William Brown

Professor William Brown: "Die dicken Katzen wurden immer dicker und fetter"

Der in Großbritannien 1999 eingeführte Mindestlohn hat keine Arbeitsplätze gekostet, die Arbeitslosenzahl nicht erhöht und auch keine Unternehmen in den Konkurs oder in die Insolvenz getrieben. So Professor William Brown, Mitglied der britischen Mindestlohn-Kommission, der von ver.di als Experte zu diesem Schwerpunktthema des Kongresses eingeladen worden ist.

In seinem Lande sei ähnlich über den Mindestlohn diskutiert worden wie jetzt in Deutschland. Wegen der auch dort ausgeprägten Tradition der Tarifautonomie hätten Arbeitgeber und Gewerkschaften lange nicht gewollt, dass die Regierung Löhne per Gesetz festlege.

Seit 1990 aber sei ein Sinneswandel zu beobachten, weil die  Einkommen in Großbritannien immer ungleicher wurden – vor allem wegen des internationalen  Wettbewerbs und der Verlagerung von Arbeitsplätzen nach China, Indien oder sonstwohin. So seien die Löhne der weniger geschulten Beschäftigten stark gesunken, ebenso die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften und der Schutz durch Tarifverträge. Zugleich habe die Zuwanderung aus Niedriglohnländern stark zugenommen.

Deshalb seien die Niedriglöhne viel langsamer gestiegen als die höhere Einkommen: "Die dicken Katzen wurden immer dicker und fetter." Nicht gewerkschaftlich organisierte Bereiche seien als Bedrohung für die Löhne empfunden worden. Zugleich habe der Staat sich immer mehr gesorgt um die Kosten, die der Steuerzahler vor allem für ärmere Familien mit Kindern aufbringen musste.

Schließlich seien alle politischen Parteien in Großbritannien für den Mindestlohn eingetreten. 1999 wurde er eingeführt, die "Low Pay Commission" wachte darüber. Ihr gehören je drei Vertreter/innen von Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie drei unabhängige Experten an.

Daraufhin stiegen die untersten zehn Prozent der Löhne besonders stark. Für Frauen ergaben sich erhebliche Vorteile im Vergleich zu Männern. In allen großen Sektoren, die vom Mindestlohn betroffen sind, wie Reinigungs- und Sicherheitsdienste, Pflegeheime und Kindereinrichtungen wurden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen – mit Ausnahme allerdings der seit Jahren schrumpfenden Bekleidungsindustrie.

Negative Folgen seien ausgeblieben, betont William Brown, weil der Mindestlohn in Großbritannien behutsam eingeführt worden sei – erst auf niedrigem Niveau, dann langsam steigend. So hätten die Beschäftigten und die Unternehmen sich daran gewöhnen können.

Zudem seien die betroffenen Hauptsektoren wie Einzelhandel oder Hotels Wachstumsbranchen und böten Dienstleistungen, die keine internationale Konkurrenz fürchten müssten. Als Folge des Mindestlohns sei auch das Management besser, die Produktivität höher geworden. In einigen Branchen seien dabei die Gewinne leicht gesunken, die Preise für Dienstleistungen leicht gestiegen – zum Beispiel in der Altenpflege.

Als positive Folge des Mindestlohns in Großbritannien nennt William Brown auch die hohe Nettozuwanderung seit der Osterweiterung der Europäischen Union im Jahre 2004. Dadurch sei die Zahl der Beschäftigten um fünf Prozent gewachsen – ohne Nachteile für die britischen Arbeitnehmer/innen. Denn der Mindestlohn federe die sozialen Auswirkungen der Zuwanderung ab. Ohne ihn wären die Löhne inländischer Arbeitnehmer/innen noch weiter gefallen. So habe er sicher auch dazu beitragen, dass der Rechstextremismus eingedämmt werden konnte.

Britische Gewerkschaften unterstützten den Mindestlohn, weil bei niedrigem Organisationsgrad im Privatsektor die Tarifverhandlungen gestärkt würden und weil er den öffentlichen Dienst gegen Ausgliederung von Arbeit in den Privatsektor schütze. So diene der Mindestlohn in Großbritannien dem Erhalt der Lohnfindung ohne staatlichen Eingriff.

Hier der komplette Wortlaut von William Browns Vortrag