oder auf den Fachbereich begrenzt bleiben. Solidarität in ver.di muss mehr sein als Solidaritätserklärungen oder auch die Präsenz anderer Fachbereiche vor den Streiktoren. Notwendig sind Solidaritätsstreiks, organisiert auch in der Ebene. Denn das hat dem Telekom-Streik eindeutig gefehlt: die Ausweitung des Streiks und damit die Erhöhung des Drucks auf den Arbeitgeber. (Leichter Beifall) Da es in diesem und im nächsten Jahr bei der Telekom keine Lohnrunde geben wird, müssen wir die Zeit nutzen, um uns in 2009 besser aufzustellen.

Lasst uns einheitliche branchenweite Forderungen und Tariflaufzeiten für die Gesamtbranche durchsetzen. Gehen wir mutig den Kampf um ein allgemeines und uneingeschränktes Streikrecht an, nicht in Theoriedebatten. Die Mindestlohn-Kampagne ist hierzu bestens geeignet. Zeigen wir: ver.di ist kein Papiertiger, sondern eine Kampforganisation mit Gegenmachtanspruch. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Danke schön, Matthias. Es folgt der Kollege Günter Roggenkamp mit der Delegiertennummer 644.

Günter Roggenkamp, 644

Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben die ganze Zeit auch über die Frage des Selbstverständnisses unserer Gewerkschaft diskutiert. Hier ist eindrucksvoll dargestellt worden, wie stark wir in Abwehrkämpfen sind und wie stark wir in Tarifkämpfen sind, auch wenn wir dort die eine oder andere Niederlage haben hinnehmen müssen. Diese Abwehrkämpfe führen wir deshalb, weil die Unternehmer und teilweise auch die Politik ihren sozialen Konsens aufgekündigt haben, der diese Bundesrepublik hat groß werden lassen, der dafür gesorgt hat, dass Arbeitnehmerrechte entwickelt worden sind und der dafür gesorgt hat, dass sich die Lebensbedingungen im Wesentlichen verbessert haben, also das, was einmal unter dem Namen „rheinischer Kapitalismus“ diskutiert worden ist. Diese Zeit ist ja nun seit Längerem vorbei. Das merken wir tagtäglich in unserer Arbeit; tagtäglich in der Tagesarbeit müssen wir uns gegen die Angriffe der Arbeitgeber wehren, die nichts anderes im Sinn haben, als unsere Löhne und Gehälter zu drücken und unsere Rechte wegzunehmen.

Nach meiner Auffassung ist es notwendig, dass wir noch einmal eine Grundsatzdebatte darüber führen, wohin wir denn eigentlich mit unserem Gestaltungsansatz wollen. Das eine sind die Schutzfunktionen, die die Gewerkschaften haben; ich hatte das eben noch einmal dargestellt. Auf der anderen Seite haben wir natürlich auch einen Anspruch auf Gestaltung von Arbeits- und Lebensbedingungen für die Menschen in diesem Land. Da haben wir zurzeit ein kleines Problem, weil die Mehrheitsverhältnisse im Moment nicht so sind, wie wir sie uns wünschen müssten.

Die Sozialpolitik wird im Moment einer neoliberalen Ideologie geopfert, die sich in allen Facetten darstellt. Hier ist auch noch ein Info zum Heuschreckenkapitalismus verteilt worden, dem man nichts mehr hinzufügen muss. Wir müssen aber in unseren Betrieben und Verwaltungen mit unseren Kolleginnen und Kollegen darüber diskutieren, wie wir denn die Gesellschaft gestalten wollen, welche Ziele wir langfristig haben, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Kolleginnen und Kollegen zu verbessern.

Wenn der Vizekanzler gestern, den wir ja duzen - insofern sind wir schon fast in der Regierung, (Heiterkeit) also mit der Regierung nahe beieinander - beklagt hat, dass Arbeitsplätze abgebaut werden, dann hatten wir das gestern Abend beklatscht. Er hat aber vergessen zu erzählen, dass diese Bundesregierung und auch dieser SPD-Minister in seinem Zuständigkeitsbereich nichts anderes tut als Arbeitsplätze abzubauen oder gnadenlos zu privatisieren. Das ist eine riesige Schweinerei. (Beifall)

Ein Beispiel: Im Bereich der deutschen Rentenversicherung hat die Bundesregierung im Rahmen des Reformprozesses mit aufgegeben, dass insgesamt zehn Prozent der Arbeitsplätze gestrichen werden sollen; das sind 8.000 von 80.000 Beschäftigten, die bis zum Jahre 2010 abgebaut werden. Wenn sich dieser Minister und Vizekanzler hier hinstellt und beklagt, dass Unternehmer Arbeitsplätze abbauen, dann ist er an dieser Stelle kein Deut besser. (Beifall)

Im Geschäftsbericht ist noch ein Teil enthalten, den ich noch ansprechen möchte. Dort steht, dass wir am 21. Oktober 2006 eine Demonstration mit über 220.000 Teilnehmern organisiert haben. Es ging darum, die Rente mit 67 und andere Einschnitte im Sozialstaat zu bekämpfen. Die Teilnehmerzahl war beachtlich. Letzten Endes ist die Rente mit 67 aber doch umgesetzt worden. Müntefering hat dazu gesagt, dass man das auch mit Hauptschule Sauerland verstehen könne, warum man das angehen muss. Seine einfache Formel ist: Die Menschen werden älter, also müssen sie auch länger arbeiten. Das ist natürlich eine tolle Terminologie. Wir wissen aber, dass das nicht stimmt. Wir haben die Chance - im Jahre 2010 soll das ganze Vorhaben noch einmal überprüft werden -, schon vor der nächsten Bundestagswahl, aber auch danach mit Nachdruck nochmals einzufordern, dass dieses Vorhaben Rente mit 67 definitiv eben nicht umgesetzt wird. (Beifall)

Ein Letztes zu Visionen und Zielen. Die Tagesarbeit frisst uns auf, die Abwehrkämpfe belasten unsere Arbeit insgesamt. Es ist dann aber auch notwendig, dass wir uns überlegen: Wie sollen denn eigentlich unsere Arbeits- und Lebensbedingungen in der Zukunft aussehen? Wie stellen wir uns eine solidarische Gesellschaft vor? Wie meinen wir, die Macht des Kapitals zurückdrängen zu können, damit wir als Arbeitnehmer nicht zur Restgröße betriebswirtschaftlicher Logik verkümmern? Wir müssen uns auch in der Zukunft die Aufgabe stellen, darüber zu diskutieren, auch die Kolleginnen und Kollegen in die Betriebe und Verwaltungen mitzunehmen und ihnen zu sagen, dass wir als Gewerkschaften eine Perspektive haben, bei der es sich lohnt mitzuarbeiten. Deshalb müssen die Kolleginnen und Kollegen mitgenommen werden, wenn es darum geht, sich aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen; denn nur so können wir langfristig unsere Interessen durchsetzen. - Danke. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Günter. Nun erhält das Wort der Kollege Manfred Geneschen mit der Delegiertennummer 202.

Manfred Geneschen, 202

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bevor ich zu dem komme, was ich eigentlich sagen wollte, bringe ich eine kurze Anmerkung zu dem Beitrag von soeben zur Telekom. Ich selber war intensiv an dem Streik bei der Telekom beteiligt. Nur: Ich halte die Schlussfolgerung für falsch, hier zu sagen, wir hätten damit die politische Auseinandersetzung eröffnen sollen; denn das hätten wir alles auf dem Rücken unserer Kolleginnen und Kollegen ausgeübt. (Beifall) Von daher ist es wichtig, dass wir die Menschen beschützt haben. Das haben wir gemacht. Jetzt sollen wir alle gemeinsam über diesen blöden Paragraf 613 a diskutieren. Ich denke, dabei können wir die politische Auseinandersetzung führen. Dorthin gehört sie auch. (Beifall)

Bis hierhin erst einmal dazu. Das kam mir eben erst in den Sinn.
Nun zu meinem eigentlichen Thema. Frank, Du hattest heute Morgen mit Deinem Wortbeitrag mir wirklich aus der Seele gesprochen. Du hast all diese Punkte angeführt, die wir als Ziele beschreiben, und Erfolge dargestellt. Das hat gutgetan. Aber damit ist, denke ich, noch nicht alles angesprochen worden, sondern auch bei uns laufen einige Dinge nicht so, wie wir uns das vorstellen.

Ich denke dabei insbesondere an unsere Jugendarbeit. Dort könnte noch mehr passieren. Ich erlebe es in meinem Bezirk. Letztendlich habe ich durch meine Betriebsgruppe mit zwei Bezirken zu tun. In beiden Bezirken ist die Stelle des Jugendsekretärs offen und unbesetzt. Es kümmert sich keiner darum. Es stellt sich daher insgesamt die Frage: Wie transportieren wir denn all die Dinge, die Du heute Morgen angesprochen hast? Sie müssen wir zu den Jugendlichen in den Betrieben transportieren. Dort, wo wir dazu die Möglichkeit haben, machen wir das. Aber in weiten Bereichen findet das nicht statt.
Wie transportieren wir das zu der Jugend, die erst gar nicht in den Betrieben ankommt, die in den Berufsschulen und in den allgemeinbildenden Schulen ist? Dort findet das Thema gar nicht statt. Es steht zwar in irgendwelchen Lehrplänen.

Ich habe dafür vorvorletzte Woche ein Beispiel erlebt. Ich war auf der Schulkonferenz der Berufsschule und bot zum Schluss an: Wenn ihr das Thema im Unterricht habt, bin ich gerne bereit zu kommen. - Ich wurde darauf herzlich dazu eingeladen - nach dem Motto: gerne! Wir sind froh, dass sich endlich einmal die Gewerkschaft meldet.
Von daher haben wir Möglichkeiten, an junge Menschen heranzukommen. Nur vermisse ich, dass wir ein Stück strukturiert herangehen, dass wir ein Stück System dahintersetzen, dass nicht alles von Zufälligkeiten geprägt wird. Wir haben gute Dinge. ver.di ist cool, und der DGB macht sinnvolle Projekte. Aber das sind kleine Tropfen auf den heißen Stein. Ich erwarte, dass wir ein Stück mehr machen. Wir müssen als ver.di Prioritäten setzen und sagen: Wenn wir für die Zukunft gerüstet sein wollen, müssen wir an die jungen Menschen heran. Wir müssen mehr tun. Daher erwarte ich hier ein Stück mehr und hoffe, dass dazu gleich ein paar Botschaften kommen. (Beifall)

Ich habe noch ein paar andere Dinge, die mir in der Vergangenheit wehgetan haben. Wir hatten zu DPG-Zeiten unsere Fachschule. Sie ist natürlich in ver.di übergeführt worden. Aber das war nicht ein Gebilde, das allein auf Bundesebene stand, sondern das war geprägt von ehrenamtlicher Arbeit in den Bezirken - letztendlich damals in den alten Bezirken und zum Schluss in den ver.di-Landesbezirken. Nur: Diese Arbeit wurde systematisch kaputtgemacht, weil von der Bundesverwaltung aus diese Aktivitäten nicht mehr geduldet wurden. Es wurden Dinge von der Prüfungsvorbereitung der Auszubildenden über Selbstverteidigungskurse von Frauen bis hin zu Skifreizeiten gemacht. Aber das waren alles Aktivitäten, die sich kostenmäßig selbst getragen haben und zu denen ver.di nichts zugezahlt hat.

All diese Dinge wurden so weit eingestampft, dass die vorhandenen ehrenamtlichen Mitarbeiter das Handtuch geschmissen und gesagt haben: Unter den Rahmenbedingungen arbeiten wir nicht weiter. Damit wurde ein Stück ehrenamtliche Arbeit kaputtgemacht - ganz ohne Grund. Das hatte mir wehgetan und tut mir immer noch weh. So etwas darf es hier in ver.di auch nicht geben. Dazu möchte ich auch gerne etwas hören.
Einen dritten Punkt habe ich noch: unseren Mitglieder-Service. Ich weiß nicht, ob wir damit immer so gut aufgestellt sind. Ich habe es selber ausprobiert, angerufen und nach einem Leihwagen gefragt. Mir wurde gesagt, was er kostet - mit der Nummer aus dem Internet. Das hat alles prima geklappt. Aber ich wollte wissen, wie groß denn unser Vorteil ist, und habe gefragt: Was würde ich denn als normaler Kunde zahlen? - Darauf hat sich die Kollegin am Telefon selber erschrocken. Der Wagen war billiger für einen normalen Kunden als für ein ver.di-Mitglied. (Beifall) Von daher müssen wir die Strukturen überarbeiten.

Davon gibt es viele Beispiele. Ich denke, es muss viel deutlicher werden, dass dieser Mitgliederservice wirklich einer ist. Ich habe letzte Woche ein Handy über den Mitgliederservice für meine Bekannte bestellt. Ich wollte das lobend erwähnen: Damit haben wir als ver.di ein besonderes Angebot. - Ein paar Tage später kam sie mit einer Werbebeilage an alle Haushalte, die genau das gleiche Angebot auch enthielt. Damit blamieren wir uns natürlich ein Stück.

Von daher möchte ich beim ver.di-Mitgliederservice genau wissen, womit wir punkten können und wovon wir wirklich sagen können: Das ist ein Service speziell für Mitglieder. Aber wir dürfen uns nicht immer wieder blamieren. - Danke. (Beifall)

Thomas Koczelnik, Kongressleitung

Vielen Dank, Manfred. - Liebe Kolleginnen und Kollegen, uns liegen unterdessen 47 Wortmeldungen zur Aussprache über die Berichte vor, von denen wir bereits zehn gehört haben.
Wir wollen Euch jetzt eine Kaffeepause vorschlagen und in sie bis 16.30 Uhr eintreten. Halb fünf treffen wir uns hier wieder. Eine angenehme Pause! Nach der Pause wird als Erster der Kollege Leo Frings das Wort erhalten.

(Unterbrechung des Kongresses von 16.05 bis 16.32 Uhr)