Margrit Wendt, Vorsitzende des Gewerkschaftsrates
Liebe Kolleginnen und Kollegen, als ich vor vier Jahren zusammen mit
Frank den ersten ver.di-Bundeskongress eröffnet habe, sprachen wir von
dem ver.di-Baum, von seinen Wurzeln, seinen Verästelungen und seinem
Wachstum. Vier Jahre sind vergangen, und ver.di steht fest verwurzelt
und kraftvoll für die Arbeitnehmerrechte in diesem Land. ver.di hat
zahlreichen Stürmen widerstanden und seinen Mitgliedern stets und immer
Schutz, Halt und Orientierung geboten.
Was in den letzten vier Jahren geschah, sollen unsere Geschäftsberichte
aufzeigen. Sie sollen vor allem darauf hinweisen, welche Spuren wir
gelegt haben, aber auch welche Wege noch vor uns liegen, um unsere
gemeinsamen Ziele zu erreichen. Nicht die Leistung des oder der
Einzelnen ist darzustellen, sondern das gemeinsame Ringen um Lösungen,
Entscheidungen, Hindernisbewältigung und Erfolge.
Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, nicht alle, die mit uns
gestritten, gekämpft, gelacht und gesiegt haben, können heute noch an
unserer Seite sein. Deshalb bitte ich Euch, Euch von Euren Plätzen zu
erheben. (Die Delegierten erheben sich von ihren Plätzen)
Stellvertretend für sie alle möchte ich Heinz Kluncker nennen, der am
21. April 2005 nach langer, schwerer Krankheit kurz nach seinem 80.
Geburtstag verstorben ist. Mit Heinz haben ver.di, die deutsche und die
internationale Gewerkschaftsbewegung eine Persönlichkeit verloren, die
unser Streben nach mehr Gerechtigkeit wie kaum eine andere verkörperte.
Mit seiner erfolgreichen Arbeit als Vorsitzender der Gewerkschaft ÖTV
von 1964 bis 1982 hat Heinz weit über seine Amtszeit hinaus Maßstäbe
gesetzt. Er war eine feste politische Größe in der Bundesrepublik
Deutschland, ob als Wegbereiter der Aussöhnung mit dem Osten, als
Tarifpolitiker oder als Reformer des Sozialstaates. Seine
Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit hat er immer in den
Dienst der Interessen seiner Kolleginnen und Kollegen gestellt. Für uns
ist sein Tod ein großer Verlust.
Erinnern wir uns stellvertretend an Ursula Konitzer. Am 2. April 2004
ist die ehemalige stellvertretende Vorsitzende der DAG nach langer,
schwerer Krankheit verstorben. Ursula war bei der DAG zuständig für die
Wirtschaftspolitik. Ihre Arbeit war geprägt von hohem Sachverstand, von
Engagement und großer sozialer Kompetenz. Nach ihrem Ausscheiden aus
dem DAG-Bundesvorstand wurde Ursula Mitglied des Kuratoriums der
Ruhegehaltskasse. Neben ihrem fachlichen Ansehen genoss Ursula wegen
ihrer Fairness und ihrer Geradlinigkeit ein hohes Ansehen und hohe
Wertschätzung weit über ihre gewerkschaftliche Tätigkeit hinaus. Mit
ihr haben wir ein großes Vorbild verloren.
ver.di und die internationale Gewerkschaftsbewegung trauern um eine
bedeutende Persönlichkeit, einen großen Gewerkschafter: Kurt van
Haaren. Kurt war als langjähriger Vorsitzender der Deutschen
Postgewerkschaft einer der ver.di-Gründungsväter. Er war eine feste
Größe in der deutschen Wirtschaft und in der deutschen Politik. Er
stand maßgeblich für den sozialverträglichen Umbau der drei
Bundespost-Nachfolgeunternehmen Postbank, Post AG und Telekom. „Niemals
nachlassen“ war sein Leitmotiv. In diesem Sinne stellte er seine Arbeit
in den Dienst der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, national wie
international. Seine Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Beharrlichkeit
machen ihn unvergessen. Kurt starb am 14. Juli 2005 kurz vor seinem 67.
Geburtstag.
Erinnern wir uns stellvertretend für viele an Günter Volkmar. Am 22.
Februar 2006 verstarb der ehemalige Vorsitzende der HBV kurz vor seinem
83. Geburtstag nach langer, schwerer Krankheit. Sein außergewöhnliches
Engagement richtete sich vor allem gegen Sozialdumping, für ein
sozial-fortschrittliches Europa und für gewerkschaftliche Solidarität.
Seine Persönlichkeit zeichnete sich durch seinen Gestaltungswillen und
seine Umsetzungsstärke aus. Seine Arbeit lebte von seiner wachen und
lebendigen Phantasie, aus der er richtungsweisende Ideen schöpfte. Sein
Wirken war allgegenwärtig, und er prägte damit maßgeblich die HBV.
Günter Volkmar wird allen, die ihn kannten, in eindrucksvoller
Erinnerung bleiben.
Erinnern wir uns stellvertretend für viele an Manfred Bartsch. Manfred
war bis zu seinem plötzlichen unerwarteten Tod am 13. April dieses
Jahres Landesbezirks-Fachbereichsleiter Gesundheit, soziale Dienste,
Wohlfahrt und Kirchen in Sachsen-Anhalt und gehörte seit 2001 der
Landesbezirksleitung an. Er widmete sich seiner verantwortungsvollen
Tätigkeit mit viel Engagement und Elan. Er war für seine hohe Kompetenz
bekannt. Wir verlieren mit Manfred Bartsch einen Gewerkschafter, dessen
prägende Merkmale Beharrlichkeit und Nachhaltigkeit waren.
Und, liebe Kolleginnen und Kollegen, erinnern wir uns, stellvertretend
für viele, an Anton Reuer. Unser Kollege und langjähriger Sekretär des
ver.di-Gewerkschaftsrats hat am 4. August seinen Kampf gegen den Krebs
verloren. Alle, die Anton kannten und ihn hier bei seinem Einsatz für
seinen Gewerkschaftsrat, für ver.di erlebt haben, wissen: Anton war die
gemeinsame Sache stets wichtiger als die eigene Person. Er hat uns bis
zum Schluss mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Deshalb hinterlässt er
einen großen Auftrag: unseren Einsatz für die Menschen, für
Gerechtigkeit, für Respekt und Anerkennung, für ein menschenwürdiges
Leben für alle. Dankbar für die vielen Stunden, die wir mit ihm teilen
durften, lebt er für uns als der erste Sekretär des
ver.di-Gewerkschaftsrats in unseren Gedanken weiter.
Abschied nehmen tut weh, besonders wenn es für immer ist. Aber das
Votum unserer Verstorbenen ist uns Ansporn und Auftrag. Ich danke Euch,
dass Ihr Euch von Euren Plätzen erhoben habt. (Die Teilnehmer nehmen
wieder ihre Plätze ein)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ver.di lebt durch seine Ehrenamtlichen,
in jedem Ort und jedem Betrieb im Organisationsbereich, durch die
Arbeit der vielen Tausend Ehrenamtlichen, die sich neben ihrer
stressigen beruflichen Tätigkeit für ver.di einsetzen, die
Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Ihr Einsatz und
Engagement machen ver.di zur gelebten politischen Kraft in unserer
Gesellschaft. Denn die Geschichte der Arbeiterbewegung lehrt, dass
unsere Kraft umso stärker ist, je mehr Menschen sich ihr anschließen.
Diese Arbeit gilt es zu würdigen und anzuerkennen. Deswegen richte ich
bereits an dieser Stelle einen herzlichen Dank an alle, die ver.di in
der Vergangenheit und in der Zukunft stark machen. - Ihr könnt ruhig
einmal für Euch selber klatschen. (Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, deshalb freue ich mich, hier den
Geschäftsbericht des ver.di-Gewerkschaftsrats abzugeben. Das
Ehrenamtsprinzip in ver.di ist eine tragende Säule unseres
gewerkschaftlichen Selbstverständnisses. Das werdet nicht zuletzt Ihr,
liebe Delegierte, durch Eure Diskussionen und Entscheidungen während
dieses Kongresses belegen.
Aufgabe des Gewerkschaftsrats ist es, die Umsetzung der Beschlüsse zu
begleiten, sie voran zu treiben, manchmal ihre Nachhaltigkeit
einzufordern und selbstverständlich eigene Initiativen zur politischen
Gestaltung der ver.di auf den Weg zu bringen. Auftrag und Ziel unserer
gemeinsamen Arbeit ist es, über die politischen Inhalte zu den Menschen
zu kommen und mit ihnen identifiziert zu werden - hier auf dem Kongress
und in unserer täglichen Arbeit im Betrieb.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, „Gerechtigkeit, Würde und Solidarität“
ist das Motto dieses Kongresses. Um diese Werte ging es auch bei
unserer Arbeit im Gewerkschaftsrat in den vergangenen vier
Jahren.
Gerechtigkeit war für uns das Leitmotiv, um uns deutlich gegen den
sozialen Kahlschlag der Agenda 2010 zu positionieren und zu Protesten
aufzurufen. Wir machen uns seither besonders stark für verbesserte
Leistungen für Erwerbslose und fordern die Einführung einer
bedarfsorientierten Grundsicherung. (Beifall) Gerechtigkeit heißt für
uns, dass es keinen Absturz Erwerbsloser in Armut und keinen Zwang zur
Aufnahme untarifierter und nicht sozialversicherter Arbeit geben darf.
(Beifall)
Würde war für ver.di die zwingende Notwendigkeit, die erfolgreiche
Kampagne für die Einführung eines Mindestlohns zu beschließen, um damit
zu verhindern, dass Arbeit im Hochlohnland Deutschland arm macht - arm
und würdelos. Was in vielen europäischen Nachbarstaaten längst
umgesetzt wurde, kann bei uns doch nicht schlecht geredet werden.
ver.di fordert daher eine Stundenlohn in Höhe von mindestens 7,50 Euro,
der dann in den kommenden Jahren schrittweise auf 9 Euro angehoben
werden soll. (Starker Beifall) In der Mitte von Europa braucht dieses
Land den Mindestlohn, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesem
Land brauchen ihn. (Beifall)
Solidarität - ich sehe es hier gerade -: Die Rente mit 67 ist zutiefst
unsolidarisch. (Starker Beifall) Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit
löst keine Arbeitsmarktprobleme. Im Gegenteil: Sie ist ein verkapptes
Rentenkürzungsprogramm. Deshalb lehnen wir sie konsequent ab. Basta!
(Starker Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Gerechtigkeit, Würde und Solidarität
sind daher viel mehr als das Motto dieses Kongresses. Sie sind das
Motto für unsere tägliche Arbeit. So haben wir uns im Gewerkschaftsrat
auf viele zentrale gewerkschaftspolitische Grundpositionen gemeinsam
verständigt. Diese Leitlinien der ver.di-Politik sind in dem Euch
vorliegenden schriftlichen Geschäftsbericht beschrieben. Dieser wurde
erneut gemeinsam von Gewerkschaftsrat und Bundesvorstand entwickelt und
ausgearbeitet. Frank wird in seinen Erörterungen noch einige
herausragende gewerkschaftspolitische Initiativen aufgreifen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein Kongress muss Raum geben für einen
kritischen, ehrlichen Blick zurück, aber er muss vor allem Orientierung
für die Zukunft geben - nach innen wie nach außen. Dabei dürfen wir nie
unseren Auftrag aus den Augen verlieren, den uns unsere Mitglieder
mitgegeben haben: eine bestmögliche Vertretung ihrer Interessen, den
Schutz einer starken solidarischen Gemeinschaft und die Bereitschaft zu
einem ehrlichen konstruktiv-kritischen Austausch.
In den vier Jahren haben wir gemeinsam viel geschafft: ver.di ist
lebendig, streitbar, stark, durchsetzungsfähig und gesund. In weiten
Teilen leben wir eine gemeinsame Kultur, ohne aber dabei unsere Wurzeln
zu vergessen. Wir sind zusammengewachsen und lösen uns von den
Übergangsregelungen. Die Mitgliederorientierung und Mitgliedergewinnung
sind Richtschnur unseres Handelns - jetzt und in Zukunft.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Mitgliederorientierung und
Mitgliedergewinnung waren Schwerpunkte der strategischen Ausrichtung
des Gewerkschaftsrats. Uns allen aber war dabei klar: Mitglieder können
nicht durch Beschlüsse gewonnen werden. Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer müssen an ihrem Arbeitsplatz, in den Betrieben und in den
Dienststellen gezielt angesprochen und überzeugt werden, bei uns
mitzumachen.
So war der Gewerkschaftsrat hier vor allem Impulsgeber bei der Suche
nach einem erfolgversprechenden Weg. Erfahrungen aus
Mitgliederprojekten und praktizierter Mitgliederwerbung wurden von den
Mitgliedern des Gewerkschaftsrats zusammengetragen. Es wurden
politische Anforderungen an den Bundesvorstand erarbeitet, die
richtungsweisend für das weitere Vorgehen sind.
Mit dem Aufbau der Abteilung Mitgliederwerbung in der
ver.di-Bundesver-waltung und der bundesweiten Vernetzung der Schulung
von Werberinnen und Werbern sind Grundsteine gelegt, um zukünftig
Mitgliederwerbung, Mitgliedergewinnung, aber auch das Halten von schon
bestehenden Mitgliedschaften zu systematisieren und erfolgreich nach
vorn zu treiben.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, zwischen den Kongressen habt Ihr dem
Gewerkschaftsrat den Auftrag gegeben, Beschlüsse umzusetzen,
Impulsgeber und Kontrolleur zu sein. Gewerkschaftsrat, Präsidium,
Haushalts- und Finanzausschuss und der Personalausschuss sowie zeitlich
begrenzt eingerichtete Arbeitsgruppen haben nicht alles erreicht, was
uns der letzte Bundeskongress mitgegeben hat oder was wir uns selber
vorgenommen haben. Aber ich denke, die Bilanz unserer Arbeit kann sich
sehen lassen. Viele Entscheidungen waren Kompromisse, viele
Entscheidungen haben schmerzhafte Prozesse ausgelöst. Aber wir können
gemeinsam stolz darauf sein, dass wir trotzdem nicht nachgelassen
haben. So bin ich mir ganz sicher, dass wir auch noch Ziele erreichen,
wo wir heute erst Teilerfolge verzeichnen können.
Ein an vielen Stellen schmerzhafter Prozess, aber letztendlich von
allen konsequent verfolgt, war der Satzungsauftrag, die Frauenquote bis
zu den Organisationswahlen 2006/2007 umzusetzen. Dabei blieb es nicht
aus, dass motiviert, informiert und aufgeklärt werden musste, dass
rechtliche Unklarheiten durch ein vom Bundesvorstand beauftragtes
Gutachten beseitigt werden mussten, dass Wahlverfahren neu gestaltet
werden mussten und dass Regelungen gefunden werden mussten, um mit den
Betroffenen wertschätzend umzugehen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Ihr alle habt dazu beigetragen, dass
ver.di heute beispielgebend für unsere Mitglieder, für die
Öffentlichkeit und für andere Organisationen ist, dass
Gleichberechtigung bei uns gelebt wird. Darin dürfen und werden wir
nicht nachlassen. (Beifall)
Heute setzen sich alle - bis auf eine - Landesbezirksleitungen aus
einem Kollegen und zwei Kolleginnen zusammen. In den
Bezirksgeschäftsführungen ist der Frauenanteil gestiegen, und in allen
ehrenamtlichen Gremien wurde der Satzungsauftrag umgesetzt.
Mit großer Bereitschaft auf allen Seiten wurde für die Kolleginnen und
Kollegen, die diesen Prozess mitgestaltet haben, indem sie nicht wieder
kandidiert haben, eine einvernehmliche Lösung gefunden. Das war wichtig
und zukunftsweisend. Hiermit konnten die Kompetenz und die Erfahrung
der Betroffenen für die Organisation, für unsere Mitglieder, gesichert
werden.
ver.di hat sich seit ihrer Gründung klar dazu bekannt,
gesellschaftliche Veränderungen durch eine gleichberechtigte Teilhabe
von Frauen und Männern zu erreichen. Wir haben den Weg konsequent
beschritten und werden nicht nachlassen. Dazu gehört auch die Erhöhung
des Frauenanteils in Leitungsfunktionen als wesentlicher Akzent im
Bereich der Hauptamtlichen. Auch hier können wir natürlich
Verbesserungen erreichen. Hier sind vor allen Dingen die Anstrengungen
im Bereich des ver.di-Mentoringprogramms fortzusetzen. Das ist dringend
erforderlich. Ich weiß, dass wir das gemeinsam schaffen und tun werden.
(Beifall)
Als einen weiteren wichtigen Weg, um demokratischere Verhältnisse
zwischen Frauen und Männern in ver.di herzustellen und um
mitgliedernahe Gewerkschaftsarbeit zu betreiben, betrachten wir den
Satzungsauftrag, die Strategie des Gender Mainstreaming anzuwenden.
ver.di vollzieht den Perspektivwechsel „durch Berücksichtigung der
Kategorie Geschlecht bei der Lösung aller wirtschaftlichen, politischen
und sozialen Fragen“. Das war unser Beschluss des Kongresses in 2003.
Inzwischen hat ver.di in der Öffentlichkeit eine hohe Reputation in
Sachen Geschlechterpolitik erreicht. Die Verankerung von Gender
Mainstreaming in den Köpfen und dem praktischen Arbeitshandeln der
Kolleginnen und Kollegen in ver.di - und damit in den Betrieben und
Verwaltungen - muss jedoch verstärkt und nachhaltiger gestaltet
werden.
Nun will ich nicht behaupten, dass das „mal so eben nebenbei“ geht.
Aber ähnlich wie bei den Fragen nach der Umweltverträglichkeit können
wir diese Frage nach der differenzierten Ansprache der vielfältigen
Interessen unserer Mitglieder quasi als eine Folie über unser Tun
legen. Dann müsste es mit einiger Übung eine selbstverständliche
Aufgabe für uns alle werden. Zeit zum Üben hatten wir ja schon; jetzt
setzen wir es weiter um.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, nicht einfach und auch noch nicht
beendet ist die Umsetzung der Kongressbeschlüsse des 1. Ordentlichen
Bundeskongresses zur Verkleinerung des Bundesvorstands - der sogenannte
A1 - und zur Strukturreform in ver.di, der sogenannte A5. Obwohl es
erklärtes Ziel aller war, zeigten sich in der Praxis Widerstände,
Satzungsschranken und Ängste vor Identitätsverlusten. Um die Fusionen
der Fachbereiche umzusetzen, hat der Gewerkschaftsrat auf die
Freiwilligkeit der Fachbereiche gesetzt; denn es entspricht unserem
Selbstverständnis, dass wir gemeinsam an Veränderungen arbeiten, sie
gemeinsam entwickeln.
Es gab eine große Bereitschaft zu Kooperationen, jedoch zum jetzigen
Zeitpunkt keine Fusionen. Sechs Fachbereiche kooperieren inzwischen
miteinander. Sie haben sich auf einen gemeinsamen Vorschlag für ein
Bundesvorstandsmitglied verständigt. Dafür sagen wir allen ausdrücklich
Danke. (Beifall)
Auch bei der Arbeitsverteilung im Bundesvorstand, mehr
Fachbereichsaufgaben mit Querschnittstätigkeiten zu verknüpfen, sind
wir weitergekommen. Dieser Weg muss weiter beschritten werden,
satzungskonform und zukunftsorientiert. Wir werden sicher Gelegenheit
haben, bei den Satzungsanträgen darüber zu diskutieren.
Nur wer sich ändert, bleibt sich langfristig selbst treu. Deshalb
können wir feststellen, dass der Umsetzungsgrad des Kongressbeschlusses
A5, der Strukturreform in ver.di, nach intensiver Arbeit der
Strukturkommission als sehr hoch eingestuft werden kann. Nach wie vor
besteht aber Verbesserungs- und Umsetzungsbedarf in der Aufbau- und
Ablauforganisation von ver.di. Der Gewerkschaftsrat hat auf Vorschlag
der Strukturkommission eine Reihe von weichenstellenden Satzungs- und
Richtlinienänderungen auf den Weg gebracht. Die Weiterentwicklung der
komplexen Organisationsstruktur hat aber ein für ver.di wichtiges
Ergebnis hervorgebracht: Das Zusammenspiel von Ebenen und Fachbereichen
in der sogenannten Matrix hat sich trotz aller Abstimmungsprobleme und
aufgrund des Reformwillens von allen grundsätzlich bewährt. Darauf
können wir stolz sein. (Beifall)
Vor allem ist aber an dieser Stelle einmal Gelegenheit, allen
Mitgliedern der Strukturkommission für ihre intensive Arbeit ganz
herzlich zu danken. (Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, mit der Neufassung der
Budgetierungsrichtlinie durch den Gewerkschaftsrat und unter
maßgeblicher Beteiligung und Vorbereitung durch den Haushalts- und
Finanzausschuss wurde ein Auftrag des 1. Ordentlichen Bundeskongresses
umgesetzt und damit mehr Verteilungsgerechtigkeit in unserer
Organisation erreicht. Immer mehr gelingt es, Unterschiedliches auf den
gemeinsamen ver.di-Weg zu bringen.
Ein ganz wesentlicher Schritt ist jetzt mit dem Abschluss von
Allgemeinen Arbeitsbedingungen und einem neuen Vergütungssystem für
alle ver.di-Beschäftigten gelungen. Herzlichen Glückwunsch. Darauf
können wir aufbauen, und es wird dem Gewerkschaftsrat jetzt auch
gelingen, einheitliche Bedingungen für alle Wahlangestellten zu
schaffen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ein Auftrag aus der Satzung war auch
die Umsetzung der Start-Ziel-Modelle einiger Landesbezirke und Bezirke
gemäß der Übergangsbestimmungen. Das hat uns in dieser Amtszeit
intensiv beschäftigt.
Die erfolgreiche Zusammenführung der Landesbezirke Sachsen,
Sachsen-Anhalt, Thüringen war ein Meilenstein in der
Organisationsentwicklung. Der Gewerkschaftsrat hat in seinen
Beschlüssen diese Entwicklung unterstützt, die mit breiter Mehrheit in
den fusionierenden Landesbezirken getragen wurden. Liebe Kolleginnen
und Kollegen, ich finde, Ihr habt das prima gemacht, und ganz, wie
diese Organisation es braucht und will. Vielen Dank. (Leichter
Beifall)
Unsere Anerkennung gilt auch den Landesbezirken Nordrhein-Westfalen,
Bayern und Berlin-Brandenburg, die ihre Satzungsvorgaben für die
Verkleinerung ihrer Bezirksstrukturen umgesetzt haben. (Leichter
Beifall)
Der Landesbezirk Niedersachsen-Bremen hat dies ebenfalls aus freien
Stücken mit Bravour umgesetzt. Das ist toll und uneingeschränkt zu
begrüßen. (Leichter Beifall)
Die Landesbezirke Hamburg und Nord sowie Rheinland-Pfalz und Saar haben
sich als Alternative zum Zusammenschluss zu einer engen Kooperation
entschlossen. Alle vier Landesbezirke haben ihre getroffenen Absprachen
in ihren Landesbezirksvorständen mit großer Mehrheit beschlossen und
dann dem Gewerkschaftsrat präsentiert. Nach intensiven Beratungen ist
der Gewerkschaftsrat dem Vorhaben gefolgt. Dazu wurden
Rahmenbedingungen verabredet, die gemeinsam überprüft werden auf die
Zukunftsfähigkeit dieser durchaus sehr ehrgeizigen Kooperationsmodelle,
und gegebenenfalls wird nachgesteuert. Auch dort ist ein guter,
gemeinsamer Weg gefunden worden. Herzlichen Dank. (Leichter
Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Neufassung der
Rechtsschutzrichtlinie kann mit Fug und Recht als gelungen bezeichnet
werden. Durch eine vorgeschobene Projektphase mit ehrenamtlicher
Beteiligung haben sich alle Verantwortlichen über dieses Reformvorhaben
verständigt. Damit konnten nach den bisherigen Erkenntnissen die
Negativ-Erfahrungen, die wir auf dem letzten Kongress diskutiert haben,
deutlich reduziert werden. Wir haben jetzt eine positive Entwicklung.
Deshalb an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die
Projektgruppe, die das gemeinsam so toll gestaltet hat. Damit können
wir bei den Mitgliedern werben. (Leichter Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, erklärtes Ziel aller war es, 2007 einen
ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Deshalb stand die Umsetzung und
Überwachung der Haushalts- und Personalkostenkonsolidierung auf der
Tagesordnung jeder Gewerkschaftsratssitzung. Alle Sach- und
Personalkosten standen auf dem Prüfstand. Durch die konsequente
Verfolgung und Aufbereitung aller Themen durch die zuständigen
Ausschüsse für Haushalt und Personal konnte der Gewerkschaftsrat alle
notwendigen Beschlüsse fassen.
Es wurden Lösungsansätze für die Probleme der Landesbezirke mit
Personalüberhang, aber auch für die Landesbezirke mit Personalbedarf
gefunden, um die Mobilitätsbereitschaft der Beschäftigten zu erhöhen.
Eine deutliche Verbesserung der Planungssicherheit aller
Personaleinheiten wurde durch die Beschlüsse des Gewerkschaftsrats zur
Umwandlung von Sach- in Personalkosten, zu langfristigen
Sollstellenplänen und deren Überprüfung, zur Rücklagenbildung für nicht
ausgeschöpfte Personalmittel sowie zur Festlegung und zum Controlling
der Personalverrechnungssätze geschaffen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Ziel ist erreicht. Allen, die dazu
beigetragen haben, gilt unser Dank. Vor allem aber den Beschäftigten
von ver.di, die das im großen Umfang mitgetragen haben. (Beifall)
Wir dürfen jedoch nicht nachlassen im sparsamen Wirtschaften mit den
Ressourcen unserer Organisation. Hierzu wird Gerd Herzberg in seinen
mündlichen Ausführungen sicher näher eingehen.
Dazu beigetragen hat aber auch die intensive Arbeit einer Gruppe aus
Ehren- und Hauptamtlichen, die sich um die technische Zukunftsfähigkeit
unserer Organisation gekümmert hat. Durch sinnvolle
Teilzentralisierungen konnten Einsparungen in Millionenhöhe umgesetzt
werden.
Im Gleichklang mit unseren Zukunftsprojekten „Digitale ver.di“ und
Aufbau eines Kommunikationsmanagements hat sich die Arbeitsgruppe
Kommunikation des Gewerkschaftsrats mit der Konzeption des Inter- und
Intranet-Auftritts des Gewerkschaftsrats beschäftigt. Es steht jetzt
zum Austausch von wichtigen Informationen und als elektronisches Archiv
zur Verfügung. Alle Funktionsträgerinnen und -träger werden künftig
einen Zugang zum ver.di-Intranet bekommen. Damit, liebe Kolleginnen und
Kollegen, wird die Arbeit unserer Gremien aktueller und transparenter.
(Leichter Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, vier Jahre intensiver Arbeit lassen
sich nicht in wenigen Worten darstellen. Deshalb hier nur ein paar
Schlagworte. Sozusagen im Trend lagen wir bei der Beschlussfassung und
Überwachung der Reorganisation der ver.di-Bundesverwaltung und
ausgewählter Landesbezirke. Hier konnten Doppelstrukturen aufgedeckt
und behoben werden. Führungsstrukturen wurden in den Ebenenressorts 1,
3 und 6 neu sortiert und entlang der gestiegenen Anforderungen
weiterentwickelt. Es konnte dadurch Geld gespart und Effizienz gewonnen
werden.
Auch zur Sicherung der personellen Zukunft der Organisation haben
Personalausschuss und Personalressort sich auf Eckpunkte zur Verjüngung
der Beschäftigtenstruktur und ihrer Finanzierung verständigt.
Jugendsekretärinnen und -sekretäre wurden eingestellt und
Verwaltungsangestellte zu Gewerkschaftssekretärinnen und -sekretären
qualifiziert.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Arbeitsalltag des Gewerkschaftsrats
gilt es noch, einige Themen weiter zu verfolgen und zu verbessern. Wir
müssen ein Beschlusscontrolling aufbauen zur nachvollziehbaren und
transparenten Umsetzung der Beschlüsse des Gewerkschaftsrats und seiner
Ausschüsse. Die Information zu allen ehrenamtlichen Führungsorganen
muss verbessert und im ver.di-Intranet dargestellt werden. Die Arbeit
der Ehrenamtlichen auf allen Ebenen und allen Bereichen von ver.di muss
auch in der Außendarstellung mehr ihren Widerhall finden.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin mir sicher, dass sich der neue
Gewerkschaftsrat dieser Themen annehmen wird. Ziel der gesamten
Organisation sollte weiterhin die Stärkung der Ehrenamtlichkeit sein,
ohne daraus eine Konkurrenzsituation zu den Hauptamtlichen abzuleiten.
Es geht hier vielmehr um ein vernünftiges Miteinander, das von beiden
Seiten aktiv ge-staltet werden muss, denn unsere Mitglieder stellen ein
unerschöpfliches Reservoir an Erfahrungen zur Verfügung. Sie haben
Einblick in die Vorgänge vor Ort. Sie sind in den Betrieben tagtäglich
präsent. Dies gilt es zu nutzen und positiv zu begleiten. Dazu gehört
zwangsläufig eine breite Beteiligung der ehrenamtlichen Gremien an den
Entscheidungen unserer Organisation auf allen Ebenen und in allen
Bereichen. Das trägt zur Motivation der Mitglieder bei, führt zur
Entlastung der Hauptamtlichen und sichert uns allen den wichtigen
Kontakt zur Basis. Dazu gehört aber auch, dass wir uns darauf
verständigen, uns frühzeitig miteinander in Kontakt zu setzen und
auszutauschen, damit gar nicht erst das Gefühl aufkommen kann, dass wir
etwa Aufgaben- und Kompetenzschwierigkeiten hätten. Wir werden darüber
sicherlich auch noch bei der Antragsberatung diskutieren.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst uns diesen 2. Ordentlichen
ver.di-Bundeskongress nutzen, durch unsere Beschlüsse und Diskussionen
unsere politischen Inhalte nach vorne zu bringen, unsere Organisation
noch attraktiver für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in diesem Land
zu machen und Gerechtigkeit bei allen Themen in Politik und
Gesellschaft einzufordern, ein für alle Menschen würdevolles Leben im
sozialen und wirtschaftlichen Rahmen anzustreben und Solidarität dort
auszuüben, wo andere unseren Schutz und unsere Hilfe brauchen.
(Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, und jetzt ein ganz persönliches Wort.
Mit diesem Kongress höre ich auf, in ver.di Funktionen zu übernehmen.
(Unruhe) Es werden tolle Kolleginnen und Kollegen folgen, die die
Arbeit ganz genauso toll machen. Ich möchte Euch nur sagen, es hat mir
wahnsinnig viel Spaß gemacht, ver.di mitzugestalten, ver.di groß werden
zu sehen, ver.di stark werden zu sehen. Ich weiß, wir haben so viele
tolle ehrenamtliche Kolleginnen und Kollegen, dass ich mir sicher bin:
Ihr werdet nicht einen Zentimeter zurückweichen, sondern für unsere
gemeinsamen Interessen weiter nach vorne gehen. Dafür wünsche ich Euch
Kraft und viel Erfolg. Ich bedanke mich dafür, dass ich mit Euch
zusammenarbeiten durfte. - Schönen Dank. (Starker, lang anhaltender
Beifall - die Delegierten erheben sich von ihren Plätzen)