Frank Bsirske, Rechenschaftsbericht des ver.di-Vorsitzenden
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte heute mit Euch gemeinsam
auf die vergangenen vier Jahre blicken, auf Jahre des Aufbaus und der
Gestaltung unserer Organisation und zugleich auf Jahre harter sozialer
Auseinandersetzungen in den Betrieben wie in der Gesellschaft.
Wir schauen auf eine Zeit tiefgreifender Umbrüche - gesellschaftlicher
und politischer Umbrüche -, auf Jahre, die für ver.di zugleich eine
Zeit der Bewährung waren.
Mit welchen Herausforderungen waren wir konfrontiert? Wie haben wir sie
gemeistert? Und was können wir daraus für die Zukunft mitnehmen? Ich
will diese Fragen in den Mittelpunkt des mündlichen
Rechenschaftsberichts stellen.
Ihr wisst, liebe Kolleginnen und Kollegen, seit einigen Monaten hat die
Konjunktur angezogen. Der anhaltende weltwirtschaftliche Aufschwung und
der hohe Bedarf an lange überfälligen Ersatzinvestitionen haben
bewirkt, dass die Wirtschaft in Deutschland wieder spürbar wächst. Die
Arbeitslosenzahlen sind rückläufig, die sozialversicherungspflichtige
Beschäftigung nimmt zu, und staatliche Haushalte sowie
Sozialversicherungen verzeichnen deutlich steigende Einnahmen. Damit
verbessern sich die gewerkschaftlichen Handlungsbedingungen auch in den
Branchen, die lange unter der ausgeprägten Binnenmarktschwäche der
letzten Jahre gelitten haben. Das ist gut so, und es ist sehr zu
hoffen, dass die Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten
nicht noch massiv auf die Konjunktur in unserem Lande
durchschlagen.
Der Aufschwung, liebe Kolleginnen und Kollegen, markiert das Ende einer
mehrjährigen Stagnation des Wirtschaftswachstums in Deutschland, einer
Phase, die geprägt war von weltmeisterlichen Exportbilanzen und
anhaltender Binnenmarktschwäche. Gewinn- und Dividendenrekorde gingen
einher mit Arbeitslosenzahlen in Rekordhöhe, hochschnellenden
Aktienkursen und mit wachsender Armut und sinkenden Reallöhnen.
In dieser Zeit sind neoliberale Deutungsmuster bestimmend geworden bis
weit hinein in die Sozialdemokratie und die Grünen. Die
wirtschaftlichen Probleme wurden als Folge zu hoher Löhne, zu kurzer
Arbeitszeiten, eines überregulierten Arbeitsmarktes und zu üppig
ausgestatteter sozialer Sicherungssysteme fehlinterpretiert. Die
Teilprivatisierung sozialer Sicherung und öffentlicher Daseinsvorsorge
wurde vorangetrieben. Stichworte wie Deregulierung und Flexibilisierung
bestimmten die politische Agenda - mit gravierenden Konsequenzen für
die Menschen in unserem Lande.
Wohin das mittlerweile geführt hat, zeigt ein Blick auf die Entwicklung
des Tarifsystems; und wir sollten uns diesen Blick nicht
ersparen.
Deutschland ist seit Mitte der 90er-Jahre zu dem Land mit der stärksten
Zunahme der Lohnspreizung in Europa geworden. Der Anteil der
Niedriglöhne ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Seit dem
Jahr 2000 liegt er über dem EU-Durchschnitt - über dem EU-Durchschnitt!
Circa 1,5 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten derzeit
in Deutschland für weniger als fünf Euro brutto pro Stunde. 1,5
Millionen Beschäftigte in Deutschland! Das ist noch weniger, als der
staatliche Mindestlohn in den USA beträgt. Dabei haben 77 Prozent der
im Niedriglohnbereich Beschäftigten eine abgeschlossene
Berufsausbildung.
Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen sank dramatisch. Diese
Entwicklung ist im europäischen Vergleich ohne Beispiel. Bei der
Entwicklung der Arbeits- und Lohnstückkosten bildet Deutschland das
Schlusslicht im europäischen Vergleich. Nur damit man einmal eine
Vorstellung bekommt: Im Durchschnitt der EU-Staaten stiegen die
Lohnstückkosten seit dem Jahre 2000 um 22 Prozent, in Deutschland nur
um 1,8 Prozent.
Nirgend woanders in Europa sind die Löhne und Gehälter derart von der
Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums abgekoppelt worden wie in
Deutschland. Deutschland hat sich in diesen Jahre einem Maß sozialer
Ungleichheit genähert, wie man es aus der Welt des angelsächsischen
Kapitalismus kennt.
Diese dramatische Verschärfung der sozialen Gegensätze in Deutschland
kommt nicht von ungefähr, liebe Kolleginnen und Kollegen. Anders als
bei unseren westeuropäischen Nachbarn mit ihren nach wie vor robusten
Flächentarifvertragssystemen ist die Bedeutung des
Branchentarifvertrages in den letzten Jahren in unserem Land stetig
zurückgegangen. Nur noch in fünf von 13 Wirtschaftsbereichen erfassen
Branchentarifverträge mehr als zwei Drittel der Beschäftigten.
In immer mehr Wirtschaftszweigen gibt es inzwischen ein Gemisch aus
Verbands- und Firmentarifverträgen - und das bei einer wachsenden Zahl
von Öffnungs- und Differenzierungsklauseln.
Zugespitzt wird diese Situation noch durch den Rückgang der
Tarifbindung. Über die Hälfte der Betriebe im Westen und drei Viertel
der Betriebe im Osten unterliegen keiner Tarifbindung mehr!
Flächentarifverträge mit ihrer wettbewerbsbegrenzenden Wirkung haben
immer mehr an Bedeutung verloren. An ihre Stelle ist ein
Preiswettbewerb getreten, der maßgeblich über Löhne und
Arbeitsbedingungen ausgetragen wird.
Kolleginnen und Kolleg
en, wir müssen konstatieren, dass chronische Arbeitslosigkeit -
Massenarbeitslosigkeit -, die verschärfte grenzüberschreitende
Standortkonkurrenz sowie die Strukturkrisen in einzelnen Branchen die
Gewerkschaften in eine Defensivposition gebracht haben. Das hat die
Auflösung tariflicher Standards maßgeblich begünstigt. Diese
Entwicklung ist durch die politisch gesetzten Rahmenbedingungen noch
deutlich verschärft worden.
Verantwortlich hierfür war nicht allein die verfehlte Wirtschafts- und
Beschäftigungspolitik der letzten Jahre, die indirekt die Tarifpolitik
unter massiven Druck gesetzt hat. Die rot-grüne Bundesregierung hat
durch politische Kernprojekte wie die Agenda 2010 offensiv das Konzept
einer wettbewerbsorientierten Lohnpolitik vertreten und offen eine
Verbetrieblichung der Tarifpolitik propagiert.
Durch Hartz IV, durch die Liberalisierung der Zeitarbeit, durch die
staatliche Förderung von Mini- und Midijobs, durch den Abbau des
Kündigungsschutzes und durch die Erleichterung befristeter
Beschäftigung sind die Gewerkschaften weiter geschwächt worden. Ohne
sachlichen Grund - Ihr wisst es - können Arbeitsverhältnisse
mittlerweile bis zu zwei Jahren befristet werden, und das kann bis zu
dreimal wiederholt werden. Für immer mehr Beschäftigte bedeutet das Tag
für Tag ein Leben in ständiger Unsicherheit und Angst.
Die Deregulierungen haben aber nicht nur einschneidende Folgen für die
Arbeitslosen und die Ränder des Arbeitsmarktes. Sie wirken bis weit
hinein in die Kernbelegschaften. Sie haben auf das Lohnniveau gedrückt,
und sie haben - was für mich genauso schlimm ist - das Vertrauen in die
soziale Sicherung zutiefst erschüttert. (Beifall) Im Ergebnis der
verschiedenen auf die Tarifpolitik einwirkenden Faktoren haben die
jährlichen Tarifsteigerungen in Deutschland zumeist unterhalb des
Verteilungsspielraums aus Preis- und Produktivitätsentwicklung gelegen,
hat sich ein wachsender Niedriglohnsektor ausgebreitet, der in vielen
Fällen keine angemessene Mindestsicherung mehr gewährleistet, waren die
letzten Jahre geprägt von fortgesetzten Vorstößen zu allgemeiner
Arbeitszeitverlängerung, von Arbeitsplatzabbau trotz Gewinnrekorden und
von einer massiven, von Steuer- und Sozialpolitik noch geförderten
Umverteilung von unten nach oben. Das habt Ihr in den Transparenten
gestern auch klar zum Ausdruck gebracht - aus meiner Sicht völlig zu
Recht, Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
Kolleginnen und Kollegen, diese Entwicklung war nicht gottgegeben. Es
gab Alternativen dazu. Wir haben Vorschläge gemacht, wie es besser
gehen kann: beschäftigungspolitisch mit einem
Zukunftsinvestitionsprogramm in der Größenordnung von 25 bis 40
Milliarden Euro jährlich, das für notwendige Impulse bei Bildung,
Umwelt und Infrastruktur sorgt, finanziell unterlegt mit einer
Steuerpolitik, die die breiten Schultern stärker belastet als die
schwachen, zum Beispiel durch stärkere Besteuerung großer Erbschaften,
großer Vermögen und Spitzenverdienste, (Beifall) tarifpolitisch unter
anderem mit der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn, der
Verallgemeinerung besserer tariflicher Niveaus und ihrer Einbeziehung
ins Entsendegesetz und sozialpolitisch mit einer Renten- und
Gesundheitspolitik, die auf Solidarität setzt statt auf Privatisierung
sozialer Risiken und Schwächung der Selbstverwaltung. (Beifall)
Für diese Alternativen haben wir gegen die Agendapolitik gekämpft,
haben zu bundesweiten Demonstrationen im April 2004 und im Oktober 2006
mobilisiert, haben die Montagsdemonstrationen vor allem in den neuen
Bundesländern unterstützt und haben vielfältige öffentliche wie
betriebliche Aktionen gegen die Rente mit 67, gegen Steuergeschenke für
Unternehmen und gegen die sogenannte Gesundheitsreform unternommen,
Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
Mit dieser klaren Haltung haben wir uns gegen den politischen
Mainstream gestellt und waren dafür massiven Anfeindungen ausgesetzt.
Insbesondere nach dem abrupten Schwenk der rot-grünen Bundesregierung
zur Agendapolitik standen wir im Zentrum von maßlosen Attacken der
Unternehmerverbände und Teilen der Medien. Allen voran der
Wirtschaftsflügel der CDU/CSU, die FDP und die Unternehmerverbände
sahen sich in diesem Klima ermutigt, die offene Konfrontation zu
suchen. Ich will daran erinnern, liebe Kolleginnen und Kollegen: Es
waren CDU/CSU und FDP, die im Jahre 2005 für den Fall einer
Regierungsübernahme eine Zerschlagung des Tarifrechts ankündigten.
Beide Parteien wollten und wollen gesetzliche Öffnungsklauseln, die es
zukünftig den Betrieben erlauben, auch ohne Zustimmung der
Tarifvertragsparteien von Tarifverträgen abzuweichen.
Was da aufs Panier gehoben wurde, war eine Radikalisierung der
Agendapolitik. Bezeichnend für diese Radikalisierung war die üble
Tonlage wichtiger Vertreter von CDU/CSU und FDP vor der Bundestagswahl
2005. „Aufräumen in Deutschland“ wolle man nach gewonnener Wahl, so der
heutige Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Kauder, ohne sich von den
Gewerkschaften dabei in irgendeiner Weise - so hat er es gesagt -
beirren zu lassen. Kauders Wunschkoalitionär Westerwelle setzte
natürlich noch einen drauf und tönte, sich von den Gewerkschaften auch
durch Straßenkämpfe nicht von seinem Kurs abbringen lassen zu
wollen.
Welchen Reim soll man sich darauf machen, Kolleginnen und Kollegen? Ich
sage es mal so: Vor lauter Siegessicherheit und Siegesgewissheit hatte
Schwarz-Gelb im Wahlkampf die Kühlschranktür weit geöffnet, um dann
verstört festzustellen, dass die Menschen in der Kälte, die ihnen da
entgegenschlug, nicht leben wollten. (Beifall) Ja, Kolleginnen und
Kollegen, die Bundestagswahl hat gezeigt, dass es in diesem Land keine
Mehrheit gibt für den Frontalangriff auf den Sozialstaat, und es war
nicht zuletzt unser Kampf, der zu diesem Ergebnis beigetragen hat,
Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
In der Großen Koalition sind die marktradikalen Kräfte daraufhin
gebremst worden, wenngleich die Agendapolitik mit der Heraufsetzung des
Rentenalters auf 67, mit der Übertragung der Prinzipien der
Rentenreform auf die gesetzliche Krankenversicherung - der
CSU-Landesgruppenchef hat von „Riesterisierung der Krankenversicherung“
gesprochen; das sei das Kernanliegen der Gesundheitsreform gewesen -
und mit einer weiteren Stufe der Unternehmenssteuerreform fortgeführt
wurde. Wir haben das aus gutem Grund kritisiert, wie wir auf der
anderen Seite begrüßt haben, dass ein Bekenntnis zum - wörtlich -
„Erfolgsmodell der deutschen Mitbestimmung“ erfolgte, dass auf den
verfassungswidrigen Eingriff in die Tarifautonomie verzichtet wurde und
die weitere Verschlechterung des Kündigungsschutzes unter dem Einfluss
der SPD nicht weiterverfolgt werden konnte.
Ein Blick in den Entwurf des Grundsatzprogramms der CDU zeigt jedoch:
Kündigungsschutz und Verbindlichkeit von Tarifverträgen bleiben nach
wie vor im Fadenkreuz von Konservativen und Liberalen. Wir werden uns
also weiter gegen marktradikale Angriffe verteidigen müssen - so, wie
wir das in den letzten Jahren schon miteinander getan haben.
Kolleginnen und Kollegen, vor dem Hintergrund tiefgreifender
gesellschaftspolitischer Umbrüche sind diese Jahre 2003 bis 2007
geprägt gewesen von zum Teil außerordentlich harten Abwehrkämpfen.
Tarifpolitisch hat es in diesen vier Jahren kaum einen Monat gegeben,
in dem ver.di nicht im Arbeitskampf gestanden hätte. Dabei hat
sicherlich eine Rolle gespielt, dass wir es - anders als die
Industriegewerkschaften - mit Branchen zu tun haben, die von der
Binnenmarktschwäche, von Strukturkrisen und von den Folgen von
Massenarbeitslosigkeit und sinkenden Steuereinnahmen besonders stark
getroffen wurden. Das hat, zusammen mit den geänderten politischen
Koordinaten, zweifellos zu der besonderen Härte beigetragen, mit der
eine Reihe von Tarifkonflikten ausgetragen wurden. Das waren Konflikte,
in denen wir zum Teil auch tarifliche Verschlechterungen hinnehmen
mussten, ja, aber in denen wir uns doch immer behauptet und Schlimmeres
verhindert haben. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang den
Konflikten in der Druck- und papierverarbeitenden Industrie, im
öffentlichen Dienst, bei der Telekom sowie in den Branchen zu, in denen
ver.di gegen Arbeitsplatzabbau und gegen Standortschließungen in
hochprofitablen Konzernen vorgegangen ist.
Betrachten wir diese Bereiche kurz im Einzelnen:
In der Druckindustrie, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist es uns 2005
gelungen, die tarifliche Wochenarbeitszeit dank einer breiten
Streikmobilisierung zu verteidigen. Das ist ein Erfolg, auch wenn wir
nicht verhindern konnten, dass es danach betrieblich zu Konzessionen
bei den Arbeitszeitregelungen kam.
In der papierverarbeitenden Industrie gelang es durch eine breite
Mobilisierung und durch eine längere Phase betrieblicher
Tarifauseinandersetzungen, den Flächentarifvertrag wieder einzusetzen.
Auch das ist ein wichtiger Erfolg, wenn auch um den Preis betrieblicher
Öffnungen für Vereinbarungen begrenzter Arbeitszeitverlängerungen, die
freilich nur möglich sind, wenn zugleich betriebsbedingte Kündigungen
ausgeschlossen werden.
Mit Kompromissen endeten auch die mehrwöchigen Streiks im öffentlichen
Dienst, bei Kommunen und im Länderbereich. Dabei konnten weitreichende,
von den Arbeitgebern angestrebte Verschlechterungen abgewehrt werden.
Fest steht: Aus diesen Auseinandersetzungen ist ver.di nicht
geschwächt, sondern gestärkt hervorgegangen, liebe Kolleginnen und
Kollegen. (Starker Beifall)
Das trifft eindeutig auch für den sechzehnwöchigen Streik im
Länderbereich zu, mit dem wir auf einen in der Tat fundamentalen, in
dieser Radikalität für den öffentlichen Dienst in den letzten 50 Jahren
einzigartigen Angriff der Arbeitgeberseite geantwortet haben. Es war,
Kolleginnen und Kollegen, die erklärte politische Absicht eines Teils
der Arbeitgeber, ver.di in dieser Auseinandersetzung das Kreuz zu
brechen. Dazu stellte man uns knallhart von Anfang an vor die
Alternative, entweder das zu übernehmen, was den Beamten vorher
gesetzlich diktiert worden war - in puncto Arbeitszeit, in puncto
Weihnachts- und Urlaubsgeld, in Tarifverträgen - oder tarifvertraglich
überhaupt nichts mehr geregelt zu bekommen und zusehen zu müssen, wie
der Arbeitgeber die Arbeits- und Entlohnungsbedingungen auch der
Tarifbeschäftigten einseitig festlegt.
Das Motto „Brecht die Macht des Tarifkartells“, „Brecht den Einfluss
der Gewerkschaften auf die Gestaltung der Arbeits- und
Entlohnungsbedingungen“, dieses Motto war in dieser Auseinandersetzung
erklärtes strategisches Ziel im Arbeitgeberverband.
Dass die Arbeitgeberseite sich damit nicht durchsetzen können, dass es
uns gelungen ist, sie nach 16 Wochen Streik in einen Reformtarifvertrag
zu zwingen, das, Kolleginnen und Kollegen, ist ein großer Erfolg für
ver.di gewesen. (Starker Beifall)
Und einen Erfolg haben auch unsere Kolleginnen und Kollegen der Telekom
errungen, die den Generalangriff des Managements auf ihre Arbeits- und
Entlohnungsbedingungen abgewehrt haben und die bisherigen Tarifwerke in
wesentlichen Feldern verteidigen konnten. Die Telekomer haben sich in
elf Wochen Arbeitskampf behauptet gegen einen Konzern, der versuchte,
den Streik mit Kündigungsdrohungen und mit dem Missbrauch von
Notdienstvereinbarungen zu brechen, und der nicht davor
zurückschreckte, mit Prämien für Streikbrecher zu arbeiten. (Pfui-Rufe)
Die Entschlossenheit der Streikenden hat das nur erhöht, Kolleginnen
und Kollegen. (Beifall)
Am Ende stand auch hier ein Kompromiss, und zwar einer, der die Beamten
nicht außen vor gelassen hat, ein Kompromiss, der bestehen kann. Und
das war alles andere als selbstverständlich. Es war eine richtig starke
Leistung unserer streikenden Kolleginnen und Kollegen bei der
Telekom.
Wir haben diesen Telekom-Streik zu einer Sache der ganzen Organisation
gemacht, weil allen klar war, dass es ein Fanal weit über die Grenzen
des Konzerns hinaus gewesen wäre, wenn die Arbeitgeberseite sich mit
ihrem Angriff hätte durchsetzen können.
Sie haben sich nicht durchgesetzt. Das steht fest, und dafür gebührt
allen Beteiligten auf unserer Seite unser aller Anerkennung,
Kolleginnen und Kollegen. (Starker Beifall)
Aufmerksamkeit verdienen aktuell auch die Kolleginnen und Kollegen der
Sparkasseninformatik, die seit 19 Wochen für den Erhalt ihrer
Arbeitsplätze streiken. Das ist der erste Streik in der IT-Sparte der
Sparkassen und zugleich der längste im Sparkassenbereich. Er steht in
einer Reihe von Arbeitskämpfen, die wir für Arbeitsplatz- und
Standorterhaltung in Unternehmen geführt haben, die zeitgleich
Gewinnrekorde und Arbeitsplatzabbau verkündigen. Dabei denke ich
insbesondere an die Allianz, wo es in einem vierzehnmonatigen Konflikt
mit mehreren Streikwellen gelungen ist, entgegen den Plänen des
Vorstands den Standort Köln dauerhaft und die Standorte Dortmund und
Frankfurt bis 2012 zu erhalten sowie betriebsbedingte Kündigungen bis
Ende 2009 auszuschließen. Gratulation, Kolleginnen und Kollegen bei der
Allianz! (Starker Beifall)
Lasst mich an dieser Stelle aus aktuellem Anlass vielleicht auch noch
etwas zur Situation bei der Volksfürsorge sagen. Seit dem letzten
Wochenende wissen wir: Der italienische Versicherungskonzern Generali
will sich mit seiner deutschen Generali verschmelzen. Damit würde ein
traditionsreiches, wirtschaftlich erfolgreiches und mit den
Gewerkschaften besonders verbundenes Unternehmen von der Bildfläche
verschwinden. Das Management sagt, 500 von gut 2.000 Arbeitsplätzen
werden gestrichen. Wir müssen davon ausgehen, dass noch deutlich mehr
Arbeitsplätze bedroht sind. Ich sage an dieser Stelle ganz deutlich:
Diese geplante Fusion ist nicht notwendig, sie ist falsch, weil sie
massiv Arbeitsplätze vernichtet und gleichzeitig wirtschaftliche
Nachteile bringt. (Beifall) Wir fordern das deutsche Management von
Generali und den italienischen Mutterkonzern auf, von diesen Plänen
Abstand zu nehmen und die Volksfürsorge zu erhalten, als klares Signal
von diesem Kongress hier in Leipzig, Kolleginnen und Kollegen.
(Lebhafter Beifall)
Ich habe über harte Arbeitskämpfe gesprochen, darüber, dass wir
Kompromisse gemacht, aber uns im Wesentlichen behauptet haben. Das war
alles andere als selbstverständlich. Das sind Erfolge gewesen, die mit
Hilfe der Organisation hart erarbeitet und erkämpft worden sind,
genauso wie andere tarifpolitische Ergebnisse hart erarbeitet werden
mussten, zum Beispiel dort, wo wir erstmalig konzernweite Tarifverträge
in bundesweit tätigen privaten Krankenhauskonzernen durchsetzen konnten
- ein Durchbruch, Kolleginnen und Kollegen, den es zu vermerken gilt.
Oder dort, wo es nach Jahren wieder gelungen ist, Tariferhöhungen
durchzusetzen, wie im Speditionsbereich, oder wie bei der Post AG, wo
wir es dank eines herausragenden Organisationsgrades sowie exzellenter
betrieblicher Verankerung über die vierte Ebene geschafft haben, das
Tarifniveau seit ver.di-Gründung mit Zins und Zinseszins um 17,6
Prozent anzuheben. Das muss man erst mal hinkriegen, Kolleginnen und
Kollegen. (Starker Beifall)
In diesen Auseinandersetzungen der letzten Jahre hat sich gezeigt: Wir
haben mit der ver.di-Gründung wichtige Voraussetzungen geschaffen, uns
auch in zugespitzten, harten Tarifauseinandersetzungen behaupten zu
können: finanziell, organisatorisch, tarifpolitisch. Das
Organisationsprinzip der Matrix ermöglicht es, der Vielfalt Rechnung zu
tragen, Fachlichkeit zu gewährleisten und unterschiedlichen Bedingungen
in den verschiedenen Branchen mit unseren Strukturen Rechnung zu
tragen.
Wir haben harte Prüfungen bestanden und am Ende Ergebnisse durchsetzen
können, die von den Belegschaften getragen wurden - und das in
Konflikten, in denen uns von interessierter Seite wiederholt die
sichere Niederlage vorausgesagt worden ist, ja, wie eine namhafte
Zeitung in der sechsten von 16 Wochen Streik im Länderbereich
prophezeite - und damit natürlich auch provozierte -, die größte
Niederlage in der Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Ich
sage: Die haben unsere Kraft und unsere Entschlossenheit unterschätzt,
Kolleginnen und Kollegen. (Starker Beifall)
Na klar, das hätten manche gerne gesehen: nach dem erfolglos
abgebrochenen Streik der IG Metall im Osten eine weitere Niederlage der
Gewerkschaften in einem großen Arbeitskampf - diesmal von ver.di. Was
hätten die sich gefreut! Eingetreten ist das Gegenteil. Wir haben uns
behauptet. Die Arbeitgeber haben sich nicht durchsetzen können, und
das, Kolleginnen und Kollegen, hat etwas mit uns zu tun, mit unserer
Entschlossenheit, mit unserer Professionalität und mit der Klarheit,
mit der wir zusammen mit unseren Kolleginnen und Kollegen in diese
Auseinandersetzungen gegangen sind. Darauf - finde ich jedenfalls -
können wir stolz sein, Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
Wie sagte doch unlängst ein erst vor Kurzem in ver.di eingetretener
Betriebsratskollege aus der streikenden Sparkasseninformatik:
Gewerkschaft ist für sich genommen noch keine Gewähr, in
Auseinandersetzungen nicht doch zu unterliegen, aber ohne Gewerkschaft
dazustehen, das ist die sichere Gewähr zu unterliegen. Recht hat er,
Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
Das ist die Erfahrung, die wir in den letzten Jahren immer wieder haben
machen können: dass wir mit ver.di eine Erfolgsvoraussetzung geschaffen
haben, uns in Auseinandersetzungen zu behaupten. Das haben wir im
Einzelhandel gezeigt, wo es zum Teil erst nach Monaten, dann aber mit
klug angesetzten Aktionen eben doch gelang, Lohnerhöhungen
durchzusetzen, und das haben wir in vielen, vielen anderen Bereichen
ebenso bewiesen.
Kolleginnen und Kollegen, wir haben in diesen Jahren natürlich nicht
nur vor tarifpolitischen Herausforderungen gestanden. Vor große
Herausforderungen haben uns zum Beispiel auch eine Reihe von
Gesetzesinitiativen aus Brüssel gestellt. Ich nenne nur einige
Stichworte:
Die Hafenrichtlinie bedrohte massiv die Arbeitsbedingungen der
Hafenarbeiter in Europa. Der Einsatz der Hafenarbeiter in zwei
europaweiten Arbeitsniederlegungen in den Häfen und erheblicher Druck
auf die EU-Parlamentarier haben diesem Deregulierungsversuch einen
Riegel vorgeschoben. Und ver.di hat dazu maßgeblich beigetragen.
(Beifall)
Da gab es die Bolkestein-Richtlinie zur Liberalisierung der
europäischen Dienstleistungsmärkte; Ihr erinnert Euch. Das war nichts
anderes als ein neoliberaler unkontrollierter Freilandversuch im
Großmaßstab auf Kosten der Beschäftigten in ganz Europa. Diese
Richtlinie ist an europaweiten Protesten gescheitert. ver.di hat dazu
einen wichtigen Beitrag geleistet. (Beifall)
Erfolgreich waren wir auch, als es darum ging, die Sparkassen als
öffentliche, dem Gemeinwohl verpflichtete Kreditinstitute gegen die
Privatisierungspläne der EU-Kommission zu verteidigen. 50.000
Unterschriften von Sparkassenbeschäftigten in zwei Wochen - das war
eine sehr starke Leistung unserer Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
Und sie ist am Ende belohnt worden, genauso wie die erfolgreiche
Lobbyarbeit unserer Nahverkehrskollegen zugunsten der Direktvergabe von
Konzessionen an öffentliche Personennahverkehrsunternehmen belohnt
worden ist. In all diesen Auseinandersetzungen hat unsere Vereinte
Dienstleistungsgewerkschaft ihre Handlungsfähigkeit eindrucksvoll unter
Beweis gestellt.
Deutlich geworden ist dabei aber auch noch etwas anderes. Europa, das,
was in der Europäischen Union passiert, bedarf unserer erhöhten
Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Wir dürfen nicht nur reagieren. Wir
brauchen eine gewerkschaftliche Vision für die europäische Integration,
eine Vorstellung davon, wie das europäische Sozialmodell unter den sehr
verschiedenen ökonomischen und sozialen Ausgangsbedingungen der 27
EU-Mitglieder weiterentwickelt werden kann. Ich werde auf dieses Thema
im Laufe des Kongresses noch einmal ausführlich zurückkommen.
Aber vorher, Kolleginnen und Kollegen, stelle ich im Rückblick auf die
Auseinandersetzungen der letzten Jahre fest: Diese Organisation hat
größte tarifliche Handlungsfähigkeit gebraucht - und sie hat sie
eindrucksvoll und wirksam unter Beweis gestellt. Und ich stelle fest:
Diese Gesellschaft hat eine starke Gegenmacht zum grassierenden
Marktradikalismus dringend gebraucht, und wir waren diese standhafte
Gegenmacht allen Anfeindungen zum Trotz, und das, Kolleginnen und
Kollegen, werden und wollen wir auch bleiben. (Beifall)
Wir sind jedenfalls entschlossen, unsere Fahne nicht in den
neoliberalen Wind zu hängen, sondern uns ihm entgegenzustellen. Wir
sind nicht gegen Veränderung, aber wir messen sie an unseren
Grundwerten: soziale Gerechtigkeit, Würde des Menschen und Solidarität.
Es sind unsere Werte, die unsere Identität ausmachen, in denen wir uns
erkennen und von anderen erkannt werden wollen.
Zwei Kampagnen haben dies in besonderer Weise deutlich gemacht. Unsere
Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn und unser Engagement für
anständige Arbeitsbedingungen und für Arbeitnehmer- und
Arbeitnehmerinnenrechte bei Lidl haben die eine gleiche Botschaft:
Arbeit darf nicht arm machen, und Arbeit darf nicht entwürdigen.
(Beifall) Das sind unsere Werte: Solidarität, Würde und
Gerechtigkeit.
Dass dies in unserem Lande alles andere als selbstverständlich geworden
ist, dafür steht der sich ausbreitende Armutslohnsektor - dieses
schreiende Unrecht der Armut trotz Vollzeitarbeit -, und dafür steht
das System Lidl. Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden und mehr pro
Tag, oftmals ohne Mittagspause, sind keine Seltenheit. Unbezahlte
Überstunden werden als freiwillige Vor- und Nacharbeiten deklariert. So
beginnt die Frühschicht für viele bereits um sechs Uhr - bezahlt wird
erst ab acht Uhr. Taschenkontrollen sind an der Tagesordnung.
Videoüberwachung, Durchsuchung von Spinden und Privatautos der
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alles das gehörte zum Alltag bei
Lidl.
Was wir dort angetroffen haben, hat System - ein regelrechtes System,
darauf angelegt, bei den Angestellten gezielt Angst und Verunsicherung,
ein Gefühl des Ausgeliefertseins zu schüren, ein System, darauf
angelegt, einzuschüchtern und immer neu zu demütigen. ver.di hat das in
einem Schwarzbuch Lidl dokumentiert. Die erste Auflage von 3.000 Stück
war nach einer Woche vergriffen. Tausende von Rückmeldungen bestätigten
die von uns erhobenen Vorwürfe.
Kolleginnen und Kollegen, was wir bei Lidl kennengelernt haben, das
sind immer wieder Verkäuferinnen, die bereit sind, ihr Bestes zu geben,
die gern und mit vollem Einsatz arbeiten, die bedauern, dass sie so
wenig Zeit für die Kunden haben. In etlichen Läden gibt es trotz
Arbeitsspitzen und ständiger externer Kontrollen echte Teams. Oft
gehört die Filialleitung dazu. Viele Gespräche bei Lidl bestätigen: Die
Beschäftigten wollen ihre Arbeitsbedingungen mitbestimmen. Sie wollen
zu besseren Bedingungen beitragen, in einem Klima ohne Angst. Sie
wollen, dass sie sich ungehindert und unbeobachtet zusammenschließen
und die eigene Meinung frei äußern können. (Beifall) Im Arbeitsleben
wird das nicht zuletzt durch das Recht auf freie und ungehinderte Wahl
von Betriebsräten, das Rederecht auf Betriebsversammlungen und das
Beschwerde- und Anhörungsrecht beim Betriebsrat ermöglicht. Das haben
wir eingefordert. Heute, nach der ersten Etappe der Auseinandersetzung,
gibt es erste Betriebsratsbildungen, hat der Arbeitgeber willkürliche
Vorgehensweisen deutlich reduziert, haben wir in der Schwarz-Gruppe
mehrere Tausend neue Mitglieder bei ver.di. Wir werden nicht locker
lassen, anständige und faire Arbeitsbedingungen bei der Schwarz-Gruppe
einzufordern und durchzusetzen, Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es im Grundgesetz. Das
ist der Kern, auf den wir immer wieder zurückkommen. Die Würde des
Individuums, des einzelnen Menschen mit seinem unverzichtbaren
legitimen Anspruch auf Würde, diesen Anspruch stellen wir in den
Mittelpunkt unserer Arbeit.
Wir akzeptieren nicht, dass Menschen für 5,80 Euro pro Stunde Briefe
austragen sollen. Wir empfinden es als himmelschreiende Ungerechtigkeit
(Beifall), wenn es in diesem Land Firmen gibt, wo Briefzusteller einen
Tagesgrundlohn von vier Euro erhalten. Vier Euro Tagesgrundlohn - alle
anderen Lohnbestandteile sind variabilisiert. Und wenn es ganz gut
läuft, kann so jemand, wenn er Vollzeit arbeitet, 40 Stunden, 750 bis
800 Euro brutto im Monat nach Hause bringen. Das ist ein Skandal,
Kolleginnen und Kollegen! (Starker Beifall)
Wir akzeptieren nicht, dass der Personalchef eines Unternehmens der
„Süddeutschen Zeitung“ sagen kann, ja das sei so, dass man als
Briefzusteller seine Familie trotz Vollzeitarbeit nicht ernähren könne
- aber das sei doch normal bei so einer Tätigkeit. Nein, Kolleginnen
und Kollegen, wir finden es nicht normal und nicht hinnehmbar (starker
Beifall), wenn der Präsident der Bundesnetzagentur, nachdem er zehn
Jahre lang fortgesetzt Rechtsbruch begangen und die
Lizenzvergabevorschriften des Postgesetzes mit Füßen getreten hat, nun
erklärt, dass eigentlich die tariflichen Entgelte der Post AG unüblich
hoch seien und die Armutslöhne der Wettbewerber normal. Nein, das
finden wir überhaupt nicht normal! (Starker Beifall)
Wir meinen, Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abhängt, ihren
Beschäftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen,
sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter ihre Geschäfte zu
betreiben. (Starker Beifall) Mit einem zum Leben ausreichenden Lohn
meinen wir mehr als das bloße Existenzminimum. Wir meinen Löhne, die
ein anständiges Leben ermöglichen, Kolleginnen und Kollegen. (Starker
Beifall)
Das hat vor uns schon der amerikanische Präsident Franklin Delano
Roosevelt gesagt, 1938 bei seiner Kongressrede zur Einführung des
nationalen gesetzlichen Mindestlohns in den USA. Das gibt exakt unsere
Position wieder, die Würde des Einzelnen in den Mittelpunkt zu stellen.
Das tun wir mit dem Eintreten für einen gesetzlichen Mindestlohn auf
dem Niveau unserer westeuropäischen Nachbarländer. (Beifall)
Und mit diesem Anspruch konfrontieren wir die Politik. Der Artikel 1
Grundgesetz hat nämlich noch einen zweiten Satz: „Die Würde des
Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist
Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Beifall)
Nicht die Interessen von Unternehmen, sondern die Menschenwürde hat
Leitmotiv für die Politik zu sein. Das machen wir uns zu eigen. Darum
kämpfen wir für den gesetzlichen Mindestlohn. Nicht, um die
Tarifautonomie auszuhöhlen - dieser Vorwurf ist geradezu absurd -,
sondern um der Politik zu sagen: Ihr habt durch Eure Deregulierungswut
die Tore für unwürdige Arbeitsbedingungen weit aufgestoßen. Nun ist es
an Euch, diese Tore wieder zu schließen. Das ist unser Anspruch, und
dafür haben wir inzwischen eine große Mehrheit in der Gesellschaft für
uns gewinnen können, auch eine Mehrheit im Deutschen Bundestag.
(Beifall)
SPD, die Linke und die Grünen treten bereits für einen gesetzlichen
Mindestlohn ein. Es ist an der Zeit, dass jetzt auch CDU und CSU ihre
Ignoranz ablegen - ihre doppelte Ignoranz gegenüber den
Lebensbedingungen von vielen, vielen Menschen in Deutschland wie die
gegenüber den positiven Erfahrungen, die in unseren Nachbarländern mit
der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns gemacht worden
sind.
Kolleginnen und Kollegen, unsere Erfolge bei Lidl und beim Kampf um die
Einführung eines Mindestlohns zeigen: Wir haben die Stärke, unseren
Werten Nachdruck zu verleihen. Und wir gewinnen Zuspruch und
Unterstützung bei einer Mehrheit in Deutschland, die bei aller nötigen
Veränderung auf menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen nicht
verzichten will. Und das ist gut so, Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Alternativen gibt es auch zur schleichenden Aushöhlung der sozialen
Sicherungssysteme. Eine höhere Mindestrente, der erleichterte Zugang zu
Erwerbsunfähigkeitsrenten und flexible Übergänge in die Altersrente
sind Alternativen zum Verarmungsprogramm der Rente mit 67. Und die
Ausweitung der Solidarität durch die Einbeziehung anderer
Einkommensarten und weiterer gesellschaftlicher Gruppen in die
gesetzliche Krankenversicherung ist eine echte Alternative zur weiteren
Teilprivatisierung von Gesundheitsrisiken. (Beifall)
Unter anderem für diese Alternativen haben wir zusammen mit unseren IG
Metall-Kolleginnen und -Kollegen geworben - in den Betrieben, auf
Plätzen und Straßen. Und das nicht vergeblich. Zwar haben wir die
Gesetzesvorhaben der Großen Koalition nicht stoppen können, aber wir
haben dazu beigetragen, dass viele Menschen sensibel geworden sind
gegenüber den Widersprüchen der herrschenden Politik und gegenüber den
uneingelösten und uneinlösbaren Versprechen des Neoliberalismus. Wenn
der marktradikale Umbau der Gesellschaft heute das
Gerechtigkeitsempfinden einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger
zutiefst verletzt, wenn eine Mehrheit der Gesellschaft der Auffassung
ist, dass die Gewerkschaften mehr Einfluss bekommen müssten, dann ist
das nicht zuletzt ein Ergebnis unseres Einsatzes und der Tatsache, dass
wir Kurs gehalten und deutlich gemacht haben: Es gibt Alternativen. Das
soll uns Ansporn sein. (Beifall)
Anspornen müssen wir uns auch und mehr denn an einem anderen Punkt, bei
der Verbesserung der Mitgliederentwicklung. ver.di hat im
Berichtszeitraum unter dem Strich 465.000 Mitglieder verloren. Damit
können wir nicht zufrieden sein. Das muss uns herausfordern. Wir müssen
genau hingucken, was da passiert und warum.
Wir müssen sehen, dass es in den letzten Jahren einige Entwicklungen
gab, unter denen wir objektiv gelitten haben. In vielen unserer
Branchen sind wir mit einem massiven Beschäftigungsabbau konfrontiert
gewesen. Im öffentlichen Dienst gibt es mehrere 100.000 Arbeitsplätze
weniger als noch Mitte der neunziger Jahre, und da sind die
ausgelagerten noch gar nicht eingerechnet. Insbesondere im Osten wurden
in den Kommunalverwaltungen bis zu zwei Drittel der Arbeitsplätze
abgebaut und über Jahre so gut wie keine Neueinstellungen mehr
vorgenommen. In der Druckindustrie gingen Jahr für Jahr sieben, acht,
neun Prozent der Arbeitsplätze verloren. Im Einzelhandel sind wir mit
massenhafter Umwandlung von Vollzeitarbeitsplätzen in nicht
sozialversicherungspflichtige Minijobs konfrontiert gewesen. Und in der
Energieversorgung sowie bei Post und Telekom gingen weit über 100.000
Arbeitsplätze verloren.
Wo hingegen - auch das gibt es ja - Beschäftigung aufgebaut wurde, bei
den Discountern zum Beispiel, beim privaten Sicherheits- und
Überwachungsgewerbe oder bei privaten Dienstleistern im Postbereich,
ging dies häufig mit einem hohen Anteil ungesicherter, befristeter und
nicht sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze einher. Und mit
Geschäftsmodellen, die nicht zufällig Lohndrückerei mit aggressiver
Gewerkschaftsfeindlichkeit verbinden. Folgerichtig ist die Fluktuation
bei solchen Arbeitsplätzen enorm hoch. Das erschwert die
Mitgliedergewinnung zusätzlich. Hinzu kamen, Ihr wisst es - gemessen an
ihrem Mitgliederanteil - überproportionale Verluste bei Rentnerinnen
und Rentnern, bei Pensionären und bei Arbeitslosen.
Das erklärt manches, kann aber nicht bedeuten, dass wir uns mit dieser
Entwicklung zufriedengeben. Im Gegenteil, tatsächlich sind wir dabei,
auf vielfältige Weise gegenzusteuern: Mit Unterstützung unserer
amerikanischen Schwestergewerkschaft SEIU haben wir in einem
Pilotprojekt erprobt, ob und wie sich der dort entwickelte
Organizingansatz auf unsere Branchen übertragen lässt. Ich möchte mich
an dieser Stelle für die Unterstützung und die Zusammenarbeit mit den
Kolleginnen und Kollegen der SEIU und bei ihrem Vorsitzenden Andy Stern
ganz herzlich bedanken für diese Möglichkeit, voneinander lernen zu
können. (Beifall) Zurzeit übertragen wir den Ansatz auf zwei
mittelgroße Unternehmen im Einzelhandel und im Gesundheitswesen, nach
allem, was ich höre, mit gutem Erfolg.
In allen Fachbereichen wird die Mitgliederentwicklung und
Mitgliederbindung systematisch in den Fokus genommen. Dazu zählt auch
die Rückgewinnung ausgetretener Mitglieder. Mit der Rückgewinnung
entscheidender Multiplikatoren des Kabinenpersonals der wichtigsten
Fluggesellschaften haben wir einen starken Akzent gegen die Tendenzen
zur Abspaltung einzelner Berufsgruppen setzen können. Gezielt setzen
wir in Haus- und Konzerntarifverträgen auf die Tarifierung von
Vorteilsregelungen für ver.di-Mitglieder sowie darauf, dass Mitglieder
überall dort direkt selbst entscheiden, wo Sanierungs- und
Notlagentarifverträge in Betrieben geschlossen wurden. Das alles trägt
Früchte, braucht aber auch seine Zeit und bewirkt nicht von heute auf
morgen eine Trendwende. Dennoch, Kolleginnen und Kollegen, es gibt
Anstrengungen, die Erfolg zeigen und uns den richtigen Weg
weisen.
Dass es auch unter schwierigen Bedingungen gelingt, neue und auf dem
Markt erfolgreiche Unternehmen gewerkschaftlich zu erschließen - auch
dort, wo Unternehmen viel Mühe aufbringen, um Gewerkschaften im Betrieb
zu behindern, ja zu verhindern -, zeigt das Beispiel des Einzelhandels.
Wir haben unsere Mitgliederzahlen in der Drogeriekette Schlecker
zwischen 2004 und 2007 um 23 Prozent und damit um mehrere tausend
erhöht. (Beifall) Wer Gelegenheit hat, Betriebsrätinnen und
Betriebsräte kennen zu lernen, der wird mir Recht geben: Das sind
beeindruckende Kolleginnen und Kollegen, die sich unter Bedingungen
behaupten, von denen man in anderen Bereichen noch meilenweit entfernt
ist. Dort herrschen viel, viel schwerere Bedingungen. Hut ab vor diesen
Kolleginnen und Kollegen bei Schlecker und im Einzelhandel. (Starker
Beifall)
Auch bei H & M haben wir die Mitgliederzahlen in diesem Zeitraum
mehr als verdoppeln können. Es zeigt sich: Wenn wir konsequent und
konfliktorientiert Interessenpolitik mit den Mitgliedern und
Beschäftigten zusammen machen, Kolleginnen und Kollegen und
Betriebsräte unterstützen, ihre Sache selbst in die Hand zu nehmen,
haben wir gute Chancen auf Erfolg.
Seit der ver.di-Gründung haben wir mehr als 700.000 neue Mitglieder
gewinnen können. Jedes fünfte Mitglied war in keiner der
Altorganisationen organisiert und ist direkt in ver.di eingetreten.
Viele, die heute die Gewerkschaftsbewegung und ver.di in den Betrieben
aktiv gestalten, sind über die Arbeitskämpfe der letzten Jahre zu uns
gestoßen, darunter viele Junge. Im Telekom-Fachbereich lag der Anteil
von Jugendlichen an den Beitritten 2005 und 2006 bei über 50 Prozent.
Das ist ein sehr gutes Ergebnis, Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Viele, die zu uns stoßen, kommen aus Bereichen, die traditionell eher
nicht oder schlecht gewerkschaftlich organisiert gewesen sind. Da
bildet sich in ver.di und mit ver.di etwas Neues heraus. Da sind
Bereiche in Bewegung geraten, die früher eher abseits standen. Heute
greifen sie selbst aktiv ein, so wie die Kolleginnen und Kollegen aus
den Krankenhäusern und Kindertagesstätten in den Arbeitskämpfen 2006,
so wie dieses Jahr die Kolleginnen und Kollegen der
Sparkasseninformatik. ver.di ist in diesen Auseinandersetzungen
gestärkt worden und entwickelt sich weiter. Darin liegt die Zukunft,
Kolleginnen und Kollegen.
Mit 108.599 eingetretenen Mitgliedern hat ver.di 2006 die mit Abstand
höchste Eintrittszahl aller DGB-Gewerkschaften gehabt, gefolgt von der
IG Metall mit 91.938 Neueintritten. Mit 49,8 Prozent hat ver.di den mit
Abstand höchsten Frauenanteil der DGB-Gewerkschaften. (Beifall) Der
Anteil der erwerbstätigen Mitglieder konnte seit ver.di-Gründung
gesteigert werden und liegt heute mit 75 Prozent um zwei Prozent höher
als zum Zeitpunkt der ver.di-Gründung, während auf der anderen Seite
der Anteil der Rentner und Pensionäre an der Mitgliedschaft gesunken
ist, seit ver.di-Gründung um mehr als einen halben Prozentpunkt.
Wenn wir die Mitgliederentwicklung und die sie prägenden Faktoren
analysieren, darf schließlich auch nicht vernachlässigt werden, dass
wir seit 2004 systematisch an die Bearbeitung von Beitragsrückständen
gegangen sind, die in den Gründungsorganisationen und während der
Fusionsphase zum Teil jahrelang hintangestellt worden sind. Die Zahl
der Mitglieder im Beitragsrückstand ist seit 2004 von 360.000 -
360.000! - auf 45.000 gesenkt worden. Das ist sehr beachtlich,
Kolleginnen und Kollegen. (Beifall) Es war uns durchaus bewusst, dass
dabei außergewöhnliche Mitgliederverluste auftreten würden. Trotzdem
haben wir das Thema angepackt, weil wir wissen, Beiträge sind
elementare Voraussetzungen gewerkschaftlicher Handlungsstärke, für eine
gut gefüllte Streikkasse. Wir brauchen sie, um auch in Zukunft
jederzeit handeln zu können, wo immer das nötig ist.
Kolleginnen und Kollegen, es gibt für mich, es gibt für uns alle in den
nächsten Jahren keine wichtigere Aufgabe als die Verbesserung der
Mitgliederzahlen. (Beifall) Wir sind ein erstklassiges Angebot an alle,
die Schutz und Sicherheit brauchen und eine angemessene Bezahlung für
ihre harte Arbeit verdienen. Wir sind gut aufgestellt und wir werden
besser. Wer die schwierige Aufgabe des Aufbaus einer neuen Organisation
geschafft hat - und wir haben das geschafft, Kolleginnen und Kollegen
-, der schafft auch die Wende bei den Mitgliederzahlen. Lasst uns das
noch energischer angehen, lasst uns dafür sorgen, dass der
Mitgliederschwund nicht nur gestoppt wird, sondern dass ver.di schon
bald wieder wächst, auch in den Nettozahlen. (Beifall)
So können wir heute, sechseinhalb Jahre nach ver.di-Gründung, Bilanz
ziehen. Was wollten wir mit unserem Zusammenschluss erreichen? Was
haben wir erreicht?
Kolleginnen und Kollegen, mit der Gründung von ver.di haben wir
Voraussetzungen schaffen können, Spaltungen und Grenzen untereinander
zu überwinden, private und öffentliche Dienstleistungsbereiche
zusammenzuführen. Wir haben die Integration der DAG in den DGB bewirkt
und gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit in wichtigen Bereichen
dauerhaft auch dort gesichert, wo ohne den Zusammenschluss von ver.di
Schwierigkeiten absehbar gewesen wären, um es vorsichtig auszudrücken.
Das hat uns in den schwierigen Arbeitskämpfen und in den
gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre
gestärkt, ja zum Teil überhaupt erst die Voraussetzungen dafür schaffen
lassen, uns zu behaupten. Man muss sich nur einmal vorstellen, um wie
viel schwerer es gewesen wäre, diese Auseinandersetzungen unter
Bedingungen zersplitterter, konkurrierender Organisationen bestehen zu
müssen, um zu verstehen, wie wichtig es war, ver.di zu gründen.
Mit ver.di konnten wir Umbrüche und Verschiebungen zwischen den
Branchen proaktiv angehen, wo anderenfalls unterschiedliche
Organisationsinteressen und -egoismen Anpassungsprozesse erschwert und
behindert hätten. Wir haben mit ver.di das politische Gewicht unserer
Gründungsorganisation und ihre Beachtung in der Gesellschaft deutlich
über das Maß hinaus gesteigert, das die Altorganisationen für sich
genommen hätten erschließen können. Und keine der Altorganisationen
wäre alleine stark genug gewesen, das Thema Mindestlohn
gesellschaftlich zu platzieren. Nicht einmal im DGB hätten die
Altorganisationen das getrennt durchgesetzt. Wir alle zusammen haben
das geschafft, Kolleginnen und Kollegen. (Starker Beifall)
Wir haben auch mit unseren Selbstständigen eine beachtliche Arbeit auf
den Weg gebracht, die es so in keiner anderen gewerkschaftlichen
Organisation in Deutschland gibt.
Und ich kann sagen: Auch intern sind wir ein gutes Stück
weitergekommen. Wir haben den Frauenanteil in Führungspositionen in
beispielgebender Weise erhöht, und wir haben die Stellung der
Ehrenamtlichen in den Organen und Tarifkommissionen nachhaltig
gestärkt.
Mit der Einigung auf ein neues Vergütungssystem und neue allgemeine
Arbeitsbedingungen bei ver.di ist die Vereinheitlichung der
verschiedenen Regelungswerke der Gründungsorganisationen gelungen. Wir
haben aus fünf eins gemacht und dabei systematisch die Sekretärinnen
und Sekretäre gestärkt, die vor Ort die Mitgliedernähe haben, sowie die
Tarifsekretärinnen und Tarifsekretäre und die mittlere Führungsebene in
den Bezirken und Fachbereichen aufgewertet. In Zukunft, Kolleginnen und
Kollegen, zählt nicht mehr, ob jemand in der Bundesverwaltung oder im
Bezirk arbeitet, sondern es zählt, welche Tätigkeit er oder sie ausübt.
Und die wird gleichbewertet - egal, auf welcher Organisationsebene sie
ausgeübt wird. (Starker Beifall)
Auch bei der Aufgabe, Beitragseinnahmen und Personalkosten in Einklang
zu bringen, sind wir sehr weit vorangekommen. Der
Personalkostenüberhang, der, gemessen an den Beitragseinnahmen, zu
Beginn von ver.di bei über 20 Prozent lag, ist nahezu vollständig
abgebaut, wenn auch um den Preis gestiegener Sozialplankosten.
Mittlerweile sind bereits wieder erste externe Einstellungen von
Gewerkschaftssekretärinnen und Gewerkschaftssekretären erfolgt.
(Beifall)
Wir haben bereits in den letzten Jahren auch unter den Bedingungen
spürbaren Personalabbaus den Generationswechsel in Angriff genommen und
zwischenzeitlich rund 100 junge Gewerkschaftssekretärinnen und
Gewerkschaftssekretäre eingestellt.
Ich will noch darauf hinweisen: Als ich als ÖTV-Vorsitzender gewählt
worden bin, habe ich nach zwei Wochen mir den Altersaufbau der alten
ÖTV geben lassen. Zu dem Zeitpunkt - November 2000 - waren geschlagene
drei Gewerkschaftssekretärinnen und Gewerkschaftssekretäre jünger als
30. Von 1.500! Das haben wir so nicht fortgeführt, sondern wir haben
gegengesteuert. Und hundert junge Gewerkschaftssekretärinnen und
-sekretäre in Zeiten des Personalabbaus einzustellen, das ist ein
Zeichen, in welche Richtung wir wollen. Das wollen und das werden wir
fortsetzen, Kolleginnen und Kollegen. (Starker Beifall)
Der Frauenanteil an den hauptamtlichen Führungskräften ist in den
letzten Jahren kontinuierlich erhöht worden. Wir unterstützen die
Gleichstellungsförderung weiter mit einer Fülle von
Personalentwicklungsangeboten. (Beifall)
Schließlich sind wir auch bei der Haushaltskonsolidierung gut
vorangekommen. Wir können für das kommende Jahr mit einem nahezu
ausgeglichenen Haushalt planen. Und es gibt eine Reihe von Bezirken und
Landesbezirken, die in den letzten Jahren Vermögenszuwachs verzeichnen
konnten. Gerd Herzberg wird dazu noch im Detail vortragen. Ich finde,
das ist eine ziemlich gute interne Bilanz, wenn man die
Ausgangsbedingungen in den Blick nimmt, von denen aus wir gestartet
sind, Kolleginnen und Kollegen.
Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen, die dazu beigetragen haben,
ganz herzlich bedanken: bei den Mitgliedern des Gewerkschaftsrates,
seiner Ausschüsse und insbesondere bei dem Präsidium des
Gewerkschaftsrates, bei Maggi Wendt, bei Sabine Lange, bei Timo Heider,
bei Ecki Kussinger, bei Claudia Bender und - später dazugekommen - bei
Bärbel Wulff. Ihr alle habt mit großem persönlichen Engagement und mit
enormem Einsatz Eurer Freizeit überhaupt erst möglich gemacht, dass wir
da ankommen konnten, wo wir heute stehen, Kolleginnen und Kollegen. Und
dafür mein Dank, der Dank des Bundesvorstandes, unser aller Dank an die
Kolleginnen und Kollegen, die das gemacht haben. (Lebhafter
Beifall)
Und ebenso herzlich bedanken möchte ich mich auch bei all denen, die in
den Bezirken und Landesbezirken, in den Ebenen-Vorständen wie in den
Fachbereichen Verantwortung für unsere Organisation übernommen haben.
Nur gemeinsam, Ehrenamtliche und Hauptamtliche,
Gewerkschaftssekretärinnen und Gewerkschaftssekretäre wie
Verwaltungskräfte, haben wir das alles erreichen können. Dafür von
dieser Stelle aus mein Dank und der Dank meiner
Bundesvorstands-Kolleginnen und -Kollegen an Euch alle, Kolleginnen und
Kollegen. (Starker Beifall)
Gemeinsam haben wir erreicht, dass wir heute feststellen können:
ver.di, das ist eine Organisation, die in dieser Gesellschaft Dinge in
Bewegung bringen kann. ver.di, das ist eine Organisation, die ein hohes
Maß an Geschlossenheit mit einer offenen Diskussions- und
Organisationskultur verbindet. ver.di, das ist eine Organisation, die
sich in harten Arbeitskämpfen bewährt hat und auch in Zukunft in der
Lage ist, wiederholt mehrere große Arbeitskämpfe gleichzeitig zu
bestehen. (Starker Beifall)
Und deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, sage ich, können wir heute
selbstbewusst vor die Öffentlichkeit treten und sagen: Ja, ver.di, das
war und ist die richtige Antwort auf die gewerkschaftlichen
Herausforderungen in den Dienstleistungsbranchen. Und: Ja, wir haben in
diesen Jahren des Aufbaus, in diesen Jahren des Zusammenwachsens vieles
miteinander geschafft, Kolleginnen und Kollegen. (Starker
Beifall)
Das heißt nun aber nicht, dass es keine Schwächen mehr gäbe, keine
Felder, auf denen wir nicht noch besser werden müssen. Nach wie vor
gibt es Mitglieder, die sich nicht ausreichend betreut fühlen, wo alte
Beziehungen weggebrochen und neue noch nicht an ihre Stelle getreten
sind. Wenn wir in den vor uns liegenden Auseinandersetzungen bestehen
wollen, dann, Kolleginnen und Kollegen, müssen wir unsere Arbeitsweise
kritisch auf den Prüfstand stellen und die Arbeit der Organisation noch
stärker auf die Frage ausrichten: Was bringt es für die
Mitgliederentwicklung?
Die Mitgliederentwicklung, Kolleginnen und Kollegen, ist die
politischste Aufgabe der Organisation. Davon bin ich fest überzeugt.
Die politischste Aufgabe der Organisation! (Starker Beifall)
Hier müssen wir bei unserer Betriebs- und Unternehmenspolitik ansetzen
und verstärkt den Aufbau betrieblicher Gewerkschaftsstrukturen
vorantreiben sowie die Präsenz mit Ortsvereinen in der Fläche erhöhen.
Und wir müssen unsere gewerkschaftliche Bildungsarbeit stärker für die
Gewinnung neuer Mitglieder nutzen. Das ist eine Aufgaben, die wir
unbedingt in Angriff nehmen müssen.
Und auch das gehört in den Blick genommen: ver.di ist keine
militärische Organisation. Wir alle wissen: Die Matrix lässt viel
Spielraum für Eigensinn und spezifische Schwerpunktsetzungen.
(Heiterkeit) Und das ist gut und gewollt. (Beifall) Das zwingt uns
nämlich, integrativ zu denken und Widersprüche durchzuarbeiten. Wenn
dies aber geschehen ist, Kolleginnen und Kollegen, dann muss auch
gemeinsam gehandelt werden - gemeinsam und verbindlich! Auch daran
müssen wir arbeiten. (Lebhafter Beifall)
Es bleibt also noch einiges zu tun, auch wenn bei weitem das Positive
überwiegt in der Bilanz dieser Jahre des Aufbaus. Wir hatten in diesen
Jahren viele, viele Auseinandersetzungen und Kämpfe zu bestehen. Wir
haben in ihnen zusammengefunden und haben immer wieder wichtige Impulse
geben können. ver.di, das ist heute eine gesellschaftliche Kraft mit
jeder Menge positiver Energie; eine Kraft, von der positive Initiativen
ausgehen und ausgegangen sind.
Auch wenn uns manche gerne in die Ecke der Nein-Sager stellen: Für uns,
liebe Kolleginnen und Kollegen, gehören die Schutz- und die
Gestaltungsaufgabe der Gewerkschaften stets zusammen. Daran richten wir
unsere gewerkschaftliche Arbeit aus. Und das beweisen wir im
praktischen Handeln quer durch alle Bereiche der Organisation. (Starker
Beifall)
Nehmt zum Beispiel das Gesundheitswesen, wo wir mit Krankenhäusern und
Pflegeeinrichtungen in Modellprojekten zur besseren Verzahnung von
ambulanter und stationärer Versorgung arbeiten.
Nehmt die Energiewirtschaft, wo unser Engagement maßgeblich zur
Förderung von Kraft-Wärme-Kopplung beitragen hat. Heute ist die Nutzung
bei der Stromversorgung freiwerdender Energie zu Heizzwecken - eben
Kraft-Wärme-Kopplung - ein unverzichtbarer Bestandteil jeder
fortschrittlichen Klimapolitik.
Oder nehmt die Reform des öffentlichen Tarifrechts, die mit dem TV ÖD
einen Kompromiss brachte, der längst nicht alles befriedigen kann, an
dem manches richtig veränderungsbedürftig ist, der insgesamt aber zum
Erhalt des Flächentarifvertrages beigetragen hat und mit dem wir die
tarifliche Trennung in Arbeiter und Angestellte überwinden
konnten.
Oder nehmt das Bündnis für den freien Sonntag oder die Gründung eines
neuen Spitzenverbandes der Unfallversicherungsträger in der Rechtsform
eines eingetragenen Vereins. Immer wieder treffen wir auf Bereiche, in
den konstruktive Lösungen von uns aktiv mitgestaltet wurden - ob
Beitragseinzug durch die gesetzlichen Krankenkassen, maritimes Bündnis,
Reform des Beamtenrechts, Tarifierung von Air Berlin,
Urhebervertragsrecht oder Bewältigung der Karstadt-Krise. Die Liste der
Beispiele ließe sich mühelos verlängern.
Auch wenn die Zeit dazu nicht ausreicht, möchte ich doch einen Punkt in
diesem Zusammenhang noch gesondert ansprechen, den
Mindestlohntarifvertrag in der Postbranche. Ihr wisst, dass das
Bundeskabinett Anfang September dieses Jahres unter dem Eindruck
unserer Initiativen verabredet hatte, die Postbranche noch 2007 in das
Entsendegesetz aufzunehmen, wenn die Tarifpartner einen entsprechenden
Antrag auf der Grundlage eines verallgemeinerbaren Tarifvertrages
stellen. Daneben wurde beschlossen, zum Ausgleich für das Angebot des
Universaldienstes die Mehrwertsteuerbefreiung für die Post AG
fortzuführen. Das war auch zwingend nötig, wenn die Liberalisierung des
Sektors in Deutschland jetzt schon übereilt und vorgezogen zum 1.
Januar 2008 erfolgen soll.
An diesem Punkt ist unser Fachbereich gemeinsam mit dem unlängst
gegründeten Arbeitgeberverband Postdienste - und das ist der richtige
Arbeitgeberverband, nicht dieser Arbeitgeberverband, den jetzt der
Gerster als Geschäftsführer führen soll und bei dem er dem Vernehmen
nach 1 Million Euro dafür verdienen soll, dass er die Löhne unter 5,50
Euro drückt, Kolleginnen und Kollegen - (Starker Beifall) entschlossen
ans Werk gegangen und hat einen Mindestlohntarifvertrag vereinbart mit
Stundenlöhnen zwischen 8,00 und 9,80 Euro. Dieser Tarifvertrag erfasst
rund 80 Prozent der in der Branche Beschäftigten und wird nach Eingang
des Antrags auf Allgemeinverbindlichkeitserklärung - wie uns gestern
der Bundesarbeitsminister zugesichert hat - noch 2007 für
allgemeinverbindlich erklärt und ins Entsendegesetz aufgenommen.
(Beifall) Über die Einbeziehung ins Entsendegesetz ist auch die gleiche
Bezahlung von Leih- und Stammarbeitskräften gesichert. Das ist ein
wichtiger Erfolg für die Beschäftigten in der Branche, für den
Fachbereich und für die gesamte Organisation und wichtiger Schritt hin
zu einem gesetzlichen Mindestlohn. Ich gratuliere, Kolleginnen und
Kollegen. Andrea, das habt Ihr klasse gemacht. (Beifall) Ich sage:
Kolleginnen und Kollegen, wir werden einen Teufel tun, diesen
Tarifvertrag wieder zur Disposition zu stellen, und wenn die
Bundeskanzlerin Probleme mit einzelnen Ministerpräsidenten der CDU hat,
dann soll sie das durchsetzen, was im Kabinett beschlossen wurde. Sonst
hat sie ein Glaubwürdigkeitsproblem, Kolleginnen und Kollegen. Da ist
sie und niemand anders gefordert. (Starker Beifall)
Wir werden uns dafür stark machen, dass weitere Branchen wie die
Entsorgungswirtschaft, die Weiterbildungsbranche oder die Zeitarbeit
ebenfalls so schnell wie möglich in das Entsendegesetz aufgenommen
werden. Wir lassen allerdings auch keinen Zweifel daran, dass dies
keinen Ersatz darstellt für einen allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn.
Deshalb, Kolleginnen und Kollegen, werden wir unsere
Mindestlohnkampagne fortsetzen, die mit der Mindestlohntour in den
letzten Monaten viele Menschen erreicht und viel Zustimmung und
Unterstützung erfahren hat. Wir können mit dem Erfolg der Tour hoch
zufrieden sein.
Zwischenzeitlich - Michael Sommer hat das angekündigt - wird auch der
DGB-Bundesvorstand beschließen, in die Mindestlohnkampagne einzusteigen
und dieses Thema zusammen mit den Themen Leiharbeit und Altersarmut in
den Mittelpunkt seiner Aktivitäten Richtung Bundestagswahl 2009 zu
stellen. Die Bundesländer Bremen, Berlin und Rheinland-Pfalz haben
angekündigt, Bundesratsinitiativen für den gesetzlichen Mindestlohn zu
starten und das Thema so weiter in der öffentlichen Debatte zu halten.
Das ist gut und ein großer Erfolg für uns; denn es ist uns mit ver.di
gelungen, den gesellschaftlichen Diskurs zu diesem Thema innerhalb von
zwei Jahren regelrecht zu drehen und so miteinander ein großes
gesellschaftliches Thema zu setzen, Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Die indirekten Wirkungen dieses Erfolgs zeigen sich auch an anderen
Stellen: bei der Neupositionierung von SPD und Grünen zu den
Bedingungen der Leiharbeit sowie bei der Verabschiedung von
Vergabegesetzen, wie sie jetzt in Schleswig-Holstein, Hessen, Berlin,
Rheinland-Pfalz und wohl demnächst auch in Mecklenburg-Vorpommern auf
den Weg gebracht werden, sowie bei Gesetzen, die die Vergabe
öffentlicher Aufträge in wichtigen Branchen an die Einhaltung von
Tarifverträgen binden. Auch das ist eine indirekte Folge unserer
Aktivitäten für den Mindestlohn, Kolleginnen und Kollegen, und es ist
ein Erfolg für die Menschen in diesem Lande. (Beifall)
Vorrangig wird auch weiterhin das Thema Leiharbeit bleiben. Der
Missbrauch der Arbeitnehmer/-innenüberlassung greift immer weiter um
sich, frisst sich wie ein Virus durch die Branchen. Immer mehr Firmen
gründen eigene Leiharbeitsagenturen mit dem einzigen Ziel, Teile ihrer
Belegschaft auf die Leiharbeitsagentur zu überführen und sie
anschließend wieder zurückzuverleihen auf ihre alten Arbeitsplätze, wo
sie dann für einen erheblich geringeren Lohn weiterarbeiten sollen. Wir
haben hier von der Politik Korrekturen im
Arbeitnehmerüberlassungsgesetz gefordert. Wir fordern eine mindestens
gleiche Bezahlung der Leiharbeitskräfte und der Stammarbeitskräfte
spätestens nach vier bis sechs Wochen Einsatz im Stammbetrieb. Wenn wir
das noch einmal durchdenken und am Ende die Forderung nach gleicher
Bezahlung vom ersten Tag der Leiharbeit an dabei herauskommt, so wie
Michael das gestern angedeutet hat - okay, dann werden wir auch diesen
Weg mitgehen, Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
Wir fordern die Begrenzung des Anteil der Leiharbeitskräfte in einem
Unternehmen sowie die zeitliche Befristung ihres Einsatzes. SPD, Grüne
und Linkspartei zeigen sich offen für diese Position, und in der SPD
arbeitet mittlerweile eine Arbeitsgruppe mit unserer Beteiligung an der
Konkretisierung dieser Forderung. Da wir uns aber nicht ausschließlich
auf den Gesetzgeber verlassen wollen - und wohl auch nicht können -,
arbeiten wir zugleich an einem tariflichen Weg zur Gleichbehandlung der
Leih- und Stammarbeitskräfte. Wir werden das in der gemeinsamen
Diskussion auf diesem Kongress noch vertiefen können.
Kolleginnen und Kollegen, unter den Bedingungen verbesserter
Konjunktur, rückläufiger Arbeitslosigkeit, höherer Steuereinnahmen und
der in verschiedenen Wirtschaftszweigen im Jahr 2007 erzielten
Tarifergebnisse haben wir in den letzten Wochen die unmittelbar vor uns
liegenden Lohnrunden in Angriff genommen. Die Beschäftigten im
Einzelhandel hatten in den letzten Jahren nur sehr magere Lohnzuwächse.
Das muss jetzt endlich ein Ende haben, und dafür haben heute
Kolleginnen und Kollegen bei OTTO in Haldensleben gestreikt. Unser Gruß
geht an die streikenden Kolleginnen und Kollegen im Einzelhandel hier
in Sachsen-Anhalt. Das ist das richtige Zeichen, Kolleginnen und
Kollegen. (Starker Beifall) Die Botschaft ist völlig klar: Es kann
nicht angehen, dass der mörderische Wettbewerb im Einzelhandel mit den
Einkommen der Beschäftigten finanziert wird.
Bereits zum zweiten Mal in zwei Jahren stehen wir im Einzelhandel in
einer schwierigen Tarifauseinandersetzung, einer Auseinandersetzung
zumal, die Schule machen könnte, wenn die Arbeitgeber sich bei Spät-
und Wochenendzuschlägen durchsetzen. Dazu darf es nicht kommen, und
dafür werden wir unsere Kolleginnen und Kollegen im Einzelhandel von
der gesamten Organisation aus unterstützen, wo immer dies sinnvoll und
notwendig ist. Das ist die klare Botschaft dieses Kongresses. Das ist
die Botschaft von uns tausend Delegierten hier aus Leipzig, Kolleginnen
und Kollegen. (Starker Beifall)
Wir wünschen den Kolleginnen und Kollegen der Versicherungswirtschaft,
die jetzt ihre Tarifverhandlungen beginnen, Erfolg. Sie haben es mit
einer Branche zu tun, die so viel verdient, dass es dem Management zu
den Ohren herauskommt, und ich finde, in der Versicherungsbranche ist
die Durchsetzung einer satten Lohnerhöhung fällig. Viel Erfolg wünsche
ich unserem Fachbereich 1 und denjenigen, die die Verhandlungen führen,
Kolleginnen und Kollegen. (Beifall)
Vor einer sehr komplexen und schwierigen Tarifrunde steht ver.di Anfang
nächsten Jahres auch im Öffentlichen Dienst bei Kommunen und Bund. Auch
hier gilt eine klare Botschaft: Es muss Schluss damit sein, dass die
Beschäftigten im Öffentlichen Dienst nur als Kostenfaktor gesehen
werden und ihr gesellschaftlicher Nutzen fortgesetzt ausgeblendet
wird.
Ich sage es mal so, Kolleginnen und Kollegen: Die Farbe Grün steht für
freie Fahrt. Aber grünes Fleisch ist das Ergebnis von zu viel Freiheit
und zu wenig Kontrolle. (Beifall) Denn das erleben wir ja: Wenn
Gammelfleisch gleich tonnenweise vertrieben wird, rufen alle nach mehr
Kontrolle und Kontrolleuren, sonst ist das ein blinder Fleck. Ich sage:
Diese Heuchelei muss aufhören! Schluss mit dieser Heuchelei,
Kolleginnen und Kollegen! (Beifall)
Nicht anders bei den Lehrern: Wenn es an den Hauptschulen rumst und
knallt, schrecken alle auf, ansonsten wird weggeguckt. Ich sage:
Schluss mit dieser Heuchelei!
Oder nehmt die Steuerverwaltung. Jeder Betriebsprüfer und jede
Betriebsprüferin bringt im Jahr 1 bis 1,5 Millionen netto in die
Kassen. Und doch streicht ein Land wie Niedersachsen 300
Betriebsprüferstellen und setzt auf verdeckte Wirtschaftsförderung
durch organisiertes Defizit beim Steuervollzug. Aber über leere Kassen
klagen! Schluss, sage ich, Schluss mit dieser Heuchelei, Kolleginnen
und Kollegen! (Starker Beifall)
Unsere Kolleginnen und Kollegen im öffentlichen Dienst sagen zu Recht:
Wir haben Anspruch auf Wertschätzung unserer Arbeit, wir haben Anspruch
auf guten Lohn für gute Arbeit. Deshalb, Kolleginnen und Kollegen, wird
es - nach den Tarifrunden bei Metall, Chemie, Druckindustrie, Handel
und Versicherungen - Anfang 2008 auch im öffentlichen Dienst heißen:
Jetzt sind auch die Beschäftigten des öffentlichen Dienst dran mit
einer nachhaltigen linearen Lohnsteigerung. (Starker Beifall)
Dabei liegt auf der Hand: Die Ergebnisse dieser Tarifrunde müssen auf
die Beamten übertragen werden. Nach Jahren des Reallohnverlustes, nach
Kürzungen bei Weihnachts- und Urlaubsgeld bei gleichzeitiger
Arbeitszeitverlängerung müssen auch die Beamtenbesoldungen nachhaltig
und deutlich erhöht werden. (Starker Beifall)
Freilich, so wie sich insbesondere die kommunalen Arbeitgeber bisher
aufgestellt haben, könnte sich ein Großkonflikt ankündigen: um Lohn, um
Arbeitszeit, um die Fortgeltung von Bewährungs- und
Tätigkeitsaufstiegen sowie Vergütungsgruppenzulagen für die Dauer der
Verhandlung zur Entgeltordnung, um die dauerhafte Angleichung von Ost
an West, um den künftigen Zuschnitt zusätzlicher
Leistungsentgeltkomponenten und womöglich um eine spartenmäßige
Differenzierung des Abschlusses.
Deshalb, Kolleginnen und Kollegen, müssen wir uns darauf vorbereiten,
dass dies die konfliktreichste Runde seit langen Jahren bei Bund und
Kommunen werden könnte.
Wir haben deshalb eine Initiative öffentliche Dienste angestoßen, die
in den kommenden Monaten in drei Schritten öffentliche Wirkung
entfalten soll. Dabei wird zunächst am Interesse der Bürgerinnen und
Bürger an funktionsfähigen öffentlichen Diensten angeknüpft und
beispielhaft aufgezeigt, welche schädlichen Wirkungen die Sparpolitik
der letzten Jahre hatte: www.genuggespart.de, um dann deutlich zu
machen, dass funktionstüchtige öffentliche Dienste gut qualifizierte
Beschäftigte verlangen, und um in einem dritten Schritt
herauszustellen, dass für gute Arbeit auch ein guter Lohn zu zahlen
ist.
Die Kampagne ist Anfang September mit vier Großplakatmotiven und einem
interaktiv angelegten Internetauftritt gestartet worden. Initiiert
haben wir sie gemeinsam mit dem Deutschen Beamtenbund und finanzieren
sie auch gemeinsam. Unterstützt wird sie von GEW, GdP und DGB sowie den
Mitgliedsverbänden des dbb, also des Beamtenbundes. Die Kampagne geht
einher mit einer Kooperationsvereinbarung mit dem Deutschen
Beamtenbund, die eine Beteiligung des dbb an der Verhandlungsführung
zur Tarifrunde unter Federführung von ver.di vorsieht. Die Vereinbarung
beinhaltet, sich untereinander bei der Forderung abzustimmen und auf
Abwerbung und Werbung von Mitgliedern mit Dumpingbeiträgen, so wie das
in der Vergangenheit vom Beamtenbund gern verfolgt wurde, zu
verzichten.
Diese Kooperationsvereinbarung hat in ver.di zu intensiven Diskussionen
geführt, die unter anderem die Auftaktveranstaltungen zur Tarifrunde in
mehreren Landesbezirken geprägt haben. Innerhalb des Beamtenbundes hat
sie zu einer massiven, in der Öffentlichkeit ausgetragenen
Auseinandersetzung um die strategische Organisation mit den Kräften
geführt, die traditionell stark konservativ und
richtungsgewerkschaftlich ausgerichtet sind und den gemeinsamen
Länderstreik offenkundig für einen Fehler gehalten haben. Ihre
Auffassung ist, dass den Beamtenbund von ver.di viel mehr trennt als
verbindet. Diese Kräfte waren namhaft, sind am Ende aber klar in der
Minderheit geblieben. Gemeinsam teilen wir mit der Spitze des
Beamtenbundes, aber auch mit den Vorständen von GEW und GdP die
Auffassung, lieber gemeinsam gewinnen zu wollen, als das Risiko
einzugehen, getrennt zu verlieren. (Beifall)
Eine besondere Herausforderung auf Arbeitgeberseite stellt
tarifpolitisch gegenwärtig das Land Hessen dar, das sich nach wie vor
weigert, den Tarifvertrag der Länder zu übernehmen, und das jetzt, nach
vier Jahren nachwirkender Tarifverträge, einseitig eine Erhöhung der
Beamtenbesoldung und der Tarifgehälter um 2,4 Prozent zum 1. April 2008
vornehmen will. ver.di hat darauf mit ersten Warnstreiks reagiert, und
diese sind nach dem, was ich gehört habe, erfolgreich gelaufen.
Gratulation unseren Kolleginnen und Kollegen in Hessen! (Starker
Beifall) Die DGB-Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes haben mit uns
gemeinsam in Wiesbaden demonstriert.
Gegenwärtig diskutieren wir, wie die hessischen Landesbeschäftigten in
die Tarifrunde 2008 einbezogen werden können, sofern es nicht vorher
bei den hessischen Landtagswahlen zu einem Regierungswechsel in Hessen
kommt. (Beifall)
Fragen der Dienstrechtsneuordnung sind seit längerem Gegenstand
kontinuierlicher Gespräche mit dem Bundesinnenministerium. Einer
Initiative von ver.di, Bundeswehrverband und dbb ist es dabei zu
verdanken, dass in den jüngsten Entwurf zum
Dienstrechtsneuordnungsgesetz materielle Verbesserungen bei den
Soldaten aufgenommen wurden. Das war insofern von grundlegender
Bedeutung, als auf diesem Wege zugleich eine gesonderte
Besoldungsordnung für Soldaten vermieden werden konnte. Die
Übersprungeffekte wären andernfalls schnell erfolgt und hätten zu einer
Atomisierung und zu einem Windhundrennen verschiedener Gruppen im
Beamtenrecht geführt. Unser Beamtenbereich hat hier, wie ich finde,
erneut einen sehr guten Job gemacht, Kolleginnen und Kollegen, wie
schon bei der gemeinsamen Initiative mit dem dbb und dem damaligen
Bundesinnenminister Schily für ein Beamtenrechtsneuordnungsgesetz und
wie in diesem Jahr bei der Einflussnahme auf den Gesetzentwurf zur
Modernisierung des Beamtenrechts. Hier konnten unter anderem eine
Absenkung von Besoldung und Versorgung verhindert werden. Die
Sonderzahlung sowie die allgemeine Stellenzulage wurden in das
Grundgehalt eingebaut. Das ist positiv, ändert allerdings nichts an der
Kritik, die an der Ausgestaltung der leistungsbezogenen
Bezahlungskomponente geübt werden muss.
Lob, Kolleginnen und Kollegen, verdient auch unser Rechtsschutz.
Insbesondere das bahnbrechende BAG-Urteil zur Zulässigkeit von
Solidaritätsstreiks - der Rechtsstreit betraf Solidaritätsstreiks von
Druckern für streikende Redakteure - ist hier hervorzuheben. Das ist
ein bedeutsamer Erfolg, der unsere Handlungsmöglichkeiten verbessert.
Lasst mich dafür an dieser Stelle unseren Dank an die Kolleginnen und
Kollegen vom ver.di-Rechtsschutz richten, die mit ihrer Arbeit zu
diesem positiven Urteil beigetragen haben und die an vielen anderen
Stellen für unsere Mitglieder viel erreichen konnten. Meinen Dank an
dieser Stelle an die Kolleginnen und Kollegen. (Starker Beifall)
Einen guten Job zu machen, gute Arbeit zu leisten, das ist Millionen
von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in unserem Lande ein
Grundbedürfnis. Dass die Bedingungen dafür vielerorts schwerer geworden
sind, ja zum Teil regelrecht fehlen und dass wir zum Teil eklatante
Missstände antreffen, ist in den letzten Wochen mehrfach offenkundig
geworden.
Seit 1996 sind an den deutschen Krankenhäusern 48.000 Stellen in der
Krankenpflege abgebaut worden. Aber jährlich sind inzwischen rund eine
Million Patienten dazugekommen, sind mehr zu versorgen. Jede
Pflegekraft muss heute 23 Prozent mehr Patienten versorgen als noch
1996. Bei zunehmender individueller Betreuungsbedürftigkeit nimmt die
Arbeitsbelastung stetig zu, und es ist - so das Ergebnis einer Studie
des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung - „Lebensgefahr
infolge der Sparmaßnahmen nicht mehr auszuschließen“.
Das muss genauso alarmieren wie die Ergebnisse, die der Medizinische
Dienst der Krankenkassen jetzt zur Lage in der Altenpflege
veröffentlicht hat. Dessen Prüfberichte, Kolleginnen und Kollegen,
lesen sich wie Beschreibungen aus Flüchtlingslagern. Es fehlt an
Dingen, die in jedem Tierpark selbstverständlich sind: an der
Versorgung mit Nahrung und Getränken, an der Möglichkeit, an die
frische Luft zu kommen. Jeder dritte Pflegebedürftige leidet an
Druckgeschwüren, die Pflegebedürftigen bekommen zu viel Psychopharmaka
und werden unnötig mit Kathetern, Windeln und Magensonden behandelt. Es
ist entwürdigend und beschämend. Es sind unsere Mütter und Väter. Es
könnten demnächst wir sein, Kolleginnen und Kollegen, die unter solchen
Bedingungen leben müssen. Das kann und darf uns nicht gleichgültig
lassen.(Beifall)
In dieses Bild passt, dass nur die Hälfte aller Kontrollen unangemeldet
erfolgt. Was ist das anderes als eine Einladung zu Vertuschung und
Betrug?
Erneut zeigt sich, Kolleginnen und Kollegen, wie dringend notwendig
unsere Forderung nach verbindlichen Vorgaben zur Personalbemessung ist
und wie wichtig es ist, den Pflegeberuf aufzuwerten, auch mit Geld.
Ebenso wie für Erzieherinnen, für Techniker, Ingenieure gilt auch für
die Pflege: Gute Pflege, Kolleginnen und Kollegen, gibt es nicht zum
Nulltarif. (Beifall)
Einen Skandal ganz anderer Art haben wir vor einigen Wochen enthüllen
können. Er betrifft den Einsatz von ALG-II-Empfängerinnen und
-Empfän-gern als sogenannte Praktikanten in Null-Euro-Jobs zum Teil
über sechs, ja neun Monate hinweg, voll integriert in die Schichtpläne
als reguläre Arbeitskräfte ohne Bezahlung, erzwungen mit der Drohung,
anderenfalls 30 Prozent und mehr des Arbeitslosengeldes II zu
streichen. Wir haben das öffentlich zum Thema gemacht und in Schreiben
an den Vorstand der Bundesagentur sowie den Bundesarbeitsminister die
sofortige Einstellung dieser rechtswidrigen Praxis von Arbeitsagenturen
und Optionskommunen gefordert. Der Vorstand der Bundesagentur für
Arbeit wie Franz Müntefering haben zugesagt, diesem Thema nachzugehen
und für Abhilfe und damit für die Einstellung einer Praxis zu sorgen,
mit der systematisch reguläre Arbeitsplätze durch unbezahlte
Zwangsarbeitsverhältnisse ersetzt wurden und Unternehmen mit
entsprechenden Kontakten ein weites Feld für Vorteilsnahmen eröffnet
war. Ich finde, das ist unter keinen Umständen zu akzeptieren. Das ist
ein Skandal und gehört von der Bildfläche geputzt, Kolleginnen und
Kollegen! (Beifall)
Entschiedene Kritik haben wir in den letzten Jahren an dem geübt, was
sich auf dem Feld der Aus- und Weiterbildung abspielt. Und auch die
aktuellen Zahlen unterstreichen nachdrücklich, wie notwendig, wie
überfällig die Einführung einer Ausbildungsplatzumlage ist. (Beifall)
Das Institut für berufliche Bildung geht zurzeit von 160.000
unversorgten Ausbildungsplatzbewerberinnen und -bewerbern aus, und
dahinter stehen weitere 300.000 schon bislang leer ausgegangene
Altbewerberinnen und -bewerber. Wie müssen sich diese jungen Menschen
fühlen, wenn sie jetzt vom Präsidenten des Deutschen Industrie- und
Handelskammertags hören, dass die Ausbildungsplatzlücke fast
geschlossen sei? Solche Äußerungen sind ein Hohn, sie dienen der
Verschleierung und der Beweihräucherung eines sogenannten
Ausbildungspaktes, der an der Aufgabe, für ein ausreichendes
Ausbildungsplatzangebot zu sorgen, von Anbeginn gescheitert ist und
weiter scheitert, wie die Zahlen ganz offenkundig machen, Kolleginnen
und Kollegen. (Beifall)
Dass gleichzeitig, und zwar zum Teil von denselben Leuten, eine
Facharbeiterlücke beklagt wird, unterstreicht nur das Ausmaß des
Versagens in unserem Bildungs- und Ausbildungssystem. (Beifall) Das
steht obendrein im krassen Gegensatz zu der Vernachlässigung, ja
Austrocknung der Weiterbildungsaktivitäten von Bundesagentur und ARGEn.
Diese haben gegenüber dem Stand von 2002 die Teilnehmerzahlen im
ALG-I-Bereich um 80 Prozent und die Teilnehmerzahlen in der beruflichen
Bildung insgesamt um über 60 Prozent zurückgefahren, bei gleichzeitiger
massiver Verkürzung der Länge der Maßnahmen.
Die Zahl der Neueintritte in Maßnahmen mit einem Abschluss in einem
anerkannten Beruf, also das, was eigentlich, wenn man die
Facharbeiterlücke beklagt, auf der Hand liegen sollte und dringend
notwendig wäre, ist von 95.000 im Jahre 2002 auf 16.000 im Jahre 2005
gesunken. Und das bei Milliardenüberschüssen der Bundesagentur in 2006
und 2007. Aber über Fachkräftemangel klagen - Kolleginnen und Kollegen,
das passt nicht zusammen. (Beifall)
Statt Beitragssatzsenkungen in der Arbeitslosenversicherung brauchen
wir eine Ausweitung des Angebots an überbetrieblichen
Ausbildungsplätzen, nicht zuletzt mit Mitteln der Bundesagentur, und
eine Ausweitung der Maßnahmen beruflicher Weiterbildung durch die
Bundesagentur bei gleichzeitiger Sicherung guter qualitativer
Standards.
Kolleginnen und Kollegen, all das sind Felder, wo wir arbeitspolitische
Themen aufgegriffen haben und aufgreifen. Immer geht es dabei um den
Anspruch auf „gute Arbeit“. Gute Arbeit - für diese Ziele setzen wir
uns als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter ein. Dabei wird uns in
Zukunft das Instrument eines Index „Gute Arbeit“ helfen. Mit dem DGB-
Index „Gute Arbeit“ können wir erstmals regelmäßig und repräsentativ
erheben, wie die Beschäftigten die Arbeitswelt in Deutschland
beurteilen, was sie sich von guter Arbeit erwarten. Dieser Index ist in
den letzten Jahren in Projektverantwortung von ver.di erarbeitet
worden. Er lässt sich hervorragend einsetzen, um das Thema „Gute
Arbeit“ zu einem herausragenden Handlungsfeld im Betrieb zu machen,
Kolleginnen und Kollegen.
Unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten, ist in hohem Maße
ausschlaggebend für ihre Lebensqualität. Aus diesem Grunde werden wir -
zusammen mit den anderen DGB-Gewerkschaften - eine regelmäßige
Berichterstattung über die Entwicklung der Arbeitsbedingungen aus Sicht
der Beschäftigten aufbauen. Der DGB-Index „Gute Arbeit“ zählt zu den
wichtigsten arbeitspolitischen Vorhaben der vergangenen Jahre. Wir
schaffen damit eine fundierte Basis, um die Bedeutung guter
Arbeitsbedingungen herauszustellen und für die Verbesserung der
Arbeitswirklichkeit einzutreten, und zwar vor Ort, in den
Betrieben.
Ziel unserer Berichterstattung „Gute Arbeit“ ist also nicht nur, die
Arbeitsrealität zu beschreiben, sondern diese im Interesse der
arbeitenden Menschen zu verbessern. Unsere Kampagne „Gute Arbeit“
greift die Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Menschen in den
Betrieben und Verwaltungen auf. Dort, wo sie ihre Ansprüche
formulieren, wollen wir sie aufgreifen, zu Kernforderungen verdichten
und zur Grundlage unseres gewerkschaftspolitischen Handelns machen. Und
da, wo wir mit unseren betrieblichen und überbetrieblichen Initiativen
an Grenzen stoßen, die der Gesetzgeber gesetzt hat, werden wir „Gute
Arbeit“ auch politikfähig machen. Dies gilt vor allem für die
Eindämmung unsicherer und schlecht bezahlter Beschäftigung, und dies
gilt für neue Wege zum Vorruhestand und für Altersteilzeit.
Ich fasse an dieser Stelle zusammen, Kolleginnen und Kollegen, in
Richtung 2009: Zusammen mit der Forderung nach einem gesetzlichen
Mindestlohn, nach gesetzlichen Regelungen gegen den Missbrauch von
Leiharbeit und einer Stärkung der gesellschaftlichen Solidarität bei
der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung werden die Themen
Altersarmut und Rente mit 67 Richtung 2009 im Mittelpunkt unserer
Auseinandersetzung mit der Politik stehen. Ich denke, das trifft auch
Eure Auffassung und nimmt auf, was an Diskussion in den letzten Jahren
in unserer Organisation geführt worden ist. (Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn eine Mehrheit in diesem Lande
immer wieder zum Ausdruck bringt, dass es nicht mehr gerecht zugeht,
wenn immer mehr Menschen sich in ihrer Existenz bedroht sehen und Angst
vor der Zukunft haben, wenn sie der Politik nicht trauen - dann kann
dies der Ausgangspunkt für eine neue soziale Bewegung für Arbeit und
Gerechtigkeit sein. Zu der wollen wir beitragen.
Aber - auch das wissen wir aus unserer Geschichte und auch aus der
Gegenwart - der Verfall des sozialen Zusammenhalts fördert zugleich ein
Klima, in dem Hass, Rassismus, Antisemitismus und
Demokratiefeindlichkeit zunehmen. Ja, Kolleginnen und Kollegen, indem
wir für die Festigung des sozialen Zusammenhalts in unserer
Gesellschaft eintreten, für soziale Gerechtigkeit wie für die Würde des
Menschen in der Arbeitswelt - und das schließt die Würde der
Arbeitslosen ebenso ein - leisten wir zugleich einen elementaren
Beitrag im Kampf für Demokratie und gegen Rechts. (Beifall)
Wer dem Rechtsextremismus und die von ihm ausgehende Gewalt eindämmen
will, muss die Lebenswelten derjenigen, die die NPD erfolgreich
anspricht, wahrnehmen und muss deren Ängste ernst nehmen, muss ihnen
soziale und demokratische Perspektiven aufzeigen. Dazu gehört eben auch
und ganz elementar, dass es nicht mehr als normal gilt, wenn man 3,50
Euro pro Stunde verdient. (Beifall) Ebenso, wie es dazu gehört, dort,
wo NPD-Kader in der Öffentlichkeit präsent sind, sich nicht
wegzudrehen, sondern ihnen lautstark und nachhaltig entgegenzutreten.
(Beifall)
Die zahlreichen Arbeitskreise gegen Rechts, die es in ver.di gibt, tun
dies. Wir haben mit ihrer Vernetzung begonnen und wollen diese Arbeit
fortsetzen und, wenn möglich, noch ausweiten. Weil wir nicht hinnehmen
wollen und nicht hinnehmen können, dass in diesem Land - wie unlängst
in Mügeln - ein Lynchmob in Kompaniestärke die Straßen heruntertobt und
die Menschen hetzt wie Vieh. (Beifall)
Und der Schlachtruf dieses marodierenden Mobs - wie lautete er doch
gleich: „Hier regiert der nationale Widerstand.“ Und anschließend tritt
ein FDP-Bürgermeister auf und tut das mit der Bemerkung ab, so etwas
könne jedem mal über die Lippen kommen. Der Mann darf übrigens immer
noch Mitglied sein in der Partei von Herrn Westerwelle. Wir akzeptieren
so etwas nicht, Kolleginnen und Kollegen. (Starker Beifall)
Aber Mügeln zeigt erneut in aller Deutlichkeit: Wenn rechtsradikale
Agitatoren gegen Hartz IV und für soziale Gerechtigkeit streiten, ist
das eine Agitation, der jegliche freiheitliche Dimension fehlt. Die Wut
auf „die da oben“ wird in autoritäre Milieus umgelenkt, in Tritte nach
unten. Dem darf kein Raum zur Entfaltung geboten werden. Grundrechte
dürfen nicht mit Füßen getreten werden. Deshalb sind wir dafür, einen
Verbotsantrag gegen die NPD zu stellen. (Starker Beifall -
Bravo-Rufe)
Wir tun das nicht, weil wir glauben, dass dies die politische
Auseinandersetzung ersetzen könnte - im Gegenteil, diese muss auch
anschließend intensiv geführt werden -, aber weil wir es für
unerträglich halten, dass diese Partei auch noch aus Steuermitteln
finanziert wird. Die Verteidigung der Grundrechte ist kein Stoff für
Sonntagsreden, sie ist Verpflichtung in einem Rechtsstaat, für alle von
uns. (Beifall)
Wobei nicht aus dem Auge verloren werden darf, dass der Rechtsstaat
nicht nur von Rechtsextremisten bedroht ist. Auch manche, die ihn
vorgeblich gegen den islamistischen Terrorismus verteidigen, bedrohen
ihn in seiner Substanz. (Beifall) Bundesverteidigungsminister Jung, der
sich in parteitaktischer Absicht über die Verfassung hinwegsetzen und
rechtswidrig Flugzeuge abschießen lassen will, sowie Innenminister
Schäuble, der über eine atomare Bedrohung durch Terroristen
schwadroniert, haben ein gemeinsames Ziel: den Einsatz der Bundeswehr
im Inneren zu ermöglichen.
Wir stellen uns dem entgegen. Die Bundeswehr hat in diesem Land keine
Polizeiaufgaben. Das soll auch so bleiben. (Beifall) Und wir wollen
nicht zulassen, dass dieser Staat in einen Überwachungsstaat verwandelt
wird. Auch das gehört dazu. (Anhaltender Beifall)
Und das ist unsere Position auch dort, wo es um die Verteidigung der
Pressefreiheit und die Sicherung der Medienfreiheit geht. Deshalb haben
wir unsere ver.di-Kolleginnen und -Kollegen von der Deutschen
Journalisten-Union unterstützt, als sie gegen die staatsanwaltlichen
Ermittlungen gegen 17 Journalisten wegen Geheimnisverrats
protestierten. Und deshalb haben wir auch die jüngste Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts zur Rundfunkfinanzierung begrüßt. Sie stärkt
das Grundrecht der Rundfunkfreiheit und die Rolle der
öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. (Beifall)
Abschließend: Die Verteidigung von Freiheitsrechten und die
Verteidigung von sozialer Gerechtigkeit sind für uns keine Gegensätze,
sondern gehören unauflöslich zusammen. Der Kampf um soziale
Gerechtigkeit dient der Freiheit, insbesondere der sozial
Benachteiligten. Er erst vermag die freie Entfaltung der Persönlichkeit
zu einer einlösbaren Möglichkeit für alle zu machen.
Kolleginnen und Kollegen, das Streben nach sozialer Gerechtigkeit und
das Eintreten für die Würde des Menschen in einer freiheitlichen
Gesellschaft sind die zentralen Antriebskräfte unseres
gewerkschaftlichen Handelns. Gewerkschaften stehen wie keine andere
Organisation dafür, dass der Artikel 1 unseres Grundgesetzes, „Die
Würde des Menschen ist unantastbar“, in der Arbeitswelt verwirklicht
wird. Wir wissen um die Notwendigkeit und den Erfolg von Solidarität.
Dafür haben wir vor sechseinhalb Jahren ver.di gegründet. Und dafür
haben wir ver.di in den zurückliegenden Jahren zu einer
handlungsfähigen Kraft zusammengefügt.
Diesen Kurs wollen wir fortsetzen. Selbstbewusst und miteinander. - Ich
bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit. (Lang anhaltender starker Beifall
- die Delegierten erheben sich von ihren Plätzen.)
Ich danke Euch sehr, Kolleginnen und Kollegen. Aber es ist ein Beifall
für Euch alle, für uns. Das haben wir gemeinsam gemacht. Und das wollen
wir gemeinsam weiter vorantreiben. Miteinander, Kolleginnen und
Kollegen. Seid gedankt. (Beifall)