Kongressdebatte zum Antrag A 76
Hildegard Schwering, Kongressleitung
Ich rufe jetzt auf die Anträge A76 und A77. Hierzu liegen mir
Wortmeldungen vor. Zunächst hat der Kollege Dietmar Schütteler mit der
Delegiertennummer 539 das Wort.
Dietmar Schütteler, 539
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Intention dieses Antrages ist,
zum einen den Wehrersatzdienst und zum anderen die Wehrpflicht
abzuschaffen, den Wehrersatzdienst deswegen, weil er eine
arbeitsplatzvernichtende Maßnahme darstellt. Das ist ein Punkt, den man
von Seiten ver.di sicherlich anpacken sollte und den man auch behandeln
sollte, aber nicht so.
Ich bin der Ansicht, die Abschaffung des Wehrersatzdienstes hat dann
direkt zur Folge, dass damit auch automatisch die Wehrpflicht an sich
kippt, denn das eine bedingt das andere. Dies würde dazu führen, dass
wir quasi forderten, dass wir eine Berufsarmee, eine Berufswehr
bekämen. Ich bin der Ansicht, ein solches Signal sollte von diesem
Kongress nicht ausgehen. Solange wir in einer Welt leben, in der wir
offensichtlich leider noch nicht ohne Wehr auskommen, ist mir
persönlich eine Wehrpflichtigenarmee oder eine Armee mit
wehrpflichtigem Anteil erheblich lieber als eine Berufsarmee. Daher
bitte ich Euch, diesen Antrag abzulehnen. (Leichter Beifall)
Reinhard Burath, 1
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, ich bin Bezirksvorsitzender des
Bezirks Schleswig-Holstein Nordost. Ich trage die Delegiertennummer 1
nicht deswegen, weil ich das ehrenamtliche Pendant zu Frank bin,
sondern weil im Nachbarbezirk bei mir wirklich sehr gute
Gewerkschaftsarbeit gemacht wird, aber dänisch gesprochen. Also bin ich
im Norden die Nummer eins.
Ich möchte wie mein Vorredner empfehlen, der Empfehlung der
Antragskommission nicht zu folgen. Ich hätte eine wesentlich schärfere
militärische Begründung dafür, aber die möchte ich mir hier ersparen.
(Leichter Beifall)
Michael Sievers, 774
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin zurzeit
Zivildienstleistender in meiner Heimatstadt in Rheine und bin dadurch
direkt von dieser Sache betroffen.
Es sieht so aus, dass ich vor drei Monaten, bevor ich meinen Dienst
angetreten habe, diesem Antrag sofort zugestimmt hätte. Aber ich habe
in der Zwischenzeit einige Erfahrungen gemacht und auch mit anderen
Zivis gesprochen. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es viele
Bereiche gibt, die ohne Zivildienstleistende gar nicht finanziert
werden können von den Leuten oder Stellen, die davon betroffen sind.
Wenn wir den Ersatzdienst streichen würden, dann würden viele Leute
eben ohne Pflege oder ohne Betreuung dastehen. Wir sollten diese Leute
auf keinen Fall im Stich lassen, indem wir so etwas fordern.
In diesem Antrag gibt es aber einige wichtige Punkte, zum Beispiel
dass dieser Wehrdienst oder dieser Wehrersatzdienst dazu führen, dass
viele Leute ihre Ausbildung verlieren oder nicht mit ihrem Studium
anfangen können oder zum Teil sogar ihr Studium unterbrechen müssen,
denn man kann Studierende bis zum dritten Semester noch aus dem Studium
ziehen. Ich finde, darauf muss man Rücksicht nehmen und darauf muss man
achten.
Ich habe auch mit Zivis gesprochen, die gerade mit ihrer Ausbildung
fertig waren und eigentlich weiter hätten arbeiten können, aber dieses
aufgrund des Wehrdienstes oder des Zivildienstes nicht möglich war. Ich
habe auch mit Leuten gesprochen, die aus dem Studium herausgezogen
worden sind. Darauf müssen wir wirklich eingehen. Wir müssen darauf
achten, dass Studienplätze und Ausbildung erhalten bleiben. Wir sollten
uns also überlegen, wie wir die Wehrpflicht und den Zivildienst so
abändern, dass es immer noch möglich ist, die Betreuungsangebote zu
erhalten. - Danke schön. (Beifall)
Holm-Andreas Sieradzki, 711
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Bundesjugendkonferenz hat diesen
Antrag mit sehr großer Mehrheit beschlossen. Das ist auch gut so. Ich
möchte Euch deshalb bitten, der Empfehlung der Antragskommission zu
folgen, denn die Überzeugung der ver.di-Jugend ist es, dass kein junger
Mensch gezwungen werden darf, irgendwelche Dienste zu verrichten, egal
welche Dienste es sind. Das kann nicht auf Zwang gehen. (Beifall)
Ich möchte noch kurz auf meinen Vorredner eingehen. Er hat gesagt,
dass in vielen Bereichen Dienstleistungen nicht mehr zur Verfügung
gestellt werden könnten, wenn es keine Zivildienstleistenden gibt. Ja,
das ist richtig. Aber genau das ist auch ein Riesenproblem, denn durch
diese Zivildienstleistenden wird sozialversicherungspflichtige
Beschäftigung verdrängt. (Beifall) Die Arbeit, die von
Zivildienstleistenden verrichtet werden muss, muss von Beschäftigten
verrichtet werden. Das muss unsere klare Forderung sein. Deswegen
sollten wir gegen alle Zwangsdienste sein. Ich bitte Euch, der
Empfehlung der Antragskommission zu folgen. - Danke schön.
(Beifall)
Dirk Kliesch, 611
Liebe Kolleginnen und Kollegen, mein Beruf heißt Krankenpfleger. Ich
bin Stationsleitungs- und Dienstplanschreiber. Ich kann mir, ehrlich
gesagt, nicht vorstellen, wie ein Krankenhaus ohne Zivildienstleistende
funktionieren soll. (Leichter Beifall)
Aber ich finde, die Realisierung und die derzeitige Umsetzung von
Zwangsdiensten in Deutschland ist mehr als problematisch. Wenn wir die
Diskussion umkehren und sagen würden, wir hätten einen Zwangsdienst im
Krankenhaus alternativ dazu, könnten Menschen ihre Zeit als Jugendliche
oder junge Männer ihre Zeit bei der Bundeswehr absolvieren, dann wäre
diese Diskussion vor 20 Jahren schon erledigt gewesen.
Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland mittlerweile und Gott
sei Dank 50 Jahre Erfahrung mit demokratischen Strukturen und ich
finde, ein Zwangsdienst ist es nicht wert, nach 50 Jahren Demokratie in
Deutschland immer noch für das Thema Demokratisierung der Bundeswehr
und von staatlichen Organen herhalten zu müssen. Das wird einem
Zwangsdienst nicht gerecht. Deshalb möchte ich Euch bitten, dieser
Empfehlung der Antragskommission zuzustimmen, weil es das Thema nicht
verdient, eine Gemengelage herzustellen, die man nur noch sehr langsam
wieder auseinanderdividiert bekommt. Ich glaube, die Position zu
Zwangsdiensten in Deutschland sollte eigentlich klar sein.
(Beifall)
Jaana Heider, 605
Kolleginnen und Kollegen, ich arbeite im Krankenhaus, bin
Krankenschwester und leide unter massivem Mehrarbeitsdruck dadurch,
dass immer weniger Leute eingestellt werden. Aber eines sage ich Euch:
Es wird sicherlich die Situation nicht verbessern, wenn wir weiter
daran festhalten, dass wir Zivildienstleistende in diesem Bereich
haben. (Vereinzelter Beifall) Außerdem muss man sagen, dass wir uns
heute ganz deutlich für einen Mindestlohn von 7,50 Euro ausgesprochen
haben. Jetzt kommen Stimmen auf, dass Menschen, die mit Löhnen unter
diesen 7,50 Euro beschäftigt werden - das sind nämlich
Zivildienstleistende -, total nötig sind, um unser soziales System
erhalten zu können. (Beifall)
Wir im Fachbereich haben im Moment eine große Aktion, die „Soziale
Arbeit ist mehr wert“ heißt, und zwar mehr wert als diese Ausbeutung,
mehr wert, als dass Menschen dazu gezwungen werden, wenn sie nicht an
der Waffe dienen wollen, soziale Dienste zu verrichten. Ich frage Euch,
welchen Stellenwert dann genau diese sozialen Dienste haben.
(Beifall)
Ich plädiere hier ganz inständig dafür, der Empfehlung der
Antragskommission zu folgen und sich definitiv auf diesem
Bundeskongress dafür auszusprechen, dass Wehr- und Wehrersatzdienste
abgeschafft werden. - Danke schön. (Beifall)
Manfred Geneschen, 202
Liebe Kolleginnen und Kollegen, auch ich möchte eindringlich für die
Annahme dieses Antrages appellieren. Es wurde eben gesagt, wenn wir
keinen Wehrersatzdienst mehr haben, hätten wir eine Armee von
Berufssoldaten. Aber wir haben eben auch ganz deutlich gesagt, dass wir
die Strukturen demokratisieren und dort einiges ändern wollen. Das,
denke ich, müssen wir miteinander verknüpfen. Auf der einen Seite
dürfen wir keinen Menschen zwingen, auf der anderen Seite brauchen wir
in dieser Armee Strukturen, die ein Stück anders als zurzeit sind. Wir
brauchen eben die Bundeswehr, die mitten unter uns ist, und wir
brauchen demokratische Strukturen.
Lasst uns diese Dinge gleichzeitig fordern, indem wir auf der einen
Seite sagen, wir dürfen keinen zwingen und damit auch keinen
Ersatzdienst leisten, und auf der anderen Seite brauchen wir
Strukturen, dass sich die Nachteile bei der Bundeswehr nicht
entwickeln. - Danke. (Beifall)
Hildegard Schwering, Kongressleitung
Ich danke Dir. - Es liegen jetzt keine weiteren Wortmeldungen vor.
Ich möchte deswegen der Antragskommission das Wort geben.
Sprecherin der Antragskommission
Die Antragskommission bleibt bei ihrer Empfehlung. (Beifall)
Hildegard Schwering, Kongressleitung
Gut, die Empfehlung (Annahme) bleibt. Wir können daher über diese
Empfehlung abstimmen. Wer ihr folgen will, den bitte ich um das
Kartenzeichen. - Danke schön. Die Gegenprobe! - Mehrere Gegenstimmen.
Enthaltungen? - Einige Enthaltungen. Gegen mehrere Gegenstimmen und bei
einigen Enthaltungen ist der Empfehlung gefolgt worden. (Beifall)