Franz Müntefering, Vizekanzler, Bundesarbeits- und
-sozialminister
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bedanke mich zuerst dafür
herzlich, dass ich jetzt auftreten kann und nicht eben dabei sein
musste. (Heiterkeit - Beifall)
Ich begrüße Euch alle ganz herzlich lieber Frank Bsirske, liebe Maggi
Wendt, lieber Michael Sommer, lieber Ernst Breit, den
Oberbürgermeister, lieber Burkhard Jung, liebe Kolleginnen und Kollegen
von allen Gewerkschaften, lieber Herr Heesen, liebe Kolleginnen und
Kollegen.
Ich bedanke mich für die Möglichkeit, hier zu sein, ein Grußwort zu
sprechen, dies zu tun für die Bundesregierung - den Gruß bringe ich
Euch hiermit - und ein paar Anmerkungen zu machen zu den Themen, die
uns gemeinsam interessieren, zu den Aufgaben, vor denen wir miteinander
stehen.
Das wichtigste Thema sicher auch auf diesem Kongress, lieber Frank,
wird das Thema Arbeit sein, und zwar die Frage: Wie können wir mehr
Arbeit schaffen für die Menschen? Alles andere ist auch wichtig. Dazu
werde ich auch ein paar Anmerkungen machen.
Aber beginnen tut es mit der Frage: Was können wir tun gegen
Arbeitslosigkeit? Manche im Land, manche in der Welt überhaupt sagen,
Vollbe-schäftigung wird es nicht mehr geben. Das ist falsch! Wir, die
Sozialdemokraten, die Christdemokraten, die Christsozialen aus der
Bundesregierung, die Gewerkschaften müssen miteinander streiten und
dafür kämpfen, dass alle Menschen in diesem Land Arbeit haben. Das ist
unser Ziel, für das wir unverdrossen streiten. Wir haben in diesen
beiden Jahren unserer Regierung einiges erreicht. Darauf sind wir
stolz. Den Weg wollen wir auch weitergehen. Wir haben seit zwei Jahren
etwa eine Million Arbeitslose weniger, seit dem letzten Jahr 694.000,
200.000 Ältere über 50 weniger sind arbeitslos als vor zwei Jahren. Das
ist noch nicht das Ziel, das wir uns gestellt haben in dieser
Regierung, aber das ist etwas, auf das wir miteinander stolz sein
können. Eine Million Menschen mehr haben Arbeit als vor zwei Jahren,
Kolleginnen und Kollegen. Das ist ein stolzes Ergebnis, an dem auch
Politik ihren Anteil hat. (Beifall)
Diesen Weg wollen wir weitergehen, indem wir als Bundesregierung dazu
beitragen, dass die Unternehmen in Deutschland wettbewerbsfähig sind,
aber auch dadurch, dass wir öffentliche Investitionen und private
Investitionen anreizen und ihnen eine Chance geben. Wir haben das
25-Milliarden-Programm der Bundesregierung geschaffen, damit am
Binnenmarkt mehr Konjunktur entsteht, damit es mehr Arbeitsplätze gibt.
Das ist uns gelungen.
Wir haben im Bereich der energetischen Gebäudesanierung, der
Restaurierung überhaupt in der Arbeit an den Häusern, an den Gebäuden
gute Entwicklungen, beim Handwerk neue Arbeitsplätze geschaffen. Im
Jahr 2004 war beim Wachstum der Binnenmarkt mit 0,0 Prozent dabei. Im
vergangenen Jahr war der Binnenmarkt mit 1,6 Prozent dabei. Das heißt,
wir haben am Binnenmarkt Dinge in Bewegung gesetzt. Darauf sind wir
stolz. Diesen Weg wollen wir auch weitergehen.
Die Frage ist, liebe Kolleginnen und Kollegen: Gibt es eigentlich mehr
Arbeit, als wir heute in Deutschland haben, und was können wir tun,
damit dies auch realisiert wird, damit diese Arbeit auch aktiviert und
umgesetzt werden kann? Ich sage: Ja, es gibt mehr Arbeit. Das hat etwas
zu tun mit einer Gesellschaft, die demografisch so ist wie diese
Gesellschaft ist. Sie wird mehr soziale Netzwerke brauchen. Sie wird
mehr Haushalte haben, die als Auftraggeber Menschen brauchen, mit denen
sie zusammenarbeiten im Dienstleistungsbereich. Dies wird eine
Gesellschaft sein, die viel Arbeit geben kann von der, die es heute
noch nicht gibt.
Deshalb vorweg und ganz klar: Wir wollen in dieser Regierung dazu
beitragen, dass es mehr Arbeit gibt. Deshalb die Vereinbarung in der
Bundesregierung von Anfang an: Wir machen keinen totalen Sparkurs,
sondern wir nehmen zwei Drittel dessen, was wir mehr einnehmen, zum
Abbau der Neuverschuldung, und wir nehmen ein Drittel für Investitionen
in die Gegenwart und in die Zukunft. Das ist eine gute Relation. Der
Finanzminister hat einen hohen Anteil daran, dass wir diesen Weg
vernünftig gehen konnten. Wir werden ihn auch weitergehen, investieren
in Arbeit, in Vollbeschäftigung.
Zu der Frage der Arbeit gehört auch, wie die Unternehmerschaft, wie das
Kapital sich aufstellen. Wir sehen mit großer Sorge, dass die
internationale Finanzindustrie zu einem Problem, zu einer großen Gefahr
für die Wirt-schaft geworden ist. Kein unternehmerisches Denken steckt
dahinter, das sich noch Sorge macht um die Beschäftigten, das auch
stolz darauf ist, wenn eine Stadt oder ein Land stolz auf ein
Unternehmen sind. Da geht es auch nicht um die Frage der Produkte, ob
wir preiswert sind, ob wir sie in die Welt liefern können, sondern da
geht es einzig und allein um die Frage der Kapitalrendite. Wie man also
sehr schnell in wenigen Monaten 20, 25, 30 Prozent Kapitalrendite
erzielen kann.
Wir haben uns in der Bundesregierung vorgenommen, was wir tun können
beizutragen, damit hier Transparenz entsteht, damit die anständigen
Unternehmer eine Chance haben zu bestehen an diesem Markt. Damit
diejenigen, die mit finanzindustriellen Interessen in Deutschland und
in Europa unterwegs sind, gestoppt werden.
All denen, die uns sagen, dagegen könne man nichts machen, Geld regiere
die Welt, sage ich: Nein, das kann nicht sein. Damit finden wir uns
nicht ab. Wir wollen nicht, dass Geld die Welt regiert, wir wollen,
dass es den politischen Primat gibt, der darüber entscheidet, dass in
Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt soziale Gesichtspunkte
den Arbeitsmarkt bestimmen. Dafür wollen wir auch in dieser
Bundesregierung streiten. (Beifall)
Bei all dem, was es auch an Diskussionen bei uns gibt und wo wir
unterschiedlicher Meinung sind - einige demonstrieren das ja hier auch;
das ist in Ordnung -, müssen wir darauf achten, dass diejenigen, die
die politische Verantwortung haben, die in den Gewerkschaften
Verantwortung haben, die in den Arbeitgeberverbänden Verantwortung
haben, an dieser Stelle, was die internationale Finanzindustrie angeht,
den richtigen Weg finden. Das ist nicht nur eine Gefahr für Unternehmen
in Deutschland, sondern das ist auch eine Gefahr für die
Demokratie.
Wenn die Menschen registrieren, dass irgendwo anonym von irgendwoher
entschieden wird, 3.000, 5.000, 10.000 Arbeitsplätze weg, dann sagen
die Menschen mit Recht: Macht was dagegen. Da kann kein Politiker, kein
Gewerkschafter, kein Arbeitgebervertreter sagen, dagegen könne man
nichts machen. Wir müssen Wege finden, in einer so sehr globalisierten
Welt die sozialen Interessen der Menschen zu festigen. Und wir müssen
an alte Traditionen der Internationalität, des Internationalismus aller
Arbeiter anknüpfen, die sozial denken; all das muss auch in dieser Welt
seine Wirkung haben. Lasst uns da zusammenstehen. Das ist die größte
Herausforderung, vor der wir miteinander stehen, liebe Kolleginnen und
Kollegen. (Beifall)
Arbeit zu haben ist gut, aber es muss gute Arbeit sein. Insoweit ist in
die-sem Land vieles aufzuholen. Das erste Thema zur guten Arbeit ist
bereits angesprochen worden; das ist der Mindestlohn, fairer Lohn für
die Menschen, die arbeiten. Das ist kein sozialer Tick, das muss man
denen sagen, die sagen, das sei irgendeine Romantik. Nein, es ist
ordnungspolitisch völlig korrekt, das wir sagen, derjenige, der
arbeitet, muss davon auch leben können. Es kann nicht sein, dass die
Menschen, die arbeiten, anschließend zum Arbeitsminister kommen und
sagen: Gebt mir den Rest des Lohnes dazu, weil mir mein Arbeitgeber den
Lohn so gekürzt hat, wie er es getan hat. Das ist nicht normal. Deshalb
müssen wir versuchen, Mindestlöhne zu schaffen, die dieses für die
Zukunft in Deutschland ausschließen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Das wirkt in doppelter Weise. Das ist entwürdigend für die Menschen,
aber es zerstört auch die Wettbewerbsfähigkeit zwischen den
Unternehmen. Es sind doch nicht nur die Gewerkschaften, die zu mir
kommen, sondern auch die Arbeitgebervertreter. Sie sagen: Nehmt uns in
den Mindestlohn, nehmt uns in das Arbeitnehmerentsendegesetz. Das sind
auch die Leiharbeiter, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, das sind auch die
Wachdienste, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und andere auch; die alle
möchten da hinein. Ich sage Euch, liebe Kolleginnen und Kollegen, bei
normalem Verlauf der Dinge wird das im Jahr 2008 alles möglich sein.
Wir haben jetzt die Sache mit der Post und im nächsten Jahr geht es
würdig und energisch weiter; darauf könnt Ihr Euch verlassen.
(Beifall)
Wir haben uns in der Koalition nicht verständigen können auf einen
flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Aber wir haben uns darauf
ver-ständigen können, dass wir mit einer Novelle zum
Arbeitnehmerentsendegesetz mehr Branchen eine Chance geben, einen
Mindestlohn zu vereinbaren, und zwar einen Mindestlohn, den
Arbeitnehmer und Arbeitgeber vereinbaren, den ver.di zusammen mit dem
Arbeitgeberverband Postdienste vereinbart hat. Daran habe ich nicht
herumgefummelt und keiner in der Politik. Deshalb bitte ich alle in der
Politik: Lasst die Finger davon. Das ist Sache der Tarifparteien, das
haben die doch alle gefordert, lasst die doch machen. Ich will das nur
in eine Verordnung gießen und dafür sorgen, dass das dann
allgemeinverbindlich ist. Das ist die Linie, die wir wollen. (Starker
Beifall)
Das ist auch wichtig für die Unternehmer. Wenn der ehrliche
Unternehmer, der einen ordentlichen Lohn zahlt, der Dumme ist, dann
muss man sich nicht wundern, wenn im unteren Lohnbereich einiges
durcheinander kommt. Wir haben in den vergangenen Jahren viel
dazugelernt. Ich kann mich an die Zeit vor vier, fünf oder sechs Jahren
erinnern. Natürlich werdet Ihr aus der Zeit von damals Reden von mir
finden können, in denen ich gegen Mindestlohn war. Einige der hier
Anwesenden in der ersten Reihe waren das damals auch. Der Erste, der
mich darauf angesprochen hat, war Franz-Josef Möllenberg. Der sagte,
bei ihm funktioniere das nicht mehr. Vielleicht, hat er gesagt,
funktioniert das ja bei Deiner Gewerkschaft, bei meiner aber nicht
mehr. Ich habe zwanzig Prozent zum Teil Tarifgebundene. Was soll ich
denn eigentlich machen? Deshalb sage ich, liebe Kolleginnen und
Kollegen, das ist keine Frage von Sozialromantik. In einer
Gesellschaft, die so diversifiziert ist, die solche Niedriglohnbereiche
oder Dienstleistungsbereiche hat, wie wir sie haben, gehört ein fester
Mindestlohn dazu. Es muss unten ein Deckel sein. Es kann nicht sein,
dass die Leute losgeschickt werden, anschließend bei mir ankommen und
sich dann noch andere darüber beschweren, dass wir so viel Geld
ausgeben für passive Leistungen, Arbeitslosengeld II. Eine zehnstellige
Zahl - ich werde das in diesem Jahr noch deutlich machen - gebe ich
aus, weil andere so niedrig - - (Lachen)
Ja, das ist der Übermut des Ministers; leben wir einen Augenblick
damit. (Heiterkeit) Eine zehnstellige Zahl gebe ich dafür aus - bei mir
wird das angerechnet, weil ich das ausgebe; ich werde dafür kritisiert,
dass ich so viel Geld ausgebe -, dass es Arbeitgeber gibt, die so
niedrige Löhne zahlen. Das hängt an einer Mentalität, die wir in diesem
Land brechen müssen; die heißt „Geiz ist geil“. (Beifall)
Niedrige Verbraucherpreise sind gut, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Aber wenn die Löhne von irgendwelchen Postdiensten so niedrig sind,
dass sie anschließend mit ihren Steuern den Rest der eigenen Löhne
bezahlen, wird die Sache absurd. Genau an der Stelle sind wir. Deshalb
müssen wir dort auch etwas verändern, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Wir haben das Gesetz also einstimmig im Kabinett eingebracht, um das
noch einmal festzuhalten. Ich gehe davon aus, dass bis zum 30. November
im Bundestag und im Bundesrat die nötigen Beschlüsse gefasst werden.
Ich gehe auch davon aus, dass im Dezember Zeit sein wird, die
Verordnung auf den Weg zu bringen und vor dem 1. Januar des nächsten
Jahres die Mindestlohnpost in Fahrt zu setzen. Das ist so vereinbart,
das so soll sein und dafür stehen wir ein und dafür sorgen wir in den
kommenden Wochen und Monaten, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Zur guten Arbeit gehört die Humanisierung der Arbeitswelt. Dazu will
ich Anfang nächsten Jahres ein Konzept für die Bundesregierung vorlegen
und deutlich machen, was wir uns zu tun vorstellen. Dieses ist, liebe
Kolleginnen und Kollegen, ein Thema, das dringend aufgefrischt werden
muss. Ich kann mich an den größten Kongress unter Otto Brenner über die
Humanisierung der Arbeitswelt erinnern - lang, lang ist es her -; die
Zahl der schweren Unfälle ist geringer geworden, aber es gibt neue
Krankheitsbilder, die schwierig sind und denen man schlechter begegnen
kann als manchen schweren Unfällen, die man durch geschickte
Anweisungen und durch ordentliche Maschinen verhindern konnte.
Die 27 EU-Länder haben beschlossen, sie wollten bis zum Jahre 2012 die
schweren Unfälle um 25 Prozent reduzieren. Deutschland wird gut mit
dabei sein. Aber was machen wir mit den Augen? Was machen wir mit dem
Rücken? Was machen wir mit der Psyche? 30 Prozent der
Erwerbsminderungsrentner des letzten Jahres waren Leute mit psychischen
Belastungen. Das kann man nicht dadurch verhindern, dass man Maschinen
anders baut, sondern dies ist eine Frage, die an die Gesellschaft
insgesamt geht.
Wir haben keine Illusionen. Arbeit bleibt anstrengend. Arbeit wird
immer auch zu Verschleiß führen. Aber es gibt schon Unterschiede, wie
man es macht. Arbeit soll so sein, dass sie den Menschen anstrengen,
aber nicht kaputtmachen darf. Dazu wollen wir in dieser Regierung einen
Beitrag leisten, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Lebhafter
Beifall)
Zu guter Arbeit gehört Bildung und Ausbildung sowie Qualifizierung. Ich
knüpfe an die Facharbeiterdebatte der letzten Monate an, bei der
plötzlich welche kamen und sagten: Es fehlen uns 30.000 Ingenieure -
und da fehlen welche, und dort fehlen welche. Wir hatten aber 60.000
arbeitslose Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt, jetzt nur noch 30.000. Wir
versuchen weiterhin zu vermitteln.
Ich muss hier das Thema nicht ganz aufmachen; das wäre eine lange
Geschichte auch über versäumte Notwendigkeiten. Darüber müsst Ihr auch
sprechen. Die Weiterbildung ist in Deutschland eine völlig
unterrepräsentierte politische Idee im Vergleich zu anderen
Ländern.
Michael Sommer war vor wenigen Tagen in Schweden. Ich war in den
letzten Tagen auch dort; deshalb weiß ich das. Wir sind hinter ihm
hergefahren. Manchmal mache ich das. Wir haben gemerkt: Es gibt eine
andere Tradition in diesen Dingen. Ich will heute zu der ganzen
Facharbeiterschaft nur so viel sagen, liebe Kolleginnen und Kollegen:
Die eigenen Potenziale in diesem Land ausbilden und qualifizieren - das
ist entscheidend. Wir müssen die Arbeit, die es in Deutschland gibt,
mit den Menschen tun können, die legal in Deutschland sind. Das ist
keine Frage der Hautfarbe oder des Passes oder der Religion. Die, die
hier im Lande sind, müssen Ausbildung, Bildung und Qualifizierung
erfahren, und sie müssen die Arbeit machen können, die es in diesem
Lande gibt. Die Welt ist kein Arbeitskräftereservoir, wo man sich mal
eben ein paar 10.000 holt, wenn einem plötzlich etwas fehlt, sondern
wir müssen die eigenen Leute von vornan in der Schule ausbilden und
danach hinreichend qualifizieren. Dort gibt es in den nächsten Jahren
genug zu tun, liebe Kolleginnen und Kollegen. (Lebhafter Beifall)
Zu guter Arbeit gehört, dass wir eine familienfreundliche Organisation
der Arbeitszeiten haben. Von den Arbeitslosengeld-II-Empfängern mit
Kindern sind etwa die Hälfte Alleinerziehende - 95 Prozent Frauen. Das
ist völlig disproportional zu den Realitäten. Das zeigt aber, dass an
der Stelle etwas in Deutschland fehlt. Bis vor vielen Jahren hätten wir
- das ist 15, 16, 17 Jahre her - etwas dazulernen können, nämlich, dass
wir in der Zeit vor der Schule mehr und gute Betreuungsbereiche
bräuchten, dass wir den Kindern Krippenplätze und
Kindertagesstättenplätze hätten anbieten sollen.
Damals war es noch in den vielen Ländern der Bundesrepublik West so,
dass alle gesagt haben: Krippen hätten etwas mit Weihnachten zu tun.
Mehr wussten sie nicht davon. Inzwischen ist es klarer geworden, um was
es geht. Es gehört mit zur Familienpolitik, dass wir dieser jungen
Generation Frauen eine echte Chance bieten. Diese junge Generation von
Frauen denkt über das, was Beruf, Familie und Kinder angeht, anders,
als unsere Mütter es getan haben. Das war damals eine andere Zeit.
Diese sollen aber jetzt, ohne dass wir ihnen irgendetwas vorschreiben
wollen, die Chance haben, wenn sie wollen, Familie, Beruf und Kinder
miteinander zu verbinden. Sie sollen nicht nur auf Kongressen etwas
über Quote hören; sie sollen im praktischen Leben ihre beruflichen
Chancen haben, so wie die jungen Männer auch. Dafür müssen wir
miteinander streiten. Das wollen wir als Bundesregierung auch.
(Lebhafter Beifall)
Dieser Teil hat übrigens auch etwas mit der Bekämpfung von Armut zu
tun, von Kinderarmut in ganz besonderer Weise. Wir diskutieren zurzeit
in der Koalition über die Frage des Erwerbstätigenzuschusses, verbunden
mit dem Kinderzuschlag, um zu versuchen, einige 100.000
Bedarfsgemeinschaften, Familien, Kinder außerhalb von Arbeitslosengeld
II zu halten und sie zu stabilisieren. Das werden wir in den nächsten
Wochen und Monaten präzisieren. Ich glaube, dass wir das hinbekommen
können.
Wir werden aber im November auch über die Entwicklung der
Verbraucherpreise in diesem Monat berichten. Es gibt ja
Zeitungsberichte darüber. Etwas Genaues weiß man nicht; man kann es nur
einschätzen. Ich habe das dem Statistischen Bundesamt gegeben. Es wird
uns darüber berichten. Wir werden im November wissen, was zu tun ist
und an welcher Stelle wir ansetzen können.
Ich wiederhole hier etwas, was ich im Bundestag gesagt habe und was
dort auch missverstanden worden ist - aber dies ist hier eine
politische Ver-sammlung. (Heiterkeit)
Ich habe gesagt, wenn wir im November zu dem Ergebnis kommen sollten,
dass die Eckregelsätze für die Kinder unter 15 - das sind 208 Euro -
fünf Prozent zu niedrig seien und sie zehn Euro mehr haben müssten,
wäre das etwa eine halbe Milliarde im Jahr. Meine Frage, die ich im
Bundestag gestellt habe, war: Wäre das eigentlich vernünftig, die zehn
Euro zu zahlen? Oder wäre es nicht vernünftiger, im Interesse der
Kinder dieses Geld dafür einzusetzen, dass sie die Möglichkeit haben,
in vernünftige Vorschuleinrichtungen zu gehen oder dass sie ein
anständiges Mittagessen in den Kinder-tagesstätten und in den Schulen
bekommen? Wäre eine solch konkrete Hilfe nicht besser, als wenn man das
Geld irgendwo verstreute? (Lebhafter Beifall)
Das ist keine ganz einfache Frage, weil natürlich die anderen Familien
sich davon betroffen fühlen könnten. Aber wir müssen das Ganze von den
Kin-dern her denken. Das Recht auf Bildung und das Recht auf Ausbildung
ist ein Menschenrecht. Das fängt ganz vorne an. (Beifall) Das ist die
große Tradition bei den Gewerkschaften immer gewesen. Bildung ist die
Voraussetzung dafür, seine eigenen Rechte wahrnehmen zu können,
Bescheid zu wissen, nicht untergebuttert zu werden, mitreden zu können,
in der Demokratie mitwirken zu können.
Und deshalb bei allem, was man zu den Ansprüchen, die Familien haben,
sagen kann: Jedes Kind muss die Chance haben, vor der Schule, in der
Schule und danach eine ordentliche Bildung und Ausbildung zu erfahren
und menschenwürdig leben zu können. Dafür müssen wir miteinander
streiten, so gut das nur geht, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Lebhafter Beifall)
Und zu guter Arbeit gehören Arbeitnehmerrechte - in Deutschland, in
Eu-ropa und weltweit. Wir haben uns in der Bundesregierung vorgenommen,
einen neuen Anlauf zu nehmen - zusammen mit der ILO, mit der
Internationalen Arbeitsorganisation; mit anderen auch -, darüber zu
sprechen, was wir eigentlich in Europa und in der Welt tun können, um
die schlimmsten Missstände auszuräumen und ihnen zu begegnen. Das ist
nicht leicht, und ich will nicht so tun, als hätten wir dafür den Stein
des Weisen, um das mal eben machen zu können.
Gegen Sklavenhandel und Kinderarbeit sind wir alle - darin sind wir uns
einig -, aber es gibt sie. Und es gibt soziale Standards in der Welt,
in anderen Ländern in Europa, die wir für völlig undenkbar und für
unakzeptabel halten. Ich will uns damit nicht belobigen und nicht
sagen, dass bei uns alles gut ist. Ich sage nur: Die Idee des
Internationalismus, des Zusammenhalts auf der Ebene derer, die soziale
Politik wollen, ist gefragt. Gerade wenn man ein Gegengewicht zu der
großen Finanzindustrie stellen will, die international unterwegs ist,
wird das nur gehen, wenn alle, die auf Demokratie setzen, politisch in
den Arbeitgeber- und in den Arbeitnehmerverbänden, in den
Gewerkschaften -, wenn alle die beieinanderstehen und sagen: Wir wollen
gemeinsam dafür streiten, dass diese globalisierte Welt eine Welt ist,
die sozialen Ansprüchen genügt.
Wir können nicht zufrieden sein mit dem, was bei uns im Land passiert.
Wir müssen über den eigenen Tellerrand hinaus gucken. Wir wollen die
soziale Dimension Europas. Wir wollen, dass dieses Europa in
sozialstaatlichem und sozialpartnerschaftlichem Handeln als soziale
Marktwirtschaft funktioniert, und wir müssen diese Idee auch in die
Welt hinein rufen. Die Kunst, um die es in der Politik geht, ist: Wie
bekommen wir es hin, dass ein Europa mit 27 souveränen Staaten es
schafft, sich abzustimmen - ohne eine große Regierung oben drüber, ohne
dass ein Staatenbund oder ein Bundesstaat entsteht -, und wie es Formen
der Zusammenarbeit findet, die dazu führen, dass die ökonomischen, die
ökologischen und die sozialen Interessen aufeinander abgestimmt zu
einer vernünftigen, kohärenten Politik führen. Das ist die Aufgabe für
die nächsten Jahrzehnte; denn das wird man nicht mehr allein im eigenen
Land organisieren können.
Ich freue mich, dass die Gewerkschaften auf europäischer Ebene so
intensiv und ausführlich mit dabei sind. Im letzten halben Jahr während
unserer Prä-sidentschaft war es besonders intensiv. Ich glaube, ich
habe Michael Sommer im letzten halben Jahr häufiger in Brüssel oder
irgendwo unterwegs gesehen als hier in Deutschland. Aber das ist auch
gut, und es ist wichtig, dass man immer mit am Tisch setzt und über das
redet, was man miteinander für Deutschland und für Europa tun
kann.
Es ist manchmal schwer mit Euch, liebe Kolleginnen und Kollegen
(Heiterkeit) - mit mir aber auch; ich weiß das. Da steht es eins zu
eins. Trotzdem sage ich Euch hier aus vollem Herzen: Der Streit um den
richtigen Weg ist für Demokraten keine Schande. Keiner hat von Anfang
an die Wahrheit auf seiner Seite. Es ist immer gut, dem anderen noch
einmal zuzuhören; denn es könnte ja sein, dass er doch ein bisschen
recht hat. Dieses Harmoniebedürfnis in Deutschland - „Ihr wollt doch
alle was Gutes; vertragt Euch doch!“ - ist Quatsch. (Vereinzelt
Beifall) Wir müssen über den richtigen Weg streiten. Ich sage Euch: Man
muss als Politiker, zumal in einer solchen Regierung, immer so tun, als
wüsste man genau, wie alles geht. Man weiß es nicht, aber Ihr wisst es
auch nicht. Deshalb müssen wir miteinander darüber streiten, wie man es
richtig machen kann. (Vereinzelt Pfiffe) - Ertragt das mal einen
Augenblick. So ist das.
Wir müssen miteinander streiten, und dazu gehören starke
Gewerkschaften. Wo immer es Reibungsflächen zwischen uns gibt, Ihr
könnt ganz sicher sein, sowohl bei mir als auch bei der gesamten
Regierung: Wir wissen, dass wir in diesem Land starke Gewerkschaften
brauchen, die was im Kreuz haben. Diese Gesellschaft, diese
Wohlstandsgesellschaft, diese soziale Marktwirtschaft hat funktioniert,
weil wir bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern Leute hatten, die etwas
vereinbaren konnten, und wer ein bisschen von dem ganzen Spiel
versteht, der weiß, dass es in der großen Tarifkommission manchmal
schwieriger war als bei den Verhandlungen am Tisch, als man über die
Tarifverträge gesprochen hat; denn in der großen Kommission hatte man
oft ganz andere Erwartungen. Aber wir brauchen auch in Zukunft starke
Gewerkschaften, die die Interessen der Arbeitnehmer erstreiten und wenn
es nötig ist, hoffentlich selten, auch erstreiken können. Das ist ein
Stück Demokratie. Das soll nicht verschwinden; das muss auch in Zukunft
als eine große soziale Komponente in diesem Deutschland vorhanden sein.
In diesem Sinne: Gute Zusammenarbeit, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall)
Aus Eurem und aus unserem Bereich - jetzt rede ich einen Augenblick
nicht in der Rolle des Regierungsmitglieds - gab es Karl Richter aus
Berlin. Frank Bsirske und ich haben ihn geehrt. Er war ein
Gewerkschafter aus dem Bereich der Drucker. Das waren damals bei Euch
die Intellektuellen, jedenfalls hat er immer so gesprochen. Er war bei
unserem Besuch zu seinem 100. Geburtstag sehr gut drauf. Er war ein
kleiner, aber gleichzeitig ein großer Mann, so wie wir viele gekannt
haben in unseren Parteien und in den Gewerkschaften, von denen man
lernen konnte. Ich habe ihn gefragt, als wir ihn zum 100. Geburtstag
gratulierten: „Karl, was ist das Resümee Deines Lebens? Auf was kommt
es an?“ Er hat gesagt: „Du musst das Leben nehmen, wie es ist; aber Du
darfst es nicht so lassen.“ (Beifall)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich fand das genial; denn das ist die
Botschaft: Man darf nicht auf Wolke sieben unterwegs sein. Man muss
wissen, was Sache ist. Man muss auch wissen, wo die Haken und die Ösen
sind, was geht und was nicht geht. Aber man darf sich nicht damit
zufrieden geben. Wenn wir in die Position kommen, dass wir sagen: „Das
ist alles so, wie es ist; da kann man halt nichts machen“, dann ist es
zu spät. Wir müssen den Fortschritt wollen. Gewerkschaften haben das
gewollt, andere Parteien haben es auch gewollt. Wir müssen antreten, um
den Fortschritt zu entwickeln, und wenn die Philosophen kommen und
sagen: „Es gibt keinen Fortschritt“, dann sagt ihnen: „Das ist egal;
ich will ihn trotzdem.“ Wir müssen im Großen und im Kleinen dafür
kämpfen, dass es besser wird. Dafür gibt es genug zu tun. Und seid
sicher: Wir werden in Deutschland, wenn wir miteinander streiten -
Gerechtigkeit, Würde und Solidarität vorne an -, in den nächsten Jahren
bei aller Anstrengung, die nötig ist, eine gute Zeit haben können -
zwar nicht ohne Sorgen, aber wir können unseren Kindern und
Kindeskindern sagen: Ja, das Land ist stark. Wir wollen miteinander
erreichen, dass es ein demokratisches Land wird, ist und bleibt, dass
es ein soziales Land wird, ist und bleibt. Diese Idee müssen wir in
Deutschland hochhalten und weiter vorantragen. Dann bin ich nicht bange
vor dem, was die Zukunft uns bringt. - Vielen Dank und ein herzliches
Glückauf. (Beifall)